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ErdkundeBrockhaus 1882

Dalmatien, ein Küstenstrich am Adriatischen Meere, mit den anliegenden Inseln das südlichste Kronland der Ssterreichisch-Ungarischen Monarchie, zu deren cisleithanischem Teile gehörig, ist nördlich von dem kroat. Küstenlande, östlich von Bosnien, der Herzegowina und Montenegro, südlich von Montenegro begrenzt. Der nördlichste Punkt ist die kleine Insel San-Gregorio nördlich von der größern Nachbarinsel Arbe zwischen dem Kanal del Quarnero und della Morlacca, der südlichste Ort das durch den Berliner Frieden vom 13. Juli 1878 von der Pforte an Österreich abgetretene Spizza an der Grenze von Montenegro. Die zum größten Teil mit steilen Felswänden abfallende Küste, welcher in gleicher südöstl. Richtung eine Reihe langgestreckter, durch enge Meerstraßen getrennter, teils niedriger, teils aber auch mit Höhen von 570—630 m aus den Fluten aufragender Inseln vorgelagert ist, enthält zahlreiche Buchten mit 56 vortrefflichen Häfen und Landungsplätzen. Hinter diesen steigen, meist in parallelen Ketten, Zweige der Dinarischen Alpen empor, unter ihnen der Vellebich oder das Morlakische Gebirge, welches die Grenze D.s gegen Kroatien bildet. Aus diesen Bergketten strömen die Flüsse des Landes, die Zermagna, Kerka, Cettina, Narenta mit Katarakten dem Meere zu. Zu den höchsten Spitzen der meist waldlosen Kalkgebirge zählt man den Dinara (1814 m) im Kreise Zara, den Biscowich (1710 m) im Kreise Spalato, den Parvo (1729 m) und Orien (1845 m) im Kreise Cattaro. Die Karstbildung bedingt zahlreiche Felsspalten und Höhlungen, in denen die Wasser sich sammeln und zeitweise an die Oberfläche treten. Die Landseen sind periodisch. D. führt den Namen eines Königreichs und zählt auf 12829 akm (1880) 476 101 E. in 17 Städten, 60 Märkten und 812 Dörfern. Den Nationalitäten (der Umgangssprache) nach enthält die Bevölkerung 440279 Serbokroaten, 27305 Italiener, 3382 Deutsche, 477 böhm.⸗mähr. Slawen, 351 Slowenen, 25 Polen, 6 Rumänen und 2 Ruthenen. Die Serbokroaten zerfallen in einzelne Volksstämme mit besondern Namen, wie Morlaken, Bocchesen, Ragusaner. Der Menschenschlag ist im allgemeinen schön, liefert kühne Seeleute, verlaßliche Matrosen und tapfere Soldaten. Venedigs ehemalige militärische Macht beruhte vorzugsweise auf ihnen. Im ganzen sind sie gastfrei, wohlwollend und gewissenhaft in Erfüllung des gegebenen Wortes. Am niedrigsten in der Kultur stehen die Morlaken, die das π— des Landes und namentlich das Gebirge bewohnen. Bei ihrer Abneigung gegen jede Unterwürfigkeit waren sie stets eine gute Schutzwehr gegen die Angriffe der Türken. Die Bocchesen wohnen im Kreise Cattaro, aber nicht in der Stadt selbst, welche so wie jede Küstenstadt in D. gemischte Bevölkerung hat. Das vorherrschende Religionsbekenntnis ist das römisch-katholische (mit einem Erzbistum zu Zara und fünf Bistümern zu Spalato, Ragusa, Sebenico, Lesina und Cattaro). Für die griech.⸗orient. Christen bestehen zwei Bistümer. D. besitzt 6 theol. Lehranstalten (5 lateinisch-katholische und 1 griechisch-orientalische), 3 Staats-Obergymnasien, 1 Staats-Untergymnasium, 1 Staats-Realgymnasium, 1 Staats-Oberrealschule, 1 Staats-Unterrealschule, 1 Lehrerbildungsanstalt, 1 Lehrerinnenbildungsanstalt, 2 Musikschulen, 1 Hebammenschule, 3 nautische Schulen, 6 Spezialschulen 7 Knaben, 2 Lehr⸗ und Erziehungsanstalten für Mädchen und 242 Volksschulen. ö Die Hauptnahrungszweige der Bevölkerung sind Seeschiffahrt und Schiffbau, Seefischerei (besonders auf den Inseln), Olivenkultur, Weinbau und Viehzucht. Von der produktiven Bodenfläche kamen (1879) 141046 ha auf Acker, 68 128 ha auf Weingärten, 3522 auf Gemüse⸗, Obst⸗ und Ziergärten, 10053 auf Wiesen, 720738 auf Weiden, 13241 auf Teiche und Sümpfe mit Rohrwuchs, 273536 auf Wald (darunter 15494 ha Oliven- und 51 ha Kastanienwälder) und 15545 ha auf sonstige Kulturen. Der Holzreichtum früherer Zeiten ist jedoch abhanden gekommen und D. besitzt, abgesehen von verschiedenen Inseln, meistens nur Niederwald mit unansehnlicher Bepflanzung. Bei dem warmen Klima gedeihen Südfrüchte mannigfacher Art und Weine auf das vorzüglichste. Von letztern werden jährlich 680 000 hl erzeugt und mehrere Sorten, wie der Malvasier von Ragusa, der Muskat von Almissa und Makarska, in neuester Zeit auch der Wein von Lissa, auch außer den Landesgrenzen geschätzt. Die Viehzählung von 1880 ergab 20256 Pferde, 26 814 Esel und Maulesel, 89 728 Rinder, 824 191 Schafe, 217155 Ziegen, 29432 Schweine und 10 693 Bienenstöcke. Bergbau wird nur auf Braunkohlen und Asphalt getrieben; die Produktion an erstern betrug (1879) 222516 metr. Ctr., Asphalt 1503 metr. Ctr. Die Salinen e Dalmm (1879) 95088 metr. Ctr. Seesalz. Die Dalmatiner haben einen guten Ruf im Bau von Schiffen, und berühmt sind die Liqueure, welche sie bereiten. Alle sonstige Industrie ist sehr unbedeutend. Industrieerzeugnisse, Getreide und Mehl bilden die Hauptgegenstände der Einfuhr, die sich 1879 im hanzen auf einen Wert von 16259 762 Fl. österr. Währung belief. Die Ausfuhr betrug 7190548 Fl., wobei Ole, Wein, Fische, Fleisch, I und Häute in erster Reihe stehen. D. bildet ein besonderes Zollgebiet im österr. Kaiserstaate. Seine lange Küste und seine zahlreichen und guten Häfen bewirken einen einträglichen Durchfuhrverkehr aus der Türkei und Montenegro nach den Plätzen des Adriatischen und Mittelländischen Meers und umgekehrt. Im J. 1879 liefen in den 56 Häfen des Landes 14192 Schiffe mit 2216357 t ein und 14087 Schiffe mit 2207999t aus. Die dalmatin. Handelsmarine zählte 5134 größere und kleinere Schiffe mit 85479 t und einer Mannschaft von 14 646 Köpfen. Die Landesverfassung beruht auf der Landesordnung und Landtagswahlordnung vom 26. Febr. 1861. Danach besteht der Landtag aus 43 Mitgliedern, nämlich aus dem kath. Erzbischof und dem röm.⸗orient. Bischof von Zara, 10 Abgeordneten der Höchstbesteuerten, d. i. derjenigen, die an direkten Steuern jährlich wenigstens 100 Fl. (im Kreise Cattaro wenigstens 50 Fl.) entrichten, 8 Abgeordneten der Städte, 3 Abgeordneten der Handels- und Gewerbekammer und 20 Abgeordneten der übrigen Gemeinden. In das Abgeordnetenhaus des österr. Reichsrats entsendet D. 9 Abgeordnete. Für die Administration ist das Land in 13 Bezirke geteilt. Obere polit. Landesstelle ist die Statthalterei in der Hauptstadt Zara. Die Gemeindeverfassung ist durch die Gemeindeordnung vom 30. Juli 1864 geregelt. Die Rechtspflege wird in unterster Instanz von den 27 Präturen, 4 Stadtpräturen, 3 Kreisgerichten und dem Landesgerichte in Zara, in zweiter Instanz von dem Oberlandesgerichte in der Hauptstadt ausgeübt, von n Wie der Rechtszug an den obersten Gerichtshof in Wien geht. Die Finanzverwaltung wird von der Finanz-Landesdirektion, das Postwesen von der Postdirektion, die Militärverwaltung von dem Landes-Generalkommando in Zara geleitet. Das Wappen Dis sind drei goldene Leoparden im blauen Felde. Geschichtliches. D. war im Altertum ein ansehnliches Reich undwurde von den Römern, nach vielen vergeblichen Versuchen, erst unter Augustus unterworfen; es bildete hierauf den südlichsten Teil der röm. Provinz Illyricum. Nach dem Verfall des abendländ. Kaisertums ward es durch die Goten erobert, denen es, bei ihrem Zuge nach Italien, 490 die Avaren entrissen, welche um 620 von den Slawen verdrängt wurden. Der von denselben gegründete Staat dauerte bis zu Anfang des 11. Jahrh., worauf der König von Ungarn, Ladislaus der Heilige, den einen Teil als Königreich mit Kroatien und hierdurch mit seinem Reiche vereinigte, weshalb die Könige von Ungarn auch den Titel als Könige von D. führen, während der andere sich unter den Scuh der damals mächtigen Republik Venedig begab, um gegen die Anfälle der Türken gesichert zu sein, und eine Zeit lang Herogtum hieß. Ein Teil dieses Herzogtums wurde den Venetianern durch die Türken entrissen. Durch ([den Frieden zu Campo-Formio kam der venet. Teil von D., wie Venedig selbst, 1797 unter österr. Herrschaft, und als Osterreich nach dem Preßburger Frieden 1805 seinen Teil an Napoleon abgetreten, ward derselbe zum Königreich Italien und seit 1810 zu Illyrien geschlagen, jedoch durch einen Generale regiert. Seit 1814 ist D. wieder ganz mit Ssterreich vereinigt. Am 7. Okt. 1869 brach wegen der Truppenrekrutierung im Norden der Bocche di Cattaro ein Aufstand aus, bei welchem die Insurgenten das Fort Dragalj cernierten; der Aufstand wurde nach einigen mißlungenen militärischen Operationen durch den Feldmarschalllieutenant Rodich auf gütlichem Wege beigelegt. Von der Durchführung des Landwehrgesetzes in D. nahm die österr. Regierung Abstand und im Febr. 1870 war die Ruhe alrgebar wiederhergestellt. Als aber 1881 das Wehrgesetz auch in jenem Teile von D. (der Crivoscie, s. d.) durchgeführt werden sollte, brach der Aufstand wieder aus, verbreitete sich, von Agitatoren geschürt, über Teile von Bosnien und der Herzegowina und mußte mit dem Aufgebot einer großen Militärmacht niedergeschlagen werden. (Vgl. Osterreichisch-Ungarische Monarchie (Geschichteh. Litteratur. Schmidl, Das Königreich D. (Stuttg. 1843); ferner die Reisewerke von Wilkinson, Neigebaur und Kohl; Petter, «D. in seinen verschiedenen Beziehungen dargestellto(Gotha 1857); Nos, «D. und seine Inselwelte (Wien 1870); Maschek, Manuale del regno di Dalmazia per l'anno 1875°; Schiff, Aus halbvergessenem Lande. Kulturbilder aus D.y (Wien 1875); „Landeskunde des Königreichs D. und seiner Hinterländer Bosnien und Herzegowina (Wien 1876); Swida, Das Königreich D.y (Wien 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 786Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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