Cichorie (Cichorium L.) heißt eine der Familie der Kompositen angehörige Pflanzengattung, welche europäische und in den Ländern am Mittelmeere einheimische Kräuter umfaßt, mit doppelter Hüll⸗⸗ decke, einer äußern etwa fünfblätterigen und einer innern acht⸗ bis Dlauen Biumen mit lauter zungen-Ihnabello meist blauen Blumen und gleichförmigen, chnabellosen Früchten, die eine aus Spreuborsten bestehende kurze Fruchtkrone tragen. Überall in ganz Europa, an Wegen, Ackerrändern und auf Grasplätzen wächst die gemeine C. (C. Intybus L.) oder Wegwart, auch Sonnenwirbel, wild, welche eine lange, möhrenartige, außen schmutzig⸗⸗ oder bräunlichgelbe und innen weiße Wurzel besitzt! und meist blaue (selten blaßrote oder weiße) Blumen trägt, und deren blütenständige Blätter lich breiterm, etwas umfassendem Grunde lanzettli sind. Wegen ihrer Wurzel, welche das hauptsächlichste bensabrüen der abgibt, und aus der in den Cichorienfabriken der sog. Cichorienkaffee (s.unter Cichorienfabrikation) bereitet wird, findet ein ausgebreiteter Anbau dieser Pflanze statt. Besonders ist dieser Anbau ausgedehnt im Magdeburgischen, in Thüringen, Böhmen, Psterreich, Mähren und in der Mark. Der Anbau der C. bedeckte im J. 1880 in Deutschland 11078 ha, wovon 5800 ha auf die Provinz Sachsen kommen; davon wurden geerntet 4787000Ctr. grüne Wurzeln, welche 18 150 Darren zu 1318 600 Ctr. gedarrter C. verarbeitet wurden. Es wurden davon im Inlande verwendet 1100000 Ctr. im Werte von 8 Mill. Mark und ausgeführt 242978 Ctr. zu 2Mill. Mark. Die C. ver —. einen reichen, lockern, leichten Boden mit tiefer Ackerkrume; frische Düngung verträgt sie dadegen nicht. Ihre Aussaat geschieht im April und Anfang Mai; die Ernte erfolgt im September und Oktober. Früher war der Handel mit Cichorienkaffee weit ausgebreiteter als jetzt, da viele andere wohlfeile Kaffeesurrogate seinen Gebrauch eingeschränkt haben. Die Blätter der C. geben ein gutes Viehfutter ab; ja in England baut man die C. bloß zur Fettweide für Hammel. Einige Kulturformen der C. haben für den Gemüsegarten eine gewisse Bedeutung erlangt, indem die im Lande erzogenen Wurzeln einer Art von Treibkultur unterworfen werden und in den Blättern einen angenehm-bitterlich schmeckenden Salat liefern. Die in Frankreich hierfür benutzte Form ist der Kapuzinerbart (Barbe de Capucins). Man säet den Samen von April bis Juni in Reihen, die 60 em voneinander entfernt sind, bringt die Pflanzen nach und nach auf einen Abstand von 20 em, nimmt die Wurzeln auf, wenn die Frostzeit herankommt, und bewahrt sie in einer Grube auf, um sie für das einzuschlagende Treibverfahren zur Hand zu haben. Für die Treiberei bereitet man in einem vollkommen dunklen und frostsichern Keller vor der Mauer ein Beet aus frischem Pferdedünger, stellt die von den Blättern befreiten Wurzeln, wenn dieses eine Wärme von 15 C. erhalten hat, bündelweise in dichten Reihen darauf, und überspritzt sie häufig mit lauwarmem Wasser, bis die Blätter erscheinen. Diese sind wegen Mangels an Licht farblos (gebleicht) und von zartester Beschaffenheit und werden nach zwei bis drei Wochen, wenn sie 10 em lang geworden sind, zum Verbrauch abgenommen. V den pariser Gemüsehallen werden während der intersaison Tag für Tag sehr bedeutende Mengen dieses Salats verkauft. Wo diese Kultur in Deutschland vorkommt, begnügt man sich damit, die Wurzeln in einem gegen das Eindringen des Frostes geschützten Keller bündelweise in Sand einzuschlagen, aber 7 Anwendung von fermentierendem Dünger, bei welchem Verfahren sich die Blätter um einige Wochen später entwickeln. Hierbei verdient folgendes Verfahren den Vorzug. Man ordnet die von 938 Blättern befreiten Wurzeln kreisförmig und so, daß der obere, dickere Teil nach außen zu liegen kommt, und bedeckt sie mit etwas Sand. Hierüber kommt eine zweite Schicht, die etwas eingerückt und wieder mit Sand bedeckt wird, und so weiter, sodaß zuletzt ein abgestumpft-kegelförmiger Haufen entsteht. In Belgien wird für Speisezwecke eine andere, großwurzelige Form der C., die sog. Brüsseler (Witloof), mit großer Vorliebe angebaut. Hier pflanzt man Ende Oktober oder noch später die in oben angegebener Weise erzogenen Wurzeln, nachdem man die Blätter etwa 5 em über dem Wurzelhalse abgeschnitten und die längern Wurzeln so weit gekürzt hat, daß sie alle von nahezu gleicher Länge sind, mit guter, durchgesiebter Erde in einen 50 em tiefen und etwa 1,20 m breiten Graben mit einem Abstande von nur 3 em unter sich und bedeckt sie 20 em hoch mit derselben Erde. Dieses Beet teilt man in mehrere Partien, um eine nach der andern zu treiben. Zu diesem Behufe führt man eine 60 em hohe, bei zunehmender Kälte auf Im zu erhöhende Schicht frischen Pferdedüngers über die zu treibende Partie und kann nach etwa vier Wochen sehr zarte, blaßgelbe, zu einem Kopfe geschlossene Blätter schneiden, welche als Gemüse oder Salat zubereitet, ein angenehmes Gericht geben. Beide, sowohl der Kapuzinerbart als der Brüsseler Witlook, verdienen auch in Deutschland mehr Beachtung, als man ihnen bisher geschenkt hat. — Eine andere Art dieser Pflanzengattung ist die Endivien-Cichorie oder Endivie (I. d.). ** chicoréêe, engl. suecory-manufacturing), die Verarbeitung der als Ersatz oder Zusatz des Kaffees verwendeten Wurzel von Cichorium Intybus (s. unter Cichorie), mit deren Verfahrungsweisen im allgemeinen die Fabrikation der übrigen wurzelartigen Kaffeesurrogate übereinstimmt. Die C., welche, obwohl das Material derselben so wenig als irgend einer der für den gleichen Zweck benutten Stoffe von den Eigenschaften des echten Kaffees, insbesondere von der nervenerregenden Wirkung desselben besitzt, infolge des reichlihen Vorkommens und leichten Anbaues der Pflanze und der hierdurch bedingten Wohlfeilheit eine größere Ausdehnung als die Fabrikation aller andern Kaffeesurrogate erlangt hat, zerfällt der Reihenfolge nach in die Operationen des Reinigens, Zerkleinerns, Röstens, Mahlens, Dämpfens und Verpackens. Zunächst werden die Wurzeln von der anhaftenden Erde befreit (eine Arbeit, die aufs ermals une vorgenommen werden muß, da andernfalls nicht nur das Röstprodukt einen unangenehmen der Schneidt erhalten, sondern auch die Messer der Schneidvortißt, sind unter K aufzusuchen. richtung bald verdorben werden würden) und hier auf die grünen Teile durch Abhacken mit Messern beseitigt. Während dieser erste Reinigungsprozeß durch Handarbeit n . wird der zweite mittels der sog. Waschtrommel ausgeführt, deren Böden aus Holz hergestellt sind und deren Mantelfläche aus Eisenschienen besteht, durch deren Zwischenräume das zur Reinigung dienende Wasser in das Tromm der Trommel eindringt. Von der auf der rommelachse befestigten Riemenscheibe wird dem Apparat eine langsam rotierende Bewegung erteilt. Durch den Füllrumpf werden die Wurzeln ins Innere der Trommel geworfen, um gereinigt aus derselben herauszufallen. Die Trommel liegt in einem Kasten, der so weit mit Wasser gefüllt ist, daß sie etwa bis zu einem Drittel in dasselbe eintaucht; durch ein am Boden des Kastens angebrachtes Rohr kann das benutzte Waschwasser abgelassen werden. Damit sich die Wurzeln beständig durcheinander bewegen und sich so gegenseitig reiben, ist die Trommelachse etwas geneigt, zu dem gleichen Zweck ist im Innern der Trommel eine flache Eisenschiene derart befestigt, daß sie am Umfang derselben zwei Schraubenwindungen bildet. Durch ein endloses Tuch werden die gewaschenen Wurzeln der Schneidvorrichtung zugeführt, die ähnlich einer Häcksellade oder besser einer Rübenschneidmaschine konstruiert ist. Die zur sofortigen Verarbeitung kommenden Wurzeln können unmittelbar hierauf dem Rösten unterworfen werden; dagegen muß dem für längere Aufbewahrung bestimmten Material mittels besonderer Trockenapparate die Feuchtigkeit möglichst vollständig entzogen werden. Das Rösten der Wurzeln (der wichtigste Teil der betreffenden Fabrikation) muß mit größter Vorsicht vorgenommen werden, damit das Fabrikat möglichst die Färbung des echten Kaffees erreicht. Zweckmäßiger als das primitive Verfahren mittels cylindrisch zusammengebogener Bleche ist die Anwen—⸗ dung eines Apparats, der im wesentlichen aus einem von starkem Eisenblech gefertigten Cylinder besteht, der seiner Länge nach in zwei Hälften geschnitten ist, die, genau aufeinander passend, durch Scharniere und Riegel derart verbunden sind, daß der Cylinder sich leicht — und schließen läßt. An der obern Cylinderhälfte ist eine Art Flintenlauf befestigt, der zum Abzug der beim Rösten entwickelten Dämpfe dient; mittels zweier an jeder Seite an den Enden der untern Hälfte angebrachten Stifte wird der Cylinder in den entsprechend konstruierten Ofen eingelegt. In der Mitte des Cylinders liegt eine außen mit Kurbel versehene Achse, an welcher zwei die Mantelfläche des Cylinders nahezu berührende, schwachgekrümmte Flügel aus Blech angebracht sind, die das zu röstende Material fortwährend durcheinander werfen und mischen. Durch die Umdrehung der Kurbel wird während des Röstens der Inhalt des Cylinders beständig gewendet, sodaß eine gleichmäßige Erhitzung stattsindet; die sich entwickelnden Dämpfe nehmen ihren Weg durch das flintenlaufartige Rohr, um mit den Verbrennungsprodukten durch den Schornstein zu entweichen. Um das Röstprodukt in ein Pulver von der Feinheit des gemahlenen Kaffees zu verwandeln, werden entweder gewöhnliche Mühlen oder solche angewendet, deren vertikal stehende Steine sich um sich selbst drehen und zugleich, ähnlich den Rädern eines Wagens, um eine vertikale Achse im Kreise herumlaufen; außer diesen sind je nach den Betriebsverhältnissen sog. Glockenmühlen oder auch Stampfwerke in Gebrauch. Die von den Zerkleinerungsapparaten kommende Masse bildet ein staubfeines, trockenes Pulver von schwachem Geruch; um aus diesem die im Handel verlangte feuchte, aneinander haftende Masse von einiger Konsistenz und kräftigem Geruch MWanteral mn wird das geröstete und gemahlene aterial mit Wasserdampf gesättigt. Diese Operation wird meist in besondern Kammern (Dampfkammern) vorgenommen, in welchen das Pulver auf passenden Unterlagen aus Zinkblech ausgebreitet, die übereinander liegend auf Gestellen angebracht sind, den Dämpfen des in einem Kessel im Kochen erhaltenen Wassers ausgesetzt wird. Wo als Motor der Arbeitsmaschinen eine Dampfmaschine dient, kann hierfür entweder ein Teil des direkten Dampfes oder auch der abgehende Dampf benutzt werden. Bis zum Verpacken wird das fertige Fabrikat in Kästen mit gut schließendem Deckel, die zum Schutz gegen das Austrocknen innen und außen mit Papier ausgeklebt sind, aufbewahrt. Die für den Verkauf der Cichorie gebräuchliche cylinderförmige Aedurch Maschst schnell, gleichmäßig und wohlfeil durch Maschinenarbeit hergestellt. Ein sehr leistungsfähiger Apparat dieser Art besteht aus einem hohlen Holzeylinder, dessen Durchmesser und Länge dem Durchmesser und der Länge der zu füllenden Papierhülsen entspricht. Über demselben hängt an einer Führung ein massiver Holzeylinder, dessen Durchmesser so groß ist, daß er in die Höhlung der zu füllenden Hülse paßt, und an dessen obern Teil ein Gewicht angebracht ist. Durch einen Fußtritt, der an einer über Rollen laufenden Schnur befestigt ist, kann der Volleylinder gehoben oder gesenkt werden. Der den Apparat bedienende Arbeiter hat neben sich zwei Gefäße, von denen das eine die zu füllenden Hülsen, das andere fertige Cichorie enthält. Nachdem er eine Hülse in den Hohlcylinder eingesetzt hat, füllt er ein Blechmaß von genau bestimmtem Rauminhalt mit Cichorie, um dieselbe mittels eines Trichters in die Höhlung der Hülse zu gießen. Indem er sodann den in die Höhlung passenden Vollcylinder herabfallen läßt, wird der Inhalt der Hülse bis zu einem gewissen Grad zusammengepreßt, sodaß ein cylindrisches Päckchen von bestimmter Länge entsteht, welches nun als fertiggestellter Verkaufsartikel in den Handel gebracht wird. Im Handel werden verschiedene Sorten von Cichorie unterschieden; die feinste derselben wird aus reiner Cichorienwurzel angefertigt, die ordinären Sorten erhalten einen mehr oder weniger großen Zusatz von gerösteten Zuckerrüben. Der Hauptplatz der Cichorien- und Kaffee-Surrogat-Fabrikation ist in Magdeburg. Die Zahl der Fabriken im Deutschen Reich ist 123, in Europa 451. Die Ausfuhr 1880 aus Deutschland von Cichorienfabrikaten betrug 178382 Ctr. im Werte von 2500000 Mark. Die frische Cichorienwurzel ent-Hof gegen 75 Proz. Wasser und 25 Proz. Nährtoffe, hauptsa hlich Levulin und Pflanzenschleim in Verbindung mit einem rein schmeckenden aromatischen Bitterstoff, einem Glykosied. Durch das Darren und Rösten wird das Wasser herausgetrieben und die stickstofffreien Stoffe werden mehr oder weniger in Zucker verwandelt, während das Glykosied unverändert bleibt, sodaß ein reines Cichorienmehl 60—80 Proz. löslicher stickstofffreier mißt, sind unter K aufzusuchen Stoffe enthalten muß. Das Getränk aus reiner Cichorie ist nicht unangenehm von Geschmack und Geruch und wirkt anregend auf die Verdauungsorgane, ohne dagegen die nervenerregenden Eigenschaften des Kaffees zu haben. Die Cichorienindustrie ist von großer Bedeutung für Deutschland, weil, abgesehen von den darin entwickelten Werten, durch den Anbau der Cichorie die Tiefkultur des Vodens bedingt wird, die Cichorie in der Fruchtfolge die Nematode des Zuckerrübenbodens vernichtet und anstatt daß Millionen von Mark für Kaffee in das Ausland gehen, diese, unter Schaffung von Arbeit für Tausende von Händen, dem eigenen Lande erhält. Neuerdings wendet man der Cichorie, infolge der eingehenden Untersuchungen der Firma Dommerich u. Comp. in Buckau-Magdeburg, eine wachsende Aufmerksamkeit zu, weil ihr hoher Gehalt an Stärke und Zuckerstoffen eine Verwertung zur Spiritusbrennerei wahrscheinlich macht, sowie außerdem die 600 Zusammensetzung der gedarrten und gerösteten ichorie jener der Gerste so ähnlich ist, daß mittels des gleichzeitig vorhandenen Bitterstoffs die Möglichkeit gegeben ist, durch Gärung ein Getränk zu erzeugen, welches allen Anforderungen eines guten Bieres genügen dürfte und dabei volkswirtschaftlich eine außerordentliche Ersparnis bedingen würde.