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GeschichteBrockhaus 1882

Eiserne Maske (Mann mit der eisernen Maske), ein geheimnisvoller Staatsgefan-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. V. gener aus der Regierungszeit Ludwigs XIV. Von ihm erhielt man die erste Kunde durch die &Mémoires secrets pour servir à Phistoire de Perses (Amsterd. 1745 — 46), denen zufolge er der Herzog von Vermandois, ein natürlicher Sohn Ludwigs XIV. und der Lavallière, gewesen sein soll, welcher eine Ohrfeige, die er seinem Halbbruder, dem Großdauphin, versetzt, mit ewiger Einsperrung habe büßen müssen. Hierauf gründete der Chevaier Mouhy seinen Roman «L'homme au masque de fero (Haag 1746). Voltaire in seinem «Siècle de Louis XIVY (1751) machte das Interesse an der merkwürdigen Gestalt allgemein. Man erschöpfte sich in Hypothesen. Einige holländ. Schriftsteller behaupteten, daß der Gefangene ein junger fremder Edelmann, der Kammerherr der Königin Anna und der wahre Vater Ludwigs XIV. gewesen. Lagrange-Chancel suchte in L'année littérairen von 1759 zu beweisen, daß die Maske kein anderer als der Herzog von Beaufort, der sog. König der Hallen, sei, was Sainte-Aulaire in seiner 4Histoire de la Fronde schlagend widerlegte. Beglaubigte Aufschlüsse über die Eiserne Masle gab zuerst der Jesuit Griffet, der neun Jahre in der Bastille als Beichtvater fungierte, in seinem Traité des différentes sortes des preuves qui servent à établir la vérité dans Phistoire (Lüttich 1769), indem er das geschriebene Journal Dujoncas, des königl. Lieutenants in der Bastille, für das J. 1698 anzog, sowie das Totenregister des Kirchspiels St.⸗Paul. Nach diesem Journal kam Saint-⸗Mars 18. Sept. 1698 von der Insel Marguerite, wo er Gouverneur gewesen, an und führte in einer Sänfte einen Gefangenen mit sich, den er schon zu Pignerol bewacht hatte, dessen Name nicht genannt und dessen Gesicht stets mit einer schwarzen Samtmaske bedeckt gehalten wurde. Dieser Gefangene starb nach dem Journal 19. Nov. 1703. Übrigens neigte sich Griffet in der Frage über die Person zu der in den Mémoires secretso ausgesprochenen Ansicht hin. Später kam Voltaire in seinem Essai sur les mœurso auf die Maske zurück, ohne indes Neues zu bringen. In der siebenten Ausgabe des Dictionnaire philosophiques erzählt er aber im Artikel Annav die Geschichte nochmals, verbesserte seine Irrtümer über das Datum aus dem Journal Dujoncas und schloß mit der Versicherung, daß er mehr wisse als Griffet, als Franzose jedoch schweigen wolle. Trotzdem war der Artikel, angeblich vom Herausgeber des Werks, mit einem Zusatz begleitet, des Inhalts: die Maske sei ein älterer Bruder Ludwigs XIV. und ein natürlicher Sohn Annas von Ssterreich gewesen, deren Glaube an ihre Unfruchtbarkeit durch die Geburt dieses Sohnes widerlegt worden sei. Nach einem hierauf vermittelten Zusammentreffen mit ihrem Gemahl habe sie dann Ludwig XIV. geboren; der letztere habe erst nach erreichter Mndigkeit von dem Bruder Kenntnis erlangt und ihn einsperren lassen, um den möglichen Folgerungen vorzubeugen. Linguet in der „Bastille dévoiléen schrieb die Vaterschaft desselben dem Herzog von Buckingham zu. Saint-Michel veröffentlichte 1790 ein Buch, in welchem er die Schicksale des Unglücklichen erzählte und eine geheime Vermählung der Königin Anna mit Mazarin nachzuweisen suchte. Der Abbé Soulavie, der die Memoiren des Marschalls Richelieu (Lond. u. Par. 1790) veröffentlichte, wollte nach einem Dokument darthun, daß der Gefangene ein Zwillingsbruder Ludwigs XIV. gewesen. Ludwig XIII. habe diesen Prinzen insgeheim erziehen lassen, um das Unheil zu vermeiden, das nach einer Prophezeiung aus der Dach Masm für das königl. Haus erstehen sollte. Nach Mazarins Tode erst habe Ludwig XIV. von dem Bruder Kenntnis erlangt und denselben, der aus einem Bildnis erfahren, daß der König sein Bruder sei, auf ewig einsperren und wegen seiner auffallenden Ahnlichkeit mit ihm selbst stets eine schwarze Maske tragen lassen. Diese Ansicht war zur Zeit der Revolution fast die allein geltende. Auch Zschokke in seinem Trauerspiel „Der Mann mit der eisernen Maskev, die Franzosen Arnould und Fournier in dem Drama «L'homme au masque de fero (1832) und Thümmel in seinen «Reisen ins mittägliche Frankreich » haben den Gegenstand in dieser Weise behandelt. Inzwischen hatte sich einerseits ergeben, daß der Gefangene mit der schwarzen Samtmaske in den Registern der Bastille unter dem Namen Marchioli aufgeführt wurde, und andererseits sprach sich bereits Senac de Meilhan in seinen Oeuyres philosophiques et littéraireso (Hamb. 1795) auf Grund italienis . Aktenstücke ganz bestimmt l se, aus, daß jene Maske kein anderer als Mattioli sei, der Minister des Herzogs Karl Ferdinand von Mantua. Dafür entschied sich auch Roux-Fazillac in seinen „Recherches historiques et critiques sur T'homme au masque de fero (Par. 1800), so- wie andere und zumal deutsche Gelehrte. Mattioli hatte sich gegen Ludwig XIV. 1678 anheischig gemacht, seinen Herrn zu bewegen, die Festung Casale an Frankreich auszuliefern; er hatte bereits 100000 Scudi und reiche Geschenke erhalten, verriet aber das Geheimnis an Savoyen, Spanien und Ssterreich. Um sich zu rächen, ließ Ludwig XIV. ihn auf die franz. Grenze locken und 2. Mai 1679 dort gefangen nehmen. Mattioli wurde unter fremdem Namen dem Gouverneur von Pignerol, Saint-Mars, übergeben, dem er bei dessen Versetzung lef der Insel Marguerite und später in die Bastille folgen mußte. Vgl. Delort, Histoire de Phomme au masque de fero (Par. 1825); Schlosser und Bercht, «Archiv für Geschichte (Bd. 2, Frankf. 1831); Ranke, Französ. Geschichtes (Bd. 3); Topin, XL'homme au masque de fero (Par. 1869); Jung, «La vérité sur le masque de fero (Par. 1873). Nach letzterm, dem sich Riese (Die eiserne Maskev, Greifsw. 1876) anschloß, war der Gefangene der lothring. Reiteroberst Ritter von Harmoises, welcher 1672 an der Spitze einer Verschwörung in den span. Niederlanden gegen das Leben Ludwigs XIV. stand und 29. März 1673 bei Peronne verhaftet wurde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 913Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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