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ErdkundeBrockhaus 1882

Ebbe und Flut nennt man das abwechselnde, in 24 Stunden 49 Minuten terwaßt wiederkehrende Steigen und Fallen des Meerwassers. Das Eintreten der Ebbe erfolgt durch ein erst langsames, hierauf 3 Stunden lang immer schnelleres, dann aber wieder langsameres Sinken des Wassers, das nach 6¼ Stunden völlig aufhört, wo dann der tiefste Wasserstand oder die tiefste Ebbe eingetreten ist und ganze Gegenden am Ufer, die erst mit Wasser bedeckt waren, trocken gelegt sind. Nachdem dieser tiefste Stand wenige Minuten gedauert hat, beginnt ein sehr langsames, dann immer schneller werdendes Steigen des Wassers (Flut), das 3Stunden nach dem Anfange am schnellsten ist, dann wieder langsamer wird, bis nach 6¼¾ Stunden, von der tiefsten Ebbe an gerechnet, das Meer seinen höchsten Stand (Hochwasser) erreicht hat. Der Unterschied zwischen dem höchsten und tiefsten Wasserstande „ nach Zeit und Ort sehr verschieden. Solche Meere, die an den meisten Seiten eingeschlossen sind, wie die Ostsee und das Schwarze Meer, haben keine merkliche Ebbe und Flut, noch weniger also das Kaspische Meer, das nur als ein großer Landsee zu betrachten ist; im Mittelländischen Meer ist Ebbe und Flut zwar merklich, aber sehr I Die Zeit von einer hohen Flut zur nächsten dauert 12 Stunden 25 Minuten, daher sind zwei solche Zeiträume etwa 50 Minuten länger als ein Tag, und mithin treten Ebbe und Flut an jedem Tage 50 Minuten später als am vorhergehenden Tage ein, sodaß immer erst nach 14 Tagen Ebbe und Flut wieder auf dieselben Tagesstunden fallen. Demnach verspätet sich die Flut an jedem Tage fast genau um ebenso viel als der Durchgang (Culmination) des Mondes durch den Meridian. Dieser Umstand veranlaßte Kepler, dem Monde einen Einfluß auf die Erzeugung der Ebbe und Flut zuzuschreiben. Erst Newton gelang es indes, diese Erscheinung aus seiner 1— der allgemeinen Gravitation (Schwere) zu erklären, jedoch nur unter gewissen Voraussetzungen, welche später Laplace fallen ließ und somit eine vollständige Auflösung gab. Um den Vorgang der Ebbe und Flut leichter . begreifen, mag man zunächst die Oberfläche der Erde als ganz mit Wasser bedeckt annehmen. Nach dem Newtonschen Gravitationsgesetze wirken alle materiellen Körper aufeinander, und zwar proportional ihren Massen und umgekehrt proportinal dem Quadrat ihres Abstandes. Auf die Wasserteilchen an der Erdoberfläche wird demzufolge nicht bloß die Masse der Erde, sondern auch die Masse der Sonne und des Mondes einwirken, und zwar werden Mond und Sonne an den verschiedenen Punkten der Erde, infolge der Verschiedenheit der Abstände, in verschiedener Stärke wirken. Steht z. B. die Sonne gerade über einem Punkte des Aquators und zieht man eine Linie von der Sonne durch den Mittelpunkt der Erde bis an die von der Sonne abgekehrte Seite derselben, so werden die in dieser Linie auf der der Sonne zugewandten Seite liegenden Wasserteilchen stärker, dagegen die auf der abgewandten Seite liegenden schwächer angezogen als der Mittelpunkt der Erde, in welchem man die ganze auf den festen Erdkörper ausgeübte Anziehungskraft vereinigt denken darf. Nun besteht die Bewegung der Erde um die Sonne in einem fortwährenden, durch die gegenseitige Anziehung bewirkten Fallen der Erde zur Sonne, und nur die vorhandene Tangentialgeschwindigkeit verhindert, daß die Erde in der That zur Sonne fällt. Da auf der der Sonne zugewandten Seite der Erde die Wasserteilchen stärker angezogen werden als der Mittelpunkt des festen Kerns, so fallen sie rascher zur Sonne, eilen diesem gewissermaßen voraus und bilden daher eine Erhebung über die Kugelfläche des Wassers. Auf der der Sonne abgewandten Seite der Erde dagegen bleiben die Wasserteilchen, weil sie schwächer als der Mittelpunkt angezogen werden, etwas zurück und bilden also gleichfalls eine Erhebung über die Kugelfläche. Sonach ist also gleichzeitig an den der Sonne zu- und abgewandten Punkten der Erde Flut, während die 90“ von diesen abstehenden Gegenden, welche das Wasser zur Bildung jener Flutberge lieferten, Ebbe haben. Man erkennt leicht, daß alle unter demselben Meridian liegenden Orte gleichzeitig Ebbe und Flut haben, aber auch, daß die Höhe der Ebbe und Flut vom Aquator nach den Polen hin abnimmt. In gleicher Weise wie die Sonne wirkt auch der Mond, und zwar noch stärker, obwohl er viel weniger Masse als die Sonne hat; der Grund liegt darin, daß der Mond der Erde viel ei ist als die Sonne, und daher der Unterschied seiner Wirkungen auf die zu⸗ und abgewandten Punkte der Oberfläche und auf den Mittelpunkt der Erde viel größer ausfällt. Die durch den Mond bewirkte Ton ist ungefähr 2½ mal so groß als die 3. die onne erzeugte. Zur Zeit des Neu⸗ und Vollmondes 1— Mond⸗ und Sonnenflut zusammen und verstärken also einander, sodaß die Fluten (Springfluten) dann größer werden als zu andern Zeiten. Steht der Mond 90 von der Sonne ab, so b die Mondflut mit der Sonnenebbe und ebenso die Mondebbe mit der Sonnenflut zusammen, weshalb die Fluthöhen (Nippf luten) dann am kleinsten sind. Am höchsten werden die Fluten, wenn zur Zeit des Neu⸗ oder Vollmondes der Mond in seiner Erdnähe und die Sonne im Aquator steht. Da, wie erwähnt, die Mondflut stets viel größer ist als die Sonnenflut, so bestimmt erstere, ob an einem Orte Flut oder Ebbe ist; dreht sich nun die Erde um ihre Achse, so vers chieben sich die Flutberge uber die de hin in der Richtung von Osten nach Westen, und da nach ungefähr 24 Stunden 50 Minuten der Mond für denselben Ort zum Meridian zurückgekehrt ist, so 17 • der genannten Zeit jeder Ort weimal Flut und zweimal Ebbe. Dieser einfache organg wird aber wesentlich durch den Umstand gestört daß die Erde nur zu ungefähr zwei Dritteln ihrer Oberfläche mit Wasser bedeckt ist und daß die sesten Teile die Geschwindigkeit und Richtung der u der e beträchtlich abändern. Durch diesen Ein-Auß der festen Erdmassen wird es bewirkt, daß an den Küsten die Zeit der Flut und Ebbe im allgemeiaen nicht mit dem Stande des Mondes gegen dieselben übereinstimmt. Der Unterschied zwischen der Eulmination des Mondes und dem Eintritte der vollen Flut heißt die Hafenzeit; dieselbe bleibt sich stets nahe gleich und ihre Kenntnis ist für die Schiffjahrt (bezüglich des Ein⸗ und Auslaufens der Schiffe in die Häfen) von großer Wichtigkeit. Man hat nach dem Vorgange von Whewell die Orte, welche gleichzeitig Flut haben, durch Linien gleicher Flut (Is orrhachien) verbunden und aus denselben die Vorstellung entnommen, als wenn die Flutwelle, aus dem Großen Ocean durch den Indischen um das Vorgebirge der Guten Hoffnung herumkommend, den Atlantischen Ocean von Süden nach Norden durchliefe, um dann nach Osten rückwärts gewendet an die Küsten Europas anzuschlagen. 1— haben neuere Untersuchungen gezeigt, daß diese Theorie den Thatsachen nicht entspricht. Es scheint vielmehr, daß die drei Oceane jeder für 0 ihre Ebbe und Flut besitzen und daß in denen ein beständiges Hin⸗ und Herschwingen der lutwelle innerhalb 12½ Stunden stattfinde, was namentlich mit der Thatsache übereinstimmt daß die Flutwellen im Atlantischen und Großen Ocean den Küsten nahezu parallel an dieselben herantreten. An den Küsten Europas stellt sich der Vorgang etwa folgendermaßen dar: die von der Mitte des Atlantischen Oceans zurückschwingende Welle trifft an die Westkuste Portugals etwa 2 Stunden nach Durchgang des Mondes, an die Frankreichs nach 3 Stunden, —7 und Südwestengland nach 4 Stunden. Hier läuft sie einerseits durch den Kanal, Dover nach 11 Stunden erreichend, andererseits um die brit. Inseln nordwärts herum (Orkaden nach 9Stunden). Die Fluterscheinungen der Nordsee sehen sich aus diesen beiden Wellen zusammen und sind daher ziemlich verwickelt, ebenso in der Irischen See. In der Ostsee kommt kaum merkbare Flut zu Stande, auch im Mittelmeer ist sie äußerst ering. Die Höhe der Fluten wird namentlich durch die Küstenform bedeutend verändert, in allmählich sich verengenden Buchten kann sie außerordentlich wachsen; während sie an der Westküste von Irland 4 m ausmacht, steigert sie sich im Kanal von Bristol auf 18, zuweilen auf 22 m. Bei Liverpool, wo sich die von Norden und Süden kommenden Wellen vereinigen, beträgt sie 10 m. An der Elbemündung ist sie im Mittel 3—4 m hoch, kann aber auf 6—8 msteigen. Berühmt durch hohe Fluten ist auch die normann. Küste (St. Malo 14 m) und die Fundybai (Neuschottland) mit 19 m. In engen Straßen, welche größere Meeresteile verbinden, zeigt sich Ebbe und Flut nicht sowohl in großem Fallen und Steigen, wie in heftigen und für die Schiffahrt gefährlichen Strömungen, z. B. im Pas-de-Calais. In Flußmündungen dringt die Flut oft alss chäumender Wellenkamm mit mächtigem Tosen ein, wie die Prororoca im Amazonenstrom oder die Boren im Hugly. Weniger zeigen diese Erscheinung auch die europ. Flüsse (das Rastern in der Elbe und Weser).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 699Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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