FeedColmar oder Kolmar
ErdkundeBrockhaus 1882

Colmar oder Kolmar, Hauptort des elsaßlothring. Bezirks Oberelsaß, Kreis⸗ und Kantonshauptort, 674 km südsüdwestlich von Straßburg, 16Em westlich vom Rhein, 4 km östlich von den Vogesen, an der Lauch, welche hier den von der Fecht abgeleiteten Logelbach aufnimmt, und an der Straßburg-Baseler Eisenbahn, von der hier Zweigbahnen nach Münster und über Neubreisach und Altbreisach nach Fefand: i. Br. abgehen. C. ist Sitz des kaiserl. Bezirkspräsidiums desOberelsasses, des Oberlandesgerichts für Elsaß-Lothringen, eines Landgerichts, der Kreisdirektion für den Kreis C., eines Oberollamts, einer prot. Inspektion, eines prot. und israelit. Konsistoriums, hat ein Lyceum mit (1882) 424 Schülern, zwei kath. Lehrerseminare, eine höhere Töchterschule, ein Bezirks-und ein städtisches Archiv, eine städtische Bibliothek, ein Bezirksgefängnis und zählt (1880) 26 106 E., einschließlich 1233 Mann Militär (76 Proz. Katholiken, 19 Proz. Protestanten, 5 Proz. Israeliten). An hervorragenden Gebäuden besitzt C. die St. Martinskirche von 1263 mit einem Turme, dessen Spitze 1572 abgebrannt ist, und mit Martin Schöngauers Bilde Maria im Rosenhag, das Franziskanerkloster, jetzt Spital; das 1260 erbaute Kloster Unterlinden, jetzt Naturhistorisches und Kunstmuseum und Bibliothek; das Kaufbunett die Getreidehalle, welche 1273 als Dominianerkloster erbaut worden ist; das prachtvolle, gegen 1860 erbaute Gebäude des Bezirkspräsidiums; das Oberlandesgericht mit dem Schwurgerichtssaale, das Theater, die schöne Kavalleriekaserne. Vor dem Bezirkspräsidium sind schöne Spaziergänge und ein großer Platz, das Marsfeld genannt, auf welchem die Statuen des Admirals Bruat und des Generals Rapp stehen; in der Stadt ist ein Denkmal des wie dieser und M. Schöngauer in C. geborenen Dichters Pfeffel. Die glückliche Lage C.S am Ausgange der gewerbfleißigen Thäler von Sulzmatt, Münster und Kaisersberg machen es zum rder Stad eines äußerst regen Binnenhandels. In der Stadt und insbesondere am Logelbach, 2 Em außerhalb der Stadt, gibt es zahlreiche Fabriken, namentlich Baummißt, sind unter K aufzusuchen. wollspinnereien und Webereien, auch Kattun⸗, Pakettuch⸗, Stärke-und Kraftmehl⸗, Seidenschnuren⸗, Wa-Wer Seife⸗ und Lichtfabriken; die Stadt hat zwei erfte, eine Metallgießerei, mehrere Gerbereien, Brauereien und großen Export von Gänseleberasteten, bedeutenden Gemüse⸗, Wein⸗ und Hopfenandel. In der Umgegend von C. wird vorzugsweise Gemüsezucht (Spargel) und Weinbau betrieben. In einer Urkunde von 823 wird zuerst der Ort Columbarium erwähnt als ein königl. Pachthof, um welchen sich die ansehnliche Stadt bildete, welche von Kaiser Friedrich II. als Reichsstadt privilegiert wurde. Als solche gehörte sie später zu den unter der Landvogtei Hagenau stehenden zehn Reichsladt, Hagenau, C., Weißenburg, Landau, Schletttadt, Oberehnheim, Rosheim, Kaisersberg, Türk-Nud. und Münster). Im J. 1278 erhielt C. von udolf von Habsburg die Konstituierung des Stadtrechts und Befreiung von fremder Jurisdiktion und wurde 1285 von demselben Könige belagert, weil es sich weigerte, die geforderten Steuern zu bezahlen. Ebenso sah udfet Adolf von Nassau sich 1293 durch das feindselige Verhalten des Schultheißen Rösselmann und seines Verbündeten Anselm von Rappoltstein zu einer längern Belagerung genötigt und nahm schließlich die Stadt ein. C. wurde 1337, weil es die Juden schützte, von dem sog. König Armleder vergebens belagert, 1358 vom Herzog Rudolf von Osterreich eingenommen. Die Reformation fand 1575 Eingang, doch wurde 1627 den Protestanten die Abhaltung ihres Gottesdienstes untersagt. Infolge dessen eroberten die Schweden unter Horn 1632 die Stadt, mußten dieselbe jedoch wieder räumen, und C. wurde 1634 zum ersten mal von den Franzosen besetzt. Im J. 1673 drang Louvois in die Stadt ein, ließ die Festungswälle schleifen, worauf die Stadt von da ab bis 1870 französisch blieb. Am 5. Jan. 1675 schlug Turenne die Kaiserlichen zwischen C. und Türkheim; der Friede von Nimwegen 1678 bestätigte die Abtretung C.s an Frankreich. Im J. 1698 nahm die oberste Gerichtsbehörde, der souveräne Rat des Elsasses, seinen Sitz in C.; bei Einrichtung der Departements wurde C. Hauptstadt des Depart. Oberrhein und demgemäß 1871 des Bezirks Oberelsaß. Vgl. Liblin, «Chronique de C. de L'an 58 à P'an 1300 (Mülhausen 1867); Hunkler, (Geschichte der Stadt C. (Colmar 1838); Rathgeber, C. und Ludwig XIV.v Stuttg. 1873); derselbe, C. und die Schreckenszeito (Stuttg. 1873); Moßmann, (Recherches sur la Constitution de la commune à Colmary (Colmar 1878); Albrecht, Besuche deutscher Könige und Kaiser in Colmaro (Lpz. 1878). Der Kreis Colmar besteht aus den Kantonen Andolsheim, Colmar, Münster, Neubreisach und Winzenheim und zählt auf 662,95 akm (1880) 82 106 C. in 62 Gemeinden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 510Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6