Elektricität heißt ein eigentümlicher Zustand, in welchen alle Körper zunächst durch Reiben oder andere mechanische Molekularstörungen (Spaltung, Stoß und Druck), dann auch durch verschiedene physikalische, chemische und selbst physiologische Prozesse vorübergehend versetzt werden können. Körper, welche jenen eigentümlichen oder elektrischen Zustand angenommen haben, nennt man elektrisch. Papierschnitzelchen, Metallflitter, Holundermarkstückchen und andere leichte Körperchen werden von den elektrischen Körpern angezogen und darauf wieder abgestoßen. Obwohl noch andere Eigentümlichkeiten (bläulicher Lichtschimmer, elektrischer Funke u. dgl. m.) des elektrischen Zustandes auftreten können, so hat man doch die elektrische Anziehung und elektrische Abstoßung, und namentlich die letztere, als das empfindlichste und verläßlichste Kennzeichen des Vorhandenseins von E. ausgewählt und darauf Instrumente gegründet, welche Clektricitätsanzeiger oder Elektroskope (s. d.) heißen. Die letzte Ursache des elektrischen Zustandes nennt man ebenfalls E., elektrische Kraft oder elektrische Energie. Ob das Wort E. im Sinne des elektrischen Zustandes oder der elektrischen Energie (Kraft) enommen ist, ergibt sich stets aus dem jeweiligen Inbalte des Satzes. Das Altertum kannte von elektrischen Erscheinungen nur die Anziehung leichter Körperchen durch den geriebenen Bernstein (Elektron). Erst der engl. Arzt W. Gilbert zeigte um 1600, daß außer dem Bernstein auch noch eine größere Anzahl anderer Substanzen, wie Glas, Edelsteine, Schwefel, Harze u. s. w., durch Reiben dieselbe Eigenschaft, leichte Körper anzuziehen, erlangten. Bis zu seiner Zeit hielt man die elektrischen Erscheinungen für identisch mit den magnetischen; erst er wies die zwischen dieser Anziehung und der Anziehung eisenhaltiger Körper durch einen Magnet vorhandenen Unterschiede nach und bezeichnete die Kraft, von welcher die erstere hervorgebracht wird, mit dem Namen der elektrischen, weil derlei Erscheinungen zuerst am Elektron (Bernstein) beobachtet worden waren. Indes von da an vergingen noch mehr als hundert Jahre, bevor die Kenntnis dieser elektrischen Kraft sich zu erweitern begann, denn die wichtige elektrische Abstoßung, welche Otto von Guericke zuerst beobachtet hatte (1663), ward 5 später verstanden. Guericke erkannte auch schon den bläulichen Lichtschimmer bem. zu verwechseln mit dem elektrischen Funken) eim Reiben seiner Schwefelkugel, sowie das elektrische Knistern. Eine raschere Entwickelung der Elektricitätslehre beginnt jedoch erst mit der Entdeckung Grays (1729), daß gewisse Körper der E. eine leichte Fortpflanzung gestatten, dagegen andere ihrer Fortbewegung einen bedeutenden Widerstand Conversations-Lexikon 13. Aufl. VI. „entgegensetzen, zu welchen letztern gerade diejenigen gehörten, an welchen man bis dahin nach dem „Reiben E. bemerkt hatte. Die erste Klasse der Körper bezeichnet man jetzt mit dem Namen der elektrischen Leiter (Konduktoren), sie umfaßt z. B. alle Metalle, das Wasser und die mit Wasser überzogenen oder durchdrungenen Substanzen, sowie die bis zum Schmelzen erhitzten Salze; ferner verschiedene Körper, wenn sie feucht sind, o B. feuchte Luft, Holundermark, Stroh, Leinen, Baumwolle, Papier; dann auch lebende Pflanzen, Tiere und Menschen, der Erdkörper u. v. a. Die zweite Klasse dagegen belegt man mit dem Namen der elektrischen [Nichtleiter oder Isolatoren; sie heißen auch dielektrische Körper (s. d.) und müssen möglichst trocken sein, und man rechnet z. B. dazu Seide, Glas, Harz, Bernstein, Schwefel, Schellack und die trockene atmosphärische Luft. Die bestisolierende feste Substanz ist guter Schellack. Streng genommen * es, außer dem luftleeren Raum, keine eigentlichen Nichtleiter, sondern nur schlechte Leiter, welche man gewöhnlich als Nichtleiter bezeichnet. Körper, welche in der Mitte zwischen guten und [schlechten Leitern ohol, nennt man Halbleiter. Zu diesen gehören Alkohol, Ather, trockenes Holz u. a. Durch Grays Entdeckung war es den Ahrders ede die durch Reiben eines nichtleitenden Körpers erregte E. auf einen andern leitenden Körper zu übertragen und auf ihm zurückzuhalten, indem man denselben überall mit Röhtleitern umgab (isolierte). Durch derartige Mitteilung der E. an isolierte Körper vermochte bald darauf (1733) Dufay das gegenseitige Verhalten der durch Reiben in den verschiedenen Körpern erzeugten E. zu prüfen und nachzuweisen, daß die durch Reiben des Glases und des Siegellacks (Harzes) mit Wolle erregten Zustände zwei verschiedene, einander gerade entgegenesetzte Modifikationen der elektrischen Kraft darstellen. Hierzu diente das einfachste Elektroskop oder das elektrische Pendel, d. i. ein isoliert hängender und leichter Leiter, z. B. ein an einem Seidenfaden befestigtes Holundermarkkügelchen A, wie es die umstehende Fig. zeigt. Während nämlich sowohl das geriebene Glas Cwie auch der geriebene Siegellack (Harz) das Kügelchen anzogen und darauf abstießen, sich mithin gleich verhielten, ergab sich ihre Einwirkung auf das Kügelchen, wenn ihm schon zuvor E. mitgeteilt worden war, sehr verschieden. Hatte nämlich dieses Kügelchen seine E. durch eine geriebene Glasröhre erhalten, so wurde es von einer durch Reiben in ganz gleicher Weise elektrisch gemachten Glasröhre zurückgestoßen, dagegen von einer durch Reiben elektrisch gemachten Siegellackstange (Harzstab) angezogen. Hatte dasselbe dagegen seine E. durch eine geriebene Siegellackstange Garzstab) erhalten, so wurde es gerade umgekehrt von einer geriebenen Siegellackstange abgestoßen, von einer geriebenen Glasstange aber angezogen. Dufay unterschied daher diese beiden Modifikationen der elektrischen Kraft als Glaselektricität und Harzelektricität, während man sie etwas später als positive (+) und negative (—) E. bezeichnete und diese Benennung bis heute + — Aus obigen Versuchen läßt sich schließen: gleichnamige E. und daher auch gleichnamig elektrisierte Körper stoßen sich ab, ungleichnamige dagegen ziehen sich an. Unleichnamige oder entgegengesetzte E. von gleicher enge vereinigen sich miteinander bei Wiehn Zusammentreffen und heben sich in ihren Wirkungen auf; man R dann, sie neutralisieren sich. Nach Coulombs Messungen (1785) ziehen sich die entegengesetzten E. proportional dem Produkte ihrer engen und umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernung an. Dasselbe gilt für die Abtoßung der gleichartigen E. Auf der elektrischen bstoßung beruhen die Elektroskope mit zwei Pendeln und auch noch viele andere Elektricitätsanzeiger. (S. Elektroskope.) Man hat die elektrischen Wirkungen nach Franklin (1747) einem einzigen, besondern elektrischen Fluidum zugeschrieben, welches «Elektrikum» +—. Dieses stellte man sich als eine schwerelose, höchst feine und ausdehnsame elastische Flüssigkeit vor, deren Teilchen gegeneinander absto end, dagegen gegen die Teilchen der wägbaren Körper anziehend wirken. Nach dieser Theorie erscheinen die Körper dann — elektrischejKraft, wenn sie gerade das ihrer asse und Natur zukommende Maß von diesem elektrischen Fluidum enthalten, während sie positiv elektrisch erscheinen, sobald sie ein größeres, dagegen negativ elektrisch, sobald sie ein geringeres Quantum von jener Flüssigkeit besitzen, als ihnen sür den unelektrischen Zustand zugehört. Obwohl diese Hypothese viele elektrischen Erscheinungen erklärte, so vermochte sie doch nicht alle zu beherrschen, so z. B. konnte sie die elektrische Abstoßung zweier negativ elektrischer Körper, ohne unwahrscheinliche Hilfshypothese, nicht erklären. Berühmte Anhänger der Franklinschen Theorie (Unitarier) waren Cavendish, Cavallo, Aepinus, Volta u. a. Die Schattenseiten dieser Hypothese bewirkten, daß Symmer (1759) eine zweite Theorie, welche zwei polarisch entgegengesetzte „Elektrila, d. i, eine positive und eine negative elektrische Flüssigkeit, annimmt, auftstellte. Nach dieser Theorie enthalten die Körper im „nichtelektrischen Zustande von beiden entgegengesetzten elektrischen Flüssigkeiten in jedem ihrer Teilchen ein gleiches Maß, wodurch eben die anziehenden und abstoßenden Wirkungen dieser beiden E. sich aufheben. Erscheint ein Körper positiv elektrisch, so herrscht in ihm die positiv elektrische Flüssigkeit vor; erscheint er dagegen negativ elektrisch, so wiegt die negatip elektrische Flüssigkeit vor. Beiden elektrischen ½½ legt man die Eigenschaft bei, die Teilchen ihrer eigenen Art zurückzustoßen, dagegen die Teilchen der andern Art anzuziehen. Die elektrischen Anziehungen und Abstoßungen der Körper sind nur eine Folge von den Anziehungen und Abstoßungen, welche die in denselben vorhandenen elektrischen Flüssigkeiten aufeinander ausüben, und die Bewegungen der Körper erfolgen nur, weil sie eben die Träger seiner beiden Flüssigkeiten sind, welche wegen des Widerstandes der nicht leitenden Luft von ihnen sich nicht entfernen können. Zu den berühmten Freunden dieser Theorie (Dualisten) gehörten Coulomb, Poisson u. a. un neuerer Zeit haben einige Physiker die Hypothesen von einer oder zwei besondern elektrischen Flüssigkeiten fallen gelassen und dafür angenommen, daß die positive E. eines Körpers daher rühre, daß sich auf demselben der Welt⸗ oder Lichtäther im überschuße frei ansammle. Die negative E. eines Körpers stellt das Minus gegen die normale Athermenge vor, welche der unelektrische Körper besitzt. Diese Ansicht ist also mit der Franklinschen verwandt, nur setzt sie den Weltäther an Stelle eines DerRonn elektrischen Fluidums. Andere Physiker er Neuzeit nehmen an, die E. entspringe, analog dem Lichte, eigentümlichen Schwingungszuständen des zwischen den Körpermolekülen .½½ Welt- oder Lichtäthers; hierher gehört z. B. die rsache Hankels (1856) über die Ursache der E. Derselbe betrachtet die E. als kreisförmige Schwingungen (Wirbel) des Athers; je nach der einen oder entgegengesetzten Richtung jener Atherschwingungen erscheint die E. positiv oder negativ. Obwohl nun durch die Wechselwirkung der Naturkräfte und durch die Möglichkeit der Umwandlung der einen Kraft (Energie) in die andere ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit für die Undulationstheorie, auch in Hinsicht auf die E. gewonnen worden ist, so spricht man dennoch immer noch von elektrischer Materie, von elektrischen Flüssigkeiten, von Mengen und Dichten der E., von ihrem Fließen und Strömen u. s. w., weil dadurch der Ausdruck an Leichtigkeit gewinnt. Wenn also im Folgenden die ältere Sprechweise beibehalten worden ist, etwa wie man ja auch in der Astronomie vom Sonnenaufgang gegen den richtigen rn, daß 8 spricht, so müssen wir uns stets erinnern, daß die letzte Ursache der elektrischen Erscheinungen höchst wahrscheinlich in einem eigentümlichen Schwingungszustande des Athers und vielleicht auch der kleinsten Körperteilchen liegen möge. Wenn man also z. B. von einer 9956 Dichte der E. spricht, so meint man eine eröhte lebendige Kraft oder Energie derselben; Menge der E. bedeutet Quantität der elektrischen Energie lelektrischen lebendigen Kraft) u. s. w. Nicht nur durch Reibung und Mitteilung können die Körper elektrisch gemacht werden, sondern auch durch Fernwirkung in folgender Weise: Stellt man einen mit positiver E. geladenen und isolierten Körper A (Fig. 2) in die Nähe eines unelektrischen, isolierten Leiters, z. B. eines Metallcylinders CB, so zeigt sich, daß an dem Ende B, welches dem positiv elektrischen Körper A näher liegt, negative E. auftritt, und daß dagegen das entferntere Ende C positive E. besitzt. Die an dem Metallcylinder CB leitend befestigten Doppelpendelelektroskope (s.