FeedDschingis-Chan
GeschichteBrockhaus 1882

Dschingis-Chan, richtiger Tschinggis-Chan (d. h. höchter Herrscher), eigentlich Temudschin, berühmter mongol. Eroberer, geb. am Onon 1154, war der Sohn des mongol. Hordenführers Jisukei Baghatur, der über ungefähr 40000 Familien gebot und dem Tatarchan der östl. Tatarei zinsbar war. Als er 13 J. alt war, starb sein Vater, und nun führte die Mutter die Regentschaft. Die Oberhäupter der unterworfenen Stämme versuchten zwar, sich frei zu machen, wurden jedoch von D. unterworfen. Eine große Anzahl von Stämmen vereinigte sich jetzt wider ihn, und obgleich häufig siegreich, sah er doch, daß er ihnen nicht werde widerstehen können. Er begab sich in den Schutz Togruls, des Chans der keraitischen Mongolen von Kara-Korum, gewöhnlich Ung⸗ oder Wang-Chan genannt, der ihm seine Tochter zur Ehe gab, wodurch ein Krieg mit einem Nebenbuhler entstand, aus dem jedoch Wang-Chan mit Hilfe Temudschins siegreich hervorging. Ränke der Neider erregten aber bald Zwietracht zwischen Temudschin und dem Schwiegervater. Es kam zum Kriege zwischen beiden, und in einer Schlacht (1202) verlor Wang-Chan mehr als 40000 Mann und auf der Flucht das Leben. Einen neuen furchtbaren Gegner fand Icen Tarn Sieger an Tajan, dem Chan der naimanschen Tataren. Auch Tajan wurde an den Ufern des Amurflusses 1203 geschlagen und starb auf der Flucht, sein Heer wurde völlig vernichtet. Dieses Gefecht sicherte dem Sieger die Oberherrschaft über einen großen Teil der Mongolei und den Besitz der Hauptstadt Kara-Korum. Zu Anfang des J. 1206 hielt Temudschin eine Art von Reichstag in seinem Geburtslande, wo sich Abgeordnete aller unterworfenen Horden einfanden. Diese nun riefen ihn zum Chakan oder Fürst der Fürsten im Angesicht des Heers aus. Zugleich prophezeite ihm ein für heilig gehaltener Schamane, daß er über die ganze Erde herrschen werde, und befahl ihm, sich fortan nicht mehr Temudschin, sondern Dschingis zu nennen. Eine bürgerliche und militärische Gesetzgebung wurde jetzt von ihm veranstaltet. D. sprach sich für den Glauben an Einen Gott aus, bekannte sich aber zu keiner bestimmten geoffenbarten Religion, sondern blieb der Naturreligion der tatar. Völkerschaften treu; dabei gestattete er allen andern Glaubensformen freie Ausübung, und an seinem Hofe waren alle Männer von Verdienst, ohne Unterschied des Glaubens, willkommen. Durch die Prophezeiung bei seiner Krönung war der Geist der Truppen so angefeuert worden, daß er sie leicht zu neuen Kriegen führen konnte. So ward das Land der höher gebildeten Uiguren, im Mittelpunkte der Tatarei, unterjocht, und D. war nun Herr des größten Teils der Tatarei. Nachdem sich kurz darauf mehrere tatar. Volksstämme ihm unterworfen hatten, begann D. 1209 die Eroberung Chinas. Nach sechsjährigem Kriege wurde die Hauptstadt Jen-king, nachmals Peking, 1215 mit Sturm genommen, geplündert und größtenteils niedergebrannt und damit die Eroberung des nördl. China, welches damals unter der Dynastie Kin stand, vollendet. Die Ermordung der Gesandten D.s an den Chan Mohamed-ben-Tuküsch von Khowaresm (das heutige Chiwa) durch diesen selbst veranlaßte 1216 den Angriff auf Turkestan mit einem Heere von 700000 Mann. Das erste Zusammentreffen der feindlichen Heere war furchtbar, doch unentschieden. Bei dem weitern Vordringen der Mongolen 1219 leisteten die Städte Bokhara, Samarkand und Khowaresm den meisten Widerstand. Sie wurden endlich erstürmt, geplündert, verbrannt, und mehr als 200000 Menschen kamen dabei um, darunter Chan Mohamed-ben-Tuküsch. Dabei fand auch die kostbare Bibliothek von Bokhara 1220 ihren Untergang. Sieben Jahre hintereinander war D. mit Morden, Plündern, Unterjochen beschäftigt und dehnte auf diese Weise eine Herrschaft bis Balkh und Herat, sowie an die fer des Dnjepr aus, nachdem die Russen am Flusse Kalka, jetzt Kalmius im Gouvernement Jekaterinoslaw, unweit Mariupol, 16. Juni 1223 durch seinen Sohn Tschutschin eine große Niederlage erlitten hatten, in der sechs russ. Fürsten fielen und der Großfürst von Kiew, Mstislav Romanowitsch, gefangen wurde. Schon hatte er bereits das 60. Lebensjahr überschritten, als er nochmals 1225 in Person an der Spitze seiner Heere gegen den König von Si-Hia oder Tangut zog, der zwei Feinden der Mongolen eine Zuflucht bei sich gestattet hatte und sie nicht ausliefern wollte. Die Mongolen zogen durch die Wüste Gobi im Winter, drangen ins Herz der feindlichen Staaten ein und vernichteten in einer Schlacht auf dem gefrorenen See Kökö Nör das feindliche Heer, das 500000 Mann gezählt haben soll. Bald wurde auch die Hauptstadt von Tangut, Ning-Hia, erobert und mit Feuer und Schwert verwüstet. Die Gründung einer mongol. Dynastie über ganz China war aber erst dem Enkel D.s vorbehalten. Mit neuen Eroberungsplänen beschäftigt, zu deren Ausführung bereits bei Tangut ein Heer von 230000 Mann versammelt war, starb D. 18. Aug. 1227, nachdem er das Reich unter seine vier Söhne geteilt hatte. Das Dasein dieses Eroberers hat dem Menschengeschlecht 3 bis 4 Mill. Menschen gekostet. Dabei hatte er eine ungeheuere Menge von Denkmalen der Kunst und kostbaren Handschriften vernichtet. Er wurde mit großer Pracht zu Tangut, nicht weit von dem Orte, wo er gestorben war, nach seinem Wunsche unter einem Baume begraben. Das einzige jetzt bekannte Denkmal Di.s ist eine in den Ruinen von Nertschinsk aufgefundene Granittafel mit einer mongolischen, von Schmidt in Petersburg und später von Dordshi Bansarow erklärten Inschrift. Vgl. D'Ohsson, Histoire des Mongols, depuis Tchinguiz-khan jusqu'à Timour Beg ou Tamerlane (4 Bde., Haag u. Amsterd. 1834 —35); Erdmann, Temudschin der Unerschütterlichen (Lpz.1862); De la Croix, Histoixe de Ghenghizchanv (Par. 1710); Howorth, History of the Mongols from the 9˙h to the 19 M centuryo (Bd. 1, Lond. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 594Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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