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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Czechische Sprache und Litteratur. Die czechische Sprache gehört zu der westl. Abteilung der slaw. Sprachen, hat daher innerhalb der slaw. Sprachfamilie die nächste Verwandtschaft zum Polnischen und Lausitzisch-Wendischen. Das Sprachgebiet bildet ein langgestrecktes Viereck, dessen äußerste Spitzen westlich Tauß im Böhmerwalde, östlich Unghvar (im Osten von Kaschau) in den Karpaten sind; demnach enthält außer Böhmen und Mähren auch Ungarn einen bedeutenden Teil czech. Sprachgebietes, und das Hens wird durch folgende Linie ungefähr umschrieben: Südgrenze: Tauß, Krummau, Brünn, Preßburg, Unghvar; Nordgrenze: Unghvar, Troppau Olmütz, Reichen-Pilsen, Tauß; die Ostgrenze läuft in die Spitze bei Unghvar aus. Innerhalb dieses Sprachgebietes unterscheidet man drei Dialektgruppen: 1) die böhmischen leigentlich czechischen) Dialekte, im Königreiche Böhmen, ziemlich genau begrenzt durch die Landesgrenze zwischen Böhmen und Mähren; 2) die mährischen, in Mähren; 3) die slowakischen, in Ungarn, doch ragt das Slowakische in dem Dreieck zwischen Dreyniza, March und Kleinen Karpaten noch nach Mähren hinein. Die heutige Litteratursprache der böhm. und mähr. Czechen beruht auf dem Czechischen im engern Sinne, die Slowaken haben eine eigene Schriftsprache ausgebildet. Das Czechische als eine alte Litteratursprache ist vielfach bearbeitet worden: die erste wirklich wissenschaftliche Bearbeitung der Grammatik gab J. Dobrowsty in seinem „Lehrgebäude der böhm. Sprachev (Prag 1819); M. Hattala schrieb eine vergleichende Grammatik (Srovnävaci mluvnice jazyka beského a slovenského, Prag 1857), J. Gebauer eine Lautlehre (4Hläskoslovi jazyka eskéhon, Prag 1877). Schulgrammatiken und Lehrbücher zum Erlernen des Diehlen für Deutsche sind sehr zahlreich; zu empfehlen ist: „Böhm. Schulgrammatik, für deutsche ou tRenlen und Bildungsanstalten, bearbeitet von . a-Leistung ist das czech. Wörterbuch von Jungmann (4Sloynik zesko-némecky, 5 Bde., Prag 1835— 39), das allen kleinern Wörterbüchern zu Grunde liegt; von den letztern sind viel gebraucht: Schu1851; 3. Aufl., Prag 1874), „Deutsch-böhm. Wörterbuch (2 Bde., Prag 1844 —46); J. Rank, „Taschenwörterbuch der böhm. und deutschen Sprache » (4. Aufl., Prag 1882); ein neues großes Wörterbuch von Kott ist im Erscheinen (bis 1882 3 Bde.). Das Slowalische behandeln: Hattala, Mluvnica jazyka slovenskéhoy 1864), J. Victorin, Grammatik der slowak. Sprachey (4. Aufl. von J. Loos, Budapest 1878), J. Loos, „(Wörterbuch der slowak., ungar. und deutschen Sprachenx (Pest 1871). Die czech. Dialektologie behandelt Sembera, «Zäkladové dialektologie Seskoslovenskén (Wien 1864). Die ezechische Litteratur faw. zu den ältesten und umfangreichsten der slaw. Völker, doch sind aus der ältesten Zeit nur geringe Bruchstücke von Litteraturdenkmälern erhalten (herausg. von P. J. ein Iras und F. Palacky, Prag 1840), darunter ein Fragment aus einer übersetzung des Evangeliums des Johannes, ins 10. Jahrh. gesetzt, und vor allem die Grüneberger Handschrist „ (das Gericht der Libuscha), zwei Bruchstücke epischer Gedichte, denen eine große Bedeutung wegen der darin zum Ausdruck gelangenden rechtlichen und staatlichen Anschauungen beigelegt wurde. Doch wird die Echtheit dieser, sowie der ins 13. bis 14. Jahrh. gesetzten «Königinhofer 9.. . (s. d.) stark angezweifelt, andererseits aber freilich ebenso hartnäckig verteidigt. Sehr reich fließen die Quellen für das Ende der ersten Periode, das 14. Jahrh.; die czech. Litteratur ist hier an der Bearbeitung von Stoffen beteiligt, die durch das german. und roman. Mittelalter hindurchgehen und aus dessen Litteratur entlehnt sind; es tritt eine Kunstpoesie auf, die auch in der Form, im Versbau und namentlich durch den der slaw. Poesie fremden Reim sich als eine Nachahmung Buenden Muster bekundet. Hierher gehören eine enge versifizierter Legenden: von Sagenstoffen eine Alexandreis (Erzählungen von Alexander d. Gr.), Tristram, Tandarias und Floribella u. a.; allegorische Gedichte, z. B. Streit des Körpers und der Seele; Lehrgedichte, z. B. eine Übersetzung der sog. Catonischen Sittensprüche, Rat eines Vaters an seinen Sohn, der Neue Rat von Smil Flaschka von Pardubitz. Die Geschichtschreibung ist vertreten durch Dalimils Reimchronik, durch die in I++ W g. Chronik Pulkawas, ein Leben arls IV. u. a. Der bedeutendste und fruchtbarste Prosaschriftsteller ist aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. Thomas Schtitny, dessen theol. und philos.⸗moralische Schriften sich durch Kraft und Originalität sowie durch Reinheit der Sprache auszeichnen. In die zweite Periode, 1409 — 1620, fällt die Blütezeit der ältern czech. Litteratur. Am Anfang steht Huß (1369 — 1415); seine zahlreichen theol. und belehrenden Werke waren in stilistischer und sprachlicher Beziehung mustergültig. Der bedeutendste Schriftsteller und Denker nach Huß war Peter Chelczizty (s. d.), der eigentliche Begründer der Böhmischen Brüdergemeine. Der Aufschwung der czech. Nation infolge der zugleich nationalpolit. und religiösen hussitischen Bewegung konnte wegen der einen großen Teil des 15. Jahrh. ausfüllenden innern und äußern Kämpfe, die mit dieser Bewegung verbunden waren, der Litteratur nicht gleich zugute kommen; erst gegen Ende dieses Jahrhunderts und namentlich im 16. erhebt sie sich zu kräftiger Blüte, hier wie überall angeregt durch das wiedererwachte Studium der röm. und griech. Litteratur. Die benach Thätigkeit dieses Zeitraums ist dem Inhalte nach im ganzen unbedeutend und besteht meist in der Dichtung geistlicher Lieder (anbeeachtenswertesten sind die der Böhmischen Brüder). Die Litteratur dieser klassischen Periode ist daher wesentlich eine Prosalitteratur, deren verschiedene Zweige fast alle reichlich vertreten sind. Die Geschichtschreibung des eigenen Landes hat einen unkritischen, aber viel gelesenen und benutzten Bearbeiter in Wenzel Hajek von Libotschan sind noch zu erwähnen: Daniel Adam Weleslavin Geschichtskalender), Johann Kozin (übersetzung der Kirchengeschichte des Eusebius), Paul Skala (Kirchengeschichte von der aogohen Zeit bis 1623); in der Oramakn Paul sap Koldin (gest. 1563); als Grammatiker Blahoslaw (1571). mißt, sind unter Tsch aufzusuchen. Von 1579 bis 1598 entstand durch eine Gesellschaft von Männern die ausgezeichnete Bibelübersetzun der Böhmischen Brüder, die o Kralitzer Bibel, auch in Betreff der Sprache eins der hervorragendsten Denkmäler der czech. Litteratur. Proben der Litteraturdenkmäler aus der ältesten Zeit bis ans Ende des 16. Jahrh. sind gesammelt in Vybor 2 literatury zeské, (&Auswahl aus der czech. Litteraturo, 2 Tle., Prag 1845—68). Die dritte Periode, 1620 bis auf Joseph II., ist die des Verfalls. Der Verlust der polit. und religiösen Selbständigkeit, die kath. Reaktion unter Ferdinand II., die Leiden des Dreißigjährigen Kriegs brachen die Blüte der Litteratur vollständig. Dieselbe fristete ein kümmerliches Dasein und war auf dem Wege, ganz verloren zu gehen, indem das Interesse für die ältere Litteratur schwand und was neu produziert wurde, an Inhalt unbedeutend und in Form und Sprache aufs äußerste vergröbert und verwahrlost war. Nur Amos Komenseh oder Comenius d.) leuchtete aus dieser Finsternis, aber auch schon im Auslande lebend und dort seine Werke druckend. Es verbreitete sich die Anschauung, daß die czech. Sprache für höhere litterarische Zwecke überhaupt nicht mehr zu brauchen sei. Die erste, wenn auch nur mittelbare Anregung zur Wiederbelebung einer czech. Litteratur geschah deleet die Thätigkeit von Männern wie Pelzel, Dobrowseh u. a., die, wenn auch 10 racht czechisch schrieben, durch ihre histor. und sprachlichen Forschungen das Interesse an der Benzangenheit förderten und das Nationalbewußtsein hoben. Die freiere Bewegung unter Joseph II. wirkte ebenfalls dahin, Relt am Anfang des 19. debdr czechische Schriftsteller ein wirkliches Wiederbeleben der Litteratur versuchen konnten, und damit beginnt die vierte Periode dieser Litteratur. Das nächste Bestreben war auf Reinigung der Sprache von Mißverständnissen und Verderbnissen sowie auf Herstellung eines würdigen Ausdrucks und geregelter Form für die Poesie gerichtet. Das geschah namentlich von Puchmayer und Jungmann, teils durch eigene Erzeugnisse, teils durch übersetzungen aus der klassischen Poesie anderer Völker. Die Gründung des Nationalmuseums 1818, hervorgegangen aus dem Streben, der gesamten auf die Belebung der nationalen Interessen gerichteten Thätigkeit einen Mittelpunkt zu verschaffen, förderte in ungeahnter Weise die Litteraturentwickelung. Durch die Auffindung der Grüneberger und Königinhofer Handschrift (1817 und 1818) glaubte man nationale Muster der Poesie gefunden zu haben, die ähnlichen Erzeugnissen anderer Völker nicht nachzustehen schienen und mit Begeisterung aufgenommen wurden; so hat sich eine moderne czech, Litteratur entwickelt, die man mit Rücksicht auf den nicht großen Umfang des Volks und die mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten bedeutend nennen muß Fast nleuhrein traten drei Dichter von hoher Begabung auf: M. Z. Poläk mit einem beschreibenden Gedicht (Erhabenheit der Naturo, 1819), Jan Kollär mit einer kleinen Sammlung erotischer Gedichte (ESonettev, 1821) und don Gebich law Czelakowsky mit einer Sammlung von Gedichten (1822). Poläk ist seitdem fast verstummt, bei Kollär dagegen und an nach. tar Uie wichtige dichterische Leistungen nach. Kollär ließ 1832 seine Gedichte ver-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IV. mehrt unter dem Titel Slävy Deera (Die Tochter Slävasv, 3. Aufl. 1862) erscheinen und gründete hiermit feinen Ruhm als erotischer und slawischpatriotischer Lyriker. Czelakowsky dichtete seinen Ohlas pisni ruskycho und «Ohlas pisni deskych- (Widerhall russischer, 1829, und und seune Nationallieder, 1840, episch und lyrisch) und seine cRüze tischen und reflektierenden Inhalts, 1840) und hat sich als Dichter Kollär wenigstens gleichgestellt, als Meister der Form ihn weit or der Are Beide starben 1852, Kollär als Professor der Archäologie in Wien, Czelakowsey als Professor der Slawistik in Prag. Neben und nach ihnen Auma sich in der Poesie hervor ethan: als Lyriker Kamaryt, Vacek-Kamenicky, Picek; als Lyriker und Didaktiker Jablonsky; als Epiker Holly, Wozel und insbesondere K. . Erben ((Kyticed, 1853); als Satiriker Koubek, Rubesch und Hapliczek; als Dramatiker Klizpera, Tyl, Mikovez und Georg Kolar; als Romandichter J. Marek (pseudonym Jan z Hvezdy), Chocholouschek, Hlinka (pseudonym Frant. Prawda) und insbesondere Tyl und Frau Bozena Nemcovä, — 7 durch patriotische Tendenz seiner Romane, diese durch meisterhafte Zeichnungen des Volkstümlichen, ferner Vinatickh u. a. x‚ In der Mitte der funfziger Jahre vollzieht sich in der poet. Litteratur eine chlin M remde Muster (Byron, Victor Hugo, Puschkin, Mickiewicz, neuere deutsche Dichter) finden un der Wabl ihr Einfluß offenbart sich — * in der Wahl des Stoffs, indem man von dem bisher überwiegenden Patriotischen mehr und mehr zum allgemein Menschlichen le Vore als auch in einer leichtern Form. Der erste Vertreter dieser neuen Richtung war Macha (geb. 1810, gest. 1836), dessen Mäjv, eine Epopöe in Byrons Stil, jugendliche Leser über-Richtt anzog und junge Dichtertalente der neuen ichtung zuwendete. Die Opposition, die dies hindern wollte, hörte auf, als eine stattliche Schar junger Dichter auftrat und sich durch gelungene Leistungen Anerkennung verschaffte. Um die Konzentrierung und Führung dieser neuen Dichterschule Peroi Hälek (gest. 1874) und Neruda das größte erdienst, und das Wirken dieser neuen und der sich ihr anschließenden —.— Dichtergeneration offenbart sich in einem ungeahnten Aufschwunge der czech, poetischen Litteratur, hauptsächlich im Gebiete der eil und Epik (den Roman mit einbegriffen), zum Teil auch im Drama. Die Dichter umfassen meist mehrere Gehiete und die Leistungen entsprechen den ästhetischen Anforderungen immer mehr und mehr. Außer Hälek und Nerudg haben sich Heyduk, Ggla⸗ Jeiäbek, Jahn, Vleek, Bozdech, Smilovskh, chulz und die Damen Eliska Kräsnohorskä und Karolina Svetla besonders hervorgethan, und unter den neuesten Epigonen, unter denen sich viele gewandte Erzähler und Lyriker befinden, nehmen Svatopluk Czech und Jaroslaw Vrchlicky die erste Stelle ein. ö In der wissenschaftlichen Littergtur sind alle Hauptsacher boarbeitet. Das wichtigste ist das der slaw. und böhm. Geschichte, vertreten durch Werke von Schafarik (ESlaw. Altertümerp, 1837 u. öfter), Palackh (4Geschichte von Böhmen bis 15269, 1848—-67; 2. und teilweise 3. Aufl. 1876— 78) und Tomek (Geschichte von Prago, Bd. 1, 1852; Bd. 5, 1882, bis 1436 reichend), sowie durch zahlreiche Arbeiten anderer (Gindely, Dudik, Jos. Jireczek, Kalousek, Rezek, Tieftrunk, Zoubek, Goll, Sedlädek, Kola, Smolik, Brandl, Emler). Einige Vertreter der böhm. Grammatik und Litteraturgeschichte sind teils am Eingange, teils am 30 Jol. dieses Artikels genannt; außer ihnen sind noch Jos. Jireczek, Zikmund, R biczka, 1 und Bartosch 40 erwähnen. Die llafsische Philologie ist durch J. Kvikala, J. Niederle u. a. vertreten. Im Fache der juridischen Litteratur sind namentlich die Forschungen und Schriften über slaw. Recht von Palacky, Hermenegild Jireczek, Jaromir Czelakowsky, Hanel und Brandl hervorzuheben. Ferner sind anzuführen auf dem Gebiete der Philosophie Lindner, Masaryk und Durdik; auf dem Gebiete der Mathematik, Physik und Geographie: Studniéka, Em. und Ed. Weyr, Seydler, Zenger, Nch Palackth und Jos. Erben; in den Raturowsky, Krejczi, Frycz, Vejdowskh, J. Purkyne, Weiß, Eiselt, Schöbl u. a. Vgl. neben den ältern Arbeiten von Dobrowsky, Schafarik (4Geschichte der slaw. Sprachen und Litteraturen v5, Ofen 1829; 2. Abdruck, Prag 1869), Jungmann, die czechisch geschriebenen Litteraturgeschichten von Sabina (Prag 1863—66), Schembera (4. Aufl., Wien 1874), Tieftrunk (2. Aufl., Prag 1880), die Laertapan Artikel im Slovnik Nauényn (Czech. Encyklopädie, 11 Bde., Prag 1859 — 74) und namentlich Pypin und Spasovie, Istorija slavjanskich literaturo (Geschichte der slaw. Litteraturen », 2. Aufl., Petersb. 1879 — 81; deutsch, Bd. 1, Lpz. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 752Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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