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ErdkundeBrockhaus 1882

Dortmund, Stadt im Regierungsbezirk Arnsberg der preuß. Provinz Westfalen, früher Freie Reichsstadt und Mitglied der Hansa, am Hellwege (wovon noch jetzt die Hauptstraße den Namen Osten- und Westen-Hellweg führt), 4 Km von der Emscher, zählt (1880) 66 544 C. (wovon 36497 Evangelische, 28896 Katholiken, 998 Juden, 72 Sektierer und 81 anderer Religion) und ist vermöge seiner günstigen Lage im westfäl. Kohlenbecken sowie im fruchtbarsten Teile Westfalens ein Hauptsitz der Industrie und des Handels für den ganzen Westen Deutschlands geworden. D. bildet einen eigenen Stadtkreis (2767 ha), besitzt eine Reichsbankhauptstelle, ist Sitz des westfäl. Oberbergamts, des Landratamts für den Landkreis D., eines Landgerichts und eines Amtsgerichts, eines Hauptsteueramts, einer Handelskammer, hat ein eigenes städtisches Gymnasium, welches früher als eins der drei westfäl. Archigymnasien eine akademische Einrichtung besaß, ein Realgymnasium und eine höhere Bürgerschule (sog. Gewerbeschule). Bedeutend ist das städtische Wasserwerk, welches nicht nur die Stadt selbst, sondern auch die Nachbarstadt Hörde sowie die ganze Umgegend nebst vielen gewerblichen Anlagen und Bierbrauereien mit Wasser (aus der Ruhr) versorgt, eine große Badeanstalt mit Schwimmbassin auch für den Winter speist und das großartige Kanalsystem der Stadt spült. Unter den neuern Gebäuden zeichnen sich aus: die prächtigen Schulgebäude, das Oberbergamtsgebäude, das Landgericht, das herrliche Luisenhospital und das Landwehrzeughaus für das 2. Bataillon des 3. westfäl. Landwehrregiments Nr. 16. Drei Kriegsdenkmäler schmücken die an Stelle der alten Festungswerke fast rings um die Stadt geführten Promenaden. Von ältern Baulichkeiten ist bemerkenswert das alte Rathaus, das in seinen Hauptteilen roman., in der Façade got. Stil zeigt. Die Reinoldikirche ist im übergangsstil der ersten Hälfte des 13. Jahrh. erbaut, der Chor wurde 1450, der Turm 1454 vollendet, mußte aber 1519 abgebrochen und neu errichtet werden. Das Innere zeigt trefflich restaurierte Glasmalereien, ein aus Messing gegossenes Taufbecken und Lesepult aus dem 15. und 16. Jahrh. Die Marienkirche aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. mit got. Chor aus der Mitte des 14. Jahrh. besitzt im Hochaltar drei Gemälde eines Meisters der altkölnischen Schule. Die Petrikirche aus dem 14. Jahrh. ist besonders durch Stiftungen der Herren von Hövel gebaut und mit prachtvollem Altar geschmückt. Die 1353 vollendete kath. Pfarrkirche (ehemalige Ruhern niskirche), mit schönen Kreuzgängen im frühern Dominikanerkloster, besitzt ein Altargemälde aus dem J. 1521 von Viktor und Heinr. Dunwegge aus D. Bedeutend ist der kombinierte Bahnhof der Köln-Mindener und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn, welcher mit seinen großartigen Werkstätten und Fabrikanlagen für Wagen⸗ und Lokomotivenbau einen gewaltigen Flächenraum einnimmt und über 1000 Arbeitern ohne Beamten und Bahnpersonal Beschäftigung bietet. Nordöstlich der Stadt liegt der Bahnhof der D.⸗Gronauer Eisenbahn, südostlich der der Rheinischen und Westfälischen. Nach Fertigstellung der Linie D.⸗Sterkrade (1880) hat D. nach elf Richtungen hin Eisenbahnverbindung, zu welcher binnen kurzer Zeit noch mehrere Sekundärbahnen treten werden. Auch durchschneidet die Stadt und das zunächst liegende Terrain eine Straßenbahn für Pferde⸗ und Dampfbetrieb. Westlich von D. liegt die Dortmunder Uniono, eine großartige Anlage zur Fabrikation von Eisenbahnmaterial, zum Brückenbau und Gießarbeiten mit Hohöfen, Walzenstraßen u. s. w., welche 6500 Arbeiter beschäftigt. In unmittelbarer Nähe D.s werden eine Menge von Steinkohlenzechen betrieben, deren Belegschaften zuweilen zu Tausenden von Bergleuten zählen. Überhaupt hat der Kohlenbergbau eine ungemeine Unternehmungslust zur Anlage von großartigen Hüttenwerken (außer der Uniono die Rote Erder), Stahlwerken (Hösch), Hohöfen (von Boon), Maschinenfabriken (Deutschland, Wagner u. Comp.), Gießereien und Brückenbauanstalten wachgerufen, sowie derselbe auch immer neue Verkehrsstraßen und das Projekt des Rhein-Emskanals mit der Hafenstelle zu D. zum Zweck der Verschiffung nach den Nordseehäfen hat entstehen lassen. Ein fast ebenso wichtiger Betriebszweig ist die Bierindustrie geworden, denn in 32 in großartigem Stile angelegten Bierbrauereien wurden im J. 1881 ca. 420000 hl Bier produziert (Kronen⸗, Löwen⸗, Kloster⸗, Unionsbier u. s. w.). Auch die Stearin- und Seifenfabrilation ist von Bedeutung. Die ältere Geschichte D.s, das im Mittelalter Therotmanni, Throtmanni, Trutmannia, Trutmonia, Tremonia, im pagus Westfalon oder Westfala, in deutscher Form Trotmundo, Dorstmunde und Dortmunde hieß, ist sagenhaft ausgeschmückt. Zuerst erwähnt wird die Stadt 899. Die sächs. Kaiser Heinrich I., Otto I., II., III. weilten mehrfach in D. Heinrich II. hielt in D. 1005 eine Synode und 1016 einen Reichstag ab, auch Kaiser Friedrich I. saß bei Gelegenheit des Reichstags 1180 hier als Stuhlherr zu Gericht. Da die dortmunder Bürger mit Zollfreiheit im ganzen Deutschen Reiche beschenkt worden waren, entwickelte ch die Reichsfreiheit der Stadt und der Handel blühte im 12. und 13. Jahrh. so herrlich empor, daß die dortmunder Kaufherren Handelsfaktoreien und ähnliche Niederlassungen an den deutschen Ost- und Nordseeküsten bis Preußen, Polen und Rußland (Nowgorod), auch Dänemark und Schweden und namentlich auch in England u London den Stahlhof) anlegen und befestigen konnten. Die Mauern wurden erst am Ende des 12. Jahrh. um die Stadt gezogen, gewährten aber mit den hohen Brustwehren, den festen Thortürmen, vielen Warttürmen und Bastionen, über denen die große Menge der Kirchen⸗ und Kapellentürme und ⸗Türmchen emporragten, einen stattlichen Anblick, der denn auch wohl, da noch tiefe, mit Wasser gefüllte Gräben und Reberaar Teiche die Annäherung erschwerten, die Redensart veranlaßt haben mag: „So vast as Dürpen.» Diese ihre unerschütterliche estigkeit bewahrte die Stadt auch vor dem Schicksal der Eroberung und Unterdrückung zu einer Zeit, als die Territorialherren in andern Gegenden Deutschlands manche Städte ihrer Macht und Freiheit beraubten. Die Dortmunder hielten nämlich in den J. 1388 und 1389 nicht nur eine 21monatige Belagerung seitens des Erzbischofs von Köln, dem die Stadt von mehrern Kaisern behufs Erlangung seiner Kurstimme verpfändet war, und des Grafen Engelbert von der Mark mit vielen hundert Herren und Rittern aus, sondern zerstörte auch deren Bollwerke und Schlösser (die Ravenburg) und erkämpfte sich einen ehrenvollen Frieden. Jedoch hatte sie zur Unterhaltung der Söldner und eigenen Ausrüstung ebensowohl wie zur Bezahlung der verlangten Abfindungssummen an ihre Feinde eine so große Schuldenlast kontrahieren müssen, daß sie ihren frühern Wohlstand nie wieder erreichte, und die adeligen und Patriciergeschlechter, welche die Unterhandlungen geleitet und bis dahin den Staat rein aristokratisch regiert hatten, durch eine Revolution der übrigen Bürgerschaft um 1400 gezwungen wurden, aus den sechs Gilden je ein Mitglied in den Rat aufzunehmen. Später sank D. mehr und mehr und hatte nach dem Dreißigjährigen Kriege nur noch eine Bevölkerung von 3000 Seelen. Es wurde 1803 dem Prinzen von Nassau-Oranien zugeteilt, im Okt. 1806 von franz. Truppen besetzt und 1. März 1808 von Napoleon I. an den Großherzog von Berg abgetreten, worauf es der Hauptort des Ruhrdepartements wurde, und endlich 1815 an Preußen gegeben. Das städtische Archiv zu D. enthält wichtige Urkunden, namentlich aus derjenigen Zeit, in welcher hier noch der Hauptstuhl des Femgerichts auf Roter Erde stand. Als Wahrzeichen dient noch eine alte umfangreiche, jetzt langsam hinsterbende Linde (Femlinde genannt), welche mitten im Bergisch-Märkischen Bahnhofe nicht weit von der wirklichen alten Malstätte die dort angebrachten echten Malsteine, die Bänke und den Tisch mit dem einköpfigen Reichsadler und der Rinne für das einzulegende Schwert nur noch dürftig beschattet. Nach D. hat auch der Dortmunder Rezeß oder Vertrag den Namen, welcher am 10. Juni 1609 auf dem Rathaus zwischen dem Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg und dem Grafen Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg in betreff des Jülich-Kleveschen Erbfolgestreits geschlossen wurde, und dem gemäß beide Teile bis zur völligen Ausgleichung die Erbschaft des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich (Jülich, Berg, Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein) gemeinschaftlich verwalten lassen wollten. D. ist Geburtsort von Friedrich Arnold Brockhaus (s. d.), dem Begründer des (Conversations-Lexikono, und von Wilhelm Lübke, dem bekannten Kunstkritiker und Professor zu Stuttgart. Es ist Sitz des Histor. Vereins für D. und die Grafschaft Marko, der sich besonders die Erforschung der reichen Geschichtsquellen des Dortmunder Archivs zur Aufgabe gestellt und schon mehrere Publikationen dieser Art veranlaßt hat, wie Beiträge zur Geschichte D.sv (2 Bde., Dortm. 1875—78, mit Arbeiten von Rübel, Döring, Prümers, Sauerland, Mette), Röse, cNederhoff Chronica Tremoniensiumv (Dortm. 1880), Rübel, „Dortmunder Urkundenbuchs (Bd. 1, 1. wunder Dortm. 1881). Vgl. auch Frensdorff, „Dortmunder Statuteno (Halle 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 498Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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