Domitianus (Titus Flavius), der zweite Sohn des Titus Flavius Vespasianus und der Flavia Domitilla, war 24. Okt. 51 n. Chr. in Rom geboren. Seine Jugend brachte er infolge des fenbeit Todes seiner Mutter, der vielfachen Abwesenheit seines Vaters von Rom, sowie auch der sehr zurückgegangenen Vermögensverhältnisse desselben ohne sorgfältige Leitung und überwachung zu. Als das Heer des zum Kaiser ausgerufenen Vespasian gegen Rom heranrückte und der Oheim des D., der Stadtpräfekt Flavius Sabinus, sich mit ihm und seinen Anhängern vor den anstürmenden Vitellianern auf das Kapitol zurückgezogen hatte, entging er nur mit Mühe der Wut der letztern (19. Dez. 69). Tags darauf aber, als die von Antonius Primus geführten Truppen des Vespasian die Stadt erobert und den Vitellius erwürgt hatten, kam D. aus seinem Schlupfwinkel hervor und wurde von den Soldaten als Cäsar, d. h. als kaiserl. Prinz begrüßt und in den kaiserl. Palast geleitet. Mucianus aber, der Freund Vespasians, der die Angelegenheiten des Staats bis zur Ankunft Vespasians leitete, wußte den D. unschädlich zu machen; ebenso hielt ihn der Kaiser, als er selbst die Zügel der Regierung mit fester Hand ergriffen hatte, grundsätzlich von allen wichtigen Staatsgeschäften fern, wenn er ihm auch mehrmals, aber nur als leere Form, das Konsulat übertrug, sodaß der junge D. sich, teils aus Langeweile, teils um den Argwohn seines Vaters einzuschläfern, mit Eifer litterarischen Studien und besonders poetischen Versuchen widmete. Auf diese Beschäftigungen sah er jedoch später mit Verachtung herab. Während seiner Regierung förderte er die Litteratur trotz der Stiftung der kapitolinischen und albanischen Wettkämpfe nach Art der griech. Agone und der Wiederherstellung der abgebrannten Bibliotheken in Wahrheit so gut wie gar nicht, da jene fast ausschließlich Wettkämpfe in der schmeichlerischen Verherrlichung des Kaisers wurden, und dichn die ihm in jeder Weise schmeichelnden Hofichter Statius und Martialis fand er nur mit kärglichem Almosen ab. Nach Vespasians Tode versuchte D., freilich vergeblich, seinen Bruder Titus zu verdrängen, der ihm in seiner Großmut völlig verzieh und ihn zum Teilnehmer und Nachfolger in der Herrschaft ernannte, welche er am 13. Sept. 81 wirklich antrat, ucht, u Titus infolge eines heftigen Fieberanfalls (nicht, wie manche beich gestorben war. Dis erste Regierungsjahre sind noch durch keins jener Verbrechen befleckt, welche die spätern schänden. Von Natur weder habsüchtig noch grausam, verwandte er bedeutende Summen auf die Wiederherstellung öffentlicher Gebäude, erließ eine Art Amnestie, suchte durch strenge Maßregeln der Unsittlichkeit zu steuern, verbot Entmannung der Knaben und ähnliches und führte strenge Aufsicht über die Beamten. Aber bald verleitete ihn sein durch die unfreiwillige Zurückgezogenheit unter der Regierung seines Vaters noch verstärkter Hang zum Mißtrauen und Argwohn gegen alle seine Umgebungen, besonders gegen Männer, die eine hervorragende Stellung einnahmen, auf Abwege. Er öffnete sein Ohr den Einflüsterungen der schändlichsten Angeber und Verleumder (Delatoren), und als nun auch der von seinem Vater hinterlassene Schatz durch seine zahlreichen Bauten, Spenden an das Volk und die Soldaten, Spiele u. dgl. erschöpft war, begann er, teils aus Furcht, teils aus Finanznot, gegen die angesehensten und vornehmsten Männer des Staats in der grausamsten Weise vorzugehen. Die kriegerischen Erfolge, welche sein Statthalter Gnäus Julius Agricola in Britannien errang, machten seine Eifersucht rege und veranlaßten ihn, nachdem er selbst auf einem kurzen Feldzuge gegen die Katten (83) keine Lorbeeren errungen, trotzdem aber 84 v. Chr. einen glänzenden Triumph gefeiert hatte, Agricola abzurufen. Gesteigert wurde diese argwöhnische Gesinnung durch den Verlauf der Kriege gegen die Daker und Markomannen an der untern und der mittlern Donau (86—89). Denn nachdem D. bei den Markomannen, die er für ihre Weigerung, ihm Hilfstruppen . schicken, züchtigen wollte, sich eine UDamg Nieerlage geholt atte, erkaufte er von dem damaligen Oberkönig der Daker, der den Titel Decebalus führte, 15 Zahlung einer bedeutenden Geldsumme und n. Datu f zu einem jährlichen Tribut den Frieden. Dazu kam der wohl im J. 87 von Lucius Antonius Saturninus, dem Statthalter des obern Germanien, erregte, aber bald unterdrückte Aufstand, und 92 ein neuer Krieg an der mittlern Donau. Besonders seit 93 ist die Regierung des D. nur noch eine Kette von Willkürlichkeiten und Grausamkeiten, denen die besten Männer des Staats, wie Herennius Senecio, Arulenus Rusticus, Helvidius Priscus u. a., zum Opfer fielen; ohne menme wegen ihres christl. Glaubens tötete D. seinen Vetter Flavius Clemens und verbannte er seine Nichte Domitilla, dessen Gattin. Als er aber auch gegen seine Freigelassenen und Hausdiener seine Wut richtete, bildete sich unter diesen eine Verschwörung zur Ermordung des Kaisers, von der auch die beiden Präfekten der Prätorianer und andere hochstehende und vornehme Männer und selbst des D. Gemahlin wußten. D. wurde in seinem Schlafgemache am 18. Sept. des J. 96 ermordet und der Leichnam des Kaisers, dessen Andenken nach dem Beschlusse des von ihm besonders gehaßten und geknechteten Senats vertilgt werden sollte, von der alten Amme des D., Phyllis, verbrannt. Vgl. Imhof, «Titus Flavius D. Ein Beitrag zur Geschichte der röm. Kaiserzeito (Halle 1857); Halberstadt, De Imperatoris Domitiani moribus et rebuso (Amsterd. 1877).