FeedDämmerung
HimmelskundeBrockhaus 1882

Dämmerung nennt man die Helligkeit, welche die Sonne schon einige Zeit vor ihrem Aufgange Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IV. und noch einige Zeit nach ihrem Untergange verbreitet. Sie entsteht dadurch, daß die Luft, die in ihr schwebenden Dünste und festen Teilchen sowie die Wolken einen Teil des auf sie fallenden Lichts zurückwerfen und dadurch die von der Sonne nicht unmittelbar getroffenen oder beleuchteten Teile der Erdoberfläche erhellen. Man unterscheidet die bürgerliche und astronomische D. Im astron. Sinne fängt die Morgendämmerung an und hört die Abenddämmerung auf, wenn die Sonne eine Tiefe von nahe 18 unter dem Horizont erreicht hat; die bürgerliche D. dagegen fängt an und hört auf, wenn die Sonne 6 bis 6½ unter dem Horizont steht. Während der bürgerlichen D., die man immer meint, wenn man im gewöhnlichen Leben von D. spricht, ist es so hell, daß man ohne Licht lesen kann; während der astronomischen sind nicht alle Sterne sichtbar, die man bei vollkommener Dunkelheit mit bloßem Auge erkennen kann. Derjenige Parallelkreis des Horizonts, welcher 18 unter dem Horizont liegt, heißt der Dämmerungskreis. Zuweilen bezeichnet man jedoch mit diesem Ausdruck auch die beinahe kreisförmige, sehr verwaschene und undeutliche Begrenzung der D. gegen den völlig dunkeln Teil des Himmels. Der Zeit nach unterscheidet man Morgen⸗ und Abenddäm merung; der Anfang jener heißt Tagesanbruch. Diie astronomische D. dauert beträchtlich länger als die bürgerliche; aber die Dauer beider hängt von der Lage des Ortes und dem Stande der Sonne ab. Unter dem Aguator dauert die astronomische D. höchstens 1 Stunde 19 Minuten; in der Nähe der Pole dagegen und in allen Gegenden, die vom Agquator mehr als 48½ nach Norden oder Süden entfernt sind, dauert die D. im Sommer die ganze Nacht hindurch. Diese hellen Nächte sind um so zahlreicher, je weiter man sich vom Aquator entfernt: unter 49 der Breite vom 10. Juni bis 2. Juli, unter 52 vom 20. Mai bis 23. Juli unter 54 vom 12. Mai bis 1. Aug., unter 60 vom 22. April bis 22. Aug., unter 70* vom 26. März bis 18. Sept., unter 80“ vom 28. Febr. bis 14. Okt., am Pole selbst vom 29. Jan. bis 13. Nov. Im allgemeinen dauert die astronomische D. an einem bestimmten Orte die ganze Nacht hindurch, sobald die Deklination oder Abweichung der Sonne addiert zur Polhöhe oder geogr. Breite 72 oder mehr beträgt. Hieraus erhellt, daß für die dem Pole nahen Gegenden die D. während eines großen Teils der Zeit, wo die Sonne gar wete aufgeht, immerfort dauert und daher die Abwesenheit der Sonne wenig fühlbar macht. Was den übrigen Teil dieser Zeit betrifft, so findet auch in diesem vor und nach Mittag eine D. statt, sobald die Sonne dann dem Horizont bis auf 18° oder weniger nahe kommt. In dem größten Teile der kalten Zone tritt eine solche mittägliche D. sogar im tiefsten Winter oder am Tage des Wintersolstitiums ein, da die Sonne an diesem Tage um —m unter 68², 70e, 75, 80e, 84½ Breite nach der Reihe 1½, 3½,‚ 8½, 13½, 18 unter dem Horizont und nur zwischen 84½ und dem Pole tiefer als 18° unter dem ur der steht. Die kürzeste Dauer der D. findet auf der nördl. Halbkugel bei einer südlichen, auf der südlichen bei einer nördl. Abweichung der Sonne statt, die desto größer ist, je größer die Polhöhe oder peglu Breite; z. B. für 50° Breite bei 6 58 südl. Abweichung, d. i. am 3. März und 11. Okt.; für 60 Breite bei 7 58˙ südl. Abweichung, d. i. am 28. Febr. und 13. Okt. Unter dem Aquator findet die kürzeste D. dann statt, wenn die Sonne im Äquator steht oder gar keine Abweichung hat, also an den Tagen der Aquinoktien um den 21. März und 23. Sept.; sie dauert dann nur 1 Stunde 12 Minuten. Schon der arab. Astronom Alhazen hat die Tiefe der Sonne, bei welcher die Morgendämmerung anfängt und die Abenddämmerung aufhört, ziemlich richtig bestimmt; Nunez (Nonius) aber bestimmte die Tage der kürzesten D. Der letztere hat auch nebst andern Schriftstellern die Höhe der Atmosphäre aus der Dauer der D. zu bestimmen gesucht; die Höhe der lichtreflektierenden Atmosphäre findet sich zu etwa 80 km, doch kann die Höhe der das Licht nicht rejlektierenden Atmosphäre noch viel höher sein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 801Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Himmelskunde 6