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ErdkundeBrockhaus 1882

Alpen, das ausgedehnteste Gebirgssystem Europas, welches den eigentlichen Kern dieses Erdteils bildet, erhebt sich auf einer Grundfläche von etwa 300000, mit Ausschluß der Vorländer nur 200000 akm, recht in der Mitte zwischen Aquator und Nordpol (zwischen 43“ und 48 nördl. Br. und 22 und 37 östl. L.) und zieht sich von der Küste des Mittelmeers in einem großen Bogen nach N. und dann nach ONO., sodaß es die Tiefebene des Po auf der Nordseite umgrenzt. Die einzelnen Gebirgsketten, aus denen das Ganze besteht, haben fast überall die Richtung von WSW. nach ONO., nur im südöstlichsten Teile tritt die Richtung WRW. nach OSO. ein. Die höchsten Massen des ganzen Systems finden sich da, wo es am abpecdh ist, nämlich zwischen Genf und Ivrea. Während sie an dieser Stelle von einer etwa 150 km langen Querlinie durchmessen werden, schwillt die Gebirgsmasse weiter nach O. hin, indem der Südrand in die Ebene vortritt, im Meridian von Verona zur doppelten Breite an. Noch östlicher tritt der Südrand wieder zurück und umsäumt in der Ferne das Nordufer des Adriatischen Meers bis zum Meridian von Udine, wo dann das Gebirge mit seiner veränderten Strei-Die Srichtung bis an die Küste des Meers tritt. ie Länge des äußern Alpenrandes beträgt 1500, die des innern 1100 EKm. Während die im S. vorgelagerte Ebene in Padua 12 m, in Verona 51 m, in Mailand 120 m, in Turin 230 m Meereshöhe 25 erhebt sich die im N. vorgelagerte zu 300600m im Mittel zu 450 m). Den äußern Fuß bezeichnen der Lauf der Rhöne von der Mündung derselben bis Genf, die Reihe der savoyischen und schweiz. Seen (Bourgetsee 231, See von Annecy 447, Genfersee 375, Thunersee 560, Vierwaldstättersee 437, Zugersee 417, entdund 409, Bodensee 398 m Höhe), der bayr. Seen (Kochelsee 604, Tegernsee 726, Chiemsee 513 m Höhe) und der Lauf der Donau von der Innmündung bis Wien. Eine ähnliche Seenreihe, mit Wasser ausgefüllte Querthäler, welche von S. in die Alpen hineinreichen, bezeichnet in der Mitte der Alpen den mereh (Lago-Maggiore 197, Luganersee 271, Comersee 213, 4—½ 189, Gardasee 61m Höhe). Nach O. treten die Alpen fast fächerförmig auseinander, indem sie sich in den Ebenen Ungarns verlaufen, welche ihrerseits zwischen die langgestreckten Ausläufer zungenartig eingreifen. Ostlich vom Quarnerobusen siehen sie an der obern Kulpa mit den nordwestl. Gebirgsgliedern der Balkanhalbinsel in Verbindung. Die Alpen sind bis in 220 km Entfernung schwach am Horizonte sichtbar, von N. her zuerst bei Freising. Vom Frauenturme zu München, das 45 Km entfernt liegt, übersieht man sie vom Vorarlberge bis jenseit Salzburg; vom 989 m hohen Peissenberge, in Südbayern, vom Hochsentis bis zum Großglockner; vom 1283 mhohen Weißenstein, bei Solothurn, vom Dauphiné bis zur Grenze von Vorarlberg. Die berühmtesten Alpenpanoramen auf der Nordseite gewähren der Rigi (1800 m) am Vierwaldstättersee und der Schafberg (1780 m) im N. des Abersees im Salzkammergut, auf der Südseite der Monte-Generoso (1695 m) bei Mendrisio. In der tiefer gelegenen Po-Ebene erscheinen die Alpen imponierender als von N. her. Vom Turme des Mailänder Doms übersieht man sie vom Monteviso bis zu den Gipfeln an den Quellen des Oglio, und vom Markusturme zu Venedig vom Ortles bis über den Terglou hinaus. Die Alpen sind, wie der Kaukasus und die Pyrenäen, ein Kettengebirge; Lalleltet aber der Kaukasus nur aus wenigen Parallelketten mit anliegenden Hochflächen besteht und die Pyrenäen nur zwei in der Mitte übereinandergeschobene Hauptzüge aufweisen, bilden die Alpen ein vielgliederiges System von Massengebirgen und Ketten, die sich in einer hakig gekrümmten Linie aneinanderreihen und durch breite Längenthäler und tief eingeschnittene Querthäler voneinander geschieden werden. Der innere Rand des Alpenbogens fällt im westl. Teile steil gegen die Po-Ebene ab; im östl. Teile, vom Lago⸗ b Mitt an, vermitteln niedrigere Gebirge, Vor⸗ und Mittelalpen, in ähnlicher Weise den allmählichen Üübergang zum Tieflande, wie am äußern Rande den übergang von den Hochalpen zum Thal des Rhöne, der schweiz. und bayr. Hochebene und zum Thal der Donau. Man unterscheidet demnach in den Alpen nach der Höhe drei Stufen: Voralpen, meist bewachsene Bergzüge von 800—1800 m 6 be Mittelalpen, 1800—2400 m, teils felsig, teils bewachsen, und Hochalpen, über 2400 m, entweder steile, nackte Felsen, spärlich mit Flechten und Alpenkräutern bewachsen, oder weitausgedehnte Firn- und Gletschermassen. Die durchschnittliche Kammhalt der Hochalpen beträgt 2000 — 2400 m und verält sich zur Gipfelhöhe ungefähr wie 1:2. „Die Felsarten der Alpen sind teils krystallinisch, teils sedimentär. Zu jenen gehören die verschiedenen Granite, der Syenit, der D.m509e, der Serpentin, ferner Gneis, Glimmerschiefer, Hornblendschiefer, Talkschiefer, an die Um die andern metamorphischen, d. h. durch Umwandlung aus sedimentären Gesteinen entstandenen Felsarten, die grauen und grünen Schiefer, die körnigen Kalkden 4 Dolomite, Gipse u. s. w. anschließen. Von en eigentlichen Sedimentgesteinen ist die älteste Formation der primären Epoche, das übergangsgebirge, nur in den östl. Alpen mit Sicherheit nachgewiesen; in den Mittel⸗ und Westalpen wird es wahrscheinlich durch metamorphische Gesteine vertreten. Zur Steinkohlenformation gehören die Anthracitschiefer der westlichen und die Kohlenkalksteine der östl. Alpen. Von sekundären Formationen findet sich die Trias, vertreten durch rote und grüne Schiefer und Konglomerate, schwarze und graue Kalksteine und Dolomite, am stärksten in den östlichen, schwach in den westl. Alpen entwickelt. Der Lias der Alpen ist gewöhnlich ein 4 Kalkstein und findet sich fast in ihrer ganzen Ausdehnung. Von den eigentlich jurassischen Formationen ist besonders der mittlere Jura, durch graue bis schwarze, dichte oder fein krystallinische Kalke (Hochgebirgskalk) und Eisensteine vertreten, sehr stark entwickelt; er bildet ein breites Band um den West⸗ und Nordrand der Alpen vom Ligurischen Meere bis zur Donau; in den Berner Alpen erhebt er sich zu mächtigen Gipfeln, die in der Blümlisalp 3670 m, im vordern Wetterhorn 3703 m Höhe erreichen. Die Kreideformation findet sich, den jurassischen Gebilden aufgelagert, in großer Ausdehnung zu beiden Seiten des Alpenzugs, hauptsächlich durch schwarze bis graue, oakte da Kalke (Néocomien) oder durch graue, kompakte Kalksteine (Schratten⸗ und Seewerkalk) vertreten. An die Kreide schließen sich Tertiärgebilde der Cocänformation an, Nummulitenschichten und Flysch, erstere aus feinkörnigen, graub 10 hell⸗ b15 dun versteinerungsreichen Kalksteinen und hell- bis dunkelgrauen Sandsteinen bestehend, letzterer aus dunkelgrau bis schwarzen Kalkthonschiefern, abwechselnd mit Kalkbreccien und dunkelgrauen, festen Sandsteinen. Diese Schichten lassen sich in Gestalt eines langen, schmalen Bandes, das von den neogenen oder Molassegebilden deutlich geschieden ist, auf dem ganzen West⸗ und Nordabhang der Alpen verfolgen und sind auch auf der Südseite entwickelt. Die neogenen Tertiärgebilde, die sich an den Nordrand der Alpen anlegen und nur im östlichsten Teile in die Thäler derselben eindringen, bestehen hauptsächlich aus grünlich⸗ oder bläulichgrauen Sandsteinen und aus Konglomeraten (Nagelfluh), von denen die erstern meist den übergang die Uitt den Alpen und ihren nördl. Vorländern, ie letztern die äußersten Ketten der eigentlichen Voralpen bilden. Im denmen und un Rer bestehen die Alpen aus einem krystallinischen Kern, umgeben von einem Mantel sedimentärer Gesteine. Dieser krystallinische Kern bildet aber nicht ein zusammenhängendes Gandie⸗ sondern teilt sich in einzelne Centralmassen, durch geschichtete Gesteine voneinander getrennt werden. Solcher Centralmassen zählt Studer im Gebiete der Schweizeralpen 12, Desor im ganzen Alpengebiete 36. Sie bestehen alle hauptsächlich aus Granit und Gneis, auch Syenit und Glimmerschiefer, und bilden mit den sie umgebenden Schiefern die Mittelzone der Alpen; nördlich und südlich wird dieselbe von zwei Nebenzonen sedimentärer Gesteine begleitet. Diese geognost. Dreiteilung der Alpen kommt aber erst in den Ostalpen zur vollen D2 schrt im westl. Teile des innern Alpenrandes schließt sich die südl. Nebenzone so eng an die Mittelzone an, daß jene zu keiner selbständigen Entwickelung gelangt, oder auch ganz fehlt, sodaß der Gneis und Granit der Centralmassen unmittelbar an die Po-Ebene anstoßen. Erst östlich vom Lago-Maggiore entwickelt sich der Vorwall von Kalk⸗ und Dolomitmassen in größerer Mächtigkeit, um sich ohne fernere Unterbrechung mit rasch zunehmender Breite bis zum Ostende der Alpen fortzusetzen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 455Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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