Elektrische Kraftübertragung (frz. transmission dynamo-électrique, engl. dynamo-electric transmission), die Fortpflanzung von Kraft oder richtiger mechanischer Arbeit auf Stuors Entfernungen mittels des elektrischen Stroms. Das Prinzip derselben beruht darauf, daß man mit Hilfe einer dynamo⸗ oder magnet-elektrischen Maschine (s. Elektrische Maschinen) die Arbeit einer Dampfmaschine, Turbine oder irgend eines andern Motors in einen elektrischen Strom verwandelt und diesen durch Leitungsdrähte einer zweiten elektrischen Maschine zuführt, welche dadurch in Bewegung gesetzt wird und eine der Stromstärke entsprechende Kraftleistung zu verrichten vermag. In sämtlichen Fällen der elektrischen Kraftübertragung müssen demnach stets drei verschiedene Maschinen vorhanden sein: 1) die Kraftmaschine (Dampfmaschine, Wasserrad, Gasmotor u. s. w.), welche die zu übertragende Arbeit Marz 2) die dynamo⸗-odermagnet-elektrische Maschine, welche die von der Kraftmaschine gelieferte Arbeit in elektrischen Strom umsetzt und primäre Maschine genannt wird; 3) die sog.sekundäre Maschine, welche gleichfalls eine dynamo⸗ oder magnetrelektrische Maschine ist und, durch den von der primären Maschine gelieferten Strom in Umdrehung versetzt, wieder Arbeit erzeugt. Allerdings erhält man bei dieser Art der Kraftübertragung immer nur einen Teil der ursprünglich aufgewendeten Arbeit wieder; doch ist der stattfindende Verlust nicht wesentlich größer als bei andern Methoden der Kraftübertragung. Wie durch praktische Resultate vielfach festgestellt ist, beträgt derselbe bei den bisherigen Konstruktionen der elektrischen Maschinen etwa 50 Proz.; doch lassen theoretische Erwägungen mit Sicherheit erwarten, daß durch passendere Konstruktion der elektrischen Maschinen und Anwendung einer höhern Tourenzahl selbst bei längern Leitungen ein Nutzeffelt von 70 Proz. und mehr durch die elektrische Kraftübertragung zu erreichen sein wird. Der größte Verlust, welcher durch diese Art der Kraftübertragung entsteht, resultiert aus der Erwärmung, welche jeder von einem elektrischen Strom durchflossene Leiter erfährt; die dieser Wärme entsprechende Arbeit geht selbstverständlich für den Zweck der Kraftübertragung verloren und kann oft sogar noch störend auf den Übertragungsprozeß einwirken, sodaß es als ein Haumterfordernis bei der Konstruktion der primären und sekundären Maschine gelten muß, die Wärmeentwickelung möglichst zu vermeiden. Ein nicht minder wichtiger Faktor ist die Drahtleitung, welche gleichfalls einen Teil des Stroms durch Umwandlung in Wärme absorbiert und namentlich bei Guigennahen (meilenweiten) Entfernungen und einigermaßen bedeutender Größe der zu übertragenden Kraft einen großen Querschnitt erfordert, um die erwähnten Verluste nicht zu bedeutend werden zu lassen. Nach den Versuchen und theoretischen Erwägungen des auf dem Gebiet der elektrischen Kraftübertragung sehr erfahrenen Elektrikers Dr. C. William Siemens soll der Widerstand in der Drahtleitung nicht größer sein, als wie ihn ein 800 m langer Kupferdraht von 6 mi Dicke darstellt, um die Kraftübertragung durch Elektricität mit dem geringsten Verlust zu ermöglichen. Wird daher die Entfernung zwischen der primären und der sekundären Maschine verdoppelt, so wird bhei gleichem Durchmesser des Drahts der Widerstand doppelt so groß und man muß, um den nsiche Widerstand, welcher ½ Einheit (Siemenssche Einheit) entspricht, wiederherzustellen, den Querschnitt der Leitung gleichfalls verdoppeln. Nach diesen Prinzipien würde aber eine Leitung, die den elektrischen Strom auf eine bedeutende Entfernung fortleiten soll, ein bedeutendes Gewicht erhalten und die ganze Anlage in solchem Grad verteuert werden, daß von einem ökonomischen Betrieb kaum noch die Rede sein könnte. Nach den neuesten theoretischen Untersuchungen von Deprez, Thomson und Houston scheint es jedoch möglich zu sein, sehr große Arbeitsleistungen auf bedeutende Entfernungen durch dünne Drähte zu übertragen, ohne daß eine übermäßige Wärmeentwickelung in den Leitungsdrähten stattfindet. Diese Annahme stützt sich darauf, daß die durch die Drahtleitung in der Zeit-Fultr fließende Elektricitätsmenge nur der eine Faktor der 10 übertragenden elektrischen Energie ist, indem die letztere durch das Produkt aus Stromstärke und elektromagnetischer Kraft gebildet wird. Da nun die Erwärmung der Leiter nur von der Stromstärke abhängig ist, kann man ohne Anderung der letztern eine beliebige Kraft auf beliebige ant ur durch einen gewöhnlichen Telegraphendraht übertragen, wenn nur dafür gesorgt wird, daß die von der primären Maschine erzeugte elektromotorische Kraft groß genug ist. In der That ist es Marcel Deprez auf der Elektricitätsausstellung in München gelungen, eine Kraft von 10 Pferdestärken von dem Städtchen Miesbach nach dem 57 km entfernten Ausstellungspalast in München übertragen, wobei der Motor in Miesbach etwa 16 Pferdestärken leistete. Hiernach ist die Befürchtung, daß die Fortpflanzung von Arbeitskräften auf größere Entfernungen, der Dicke und Kostspieligkeit der zu verwendenden Leitung wegen, innerhalb enger Grenzen bleiben werde, nicht begründet und scheint die Möglichkeit, durch geeignete Konstruktion der elektrischen Maschinen die enorme Kraft der zahlreichen Wasserfälle, die von Ebbe und Flut etc. in ökonomischer Weise auf sehr große Entfernungen zu übertragen, nicht ausgeschlossen. Die praktischen Anwendungen, welche die elektrische Kraftübertragung findet, sind im wesentlichen von zweierlei Art: diejenige auf große Entfernungen und die für geringe Distanzen. Wenngleich nun die übertragung auf große Entfernungen der bei weitem schwierigste und zugleich wichtigste Teil der Aufgabe ist, da durch dieselbe die Weiterführung und praktische Verwertung der in der Natur vorandenen gewaltigen Wasserkräfte ermöglicht wird, o ist doch auch die elektrische Kraftübertragung für geringere Distanzen einer außerordentlich mannigachen Anwendung fähig und hat schon jetzt in der Industrie eine wichtige Stellung eingenommen. So treibt man mittels elektrischer Maschinen in dem Etablissement A la belle Jardinière in Paris bis in die obersten Stockwerke hoter eine große Anzahl Nähmaschinen, wobei der Motor und die primäre Maschine im Keller stationiert sind. Auch benutzt man die elektrische Kraftübertragung, um rstühle in die Höhe zu ziehen ( Elektrischer Aufzug). Im Bergbau wird die elektrische raftübertragung derjenigen mittels komprimierter Luft zum Treiben der Gesteinsbohrmaschine bald lebhafte Konkurrenz machen, ebenso wie dieselbe für die Landwirtschaft von hoher Bedeutung zu werden verspricht. Der mächtigste Umschwung aber wird durch die elektrische Kraftübertragung im Eisenbahnwesen hervorgerufen werden, indem als Betriebsmittel an die Stelle der Lokomotiven kleine elektrodynamische Maschinen treten, (s. Elektrische Eisenbahn), die eventuell unter dem Boden des Wagens befestigt werden können, mithin den Fassungsraum desselben durchaus nicht vermindern. Auch geht man mit dem Gedanken um, eine sog. Elektrische Post einzurichten, d. h. Städte durch einen schmalen Schienenstrang zu verbinden, der von kleinen, durch Elektricität betriebenen Wagen durchfahren wird. Zur Sicherheit des Betriebs würde hierbei die ganze Bahnlinie mit einem starken eisernen Mantel umgeben werden. Der wichtigste Vorzug, den die elektrische Kraftübertragung gegenüber allen bis jetzt bekannten und angewendeten Methoden der Kraftübertragung aufweist, ist das außerordentliche Anpassungsvermögen, durch welches dieselbe für alle denkbaren Verhältnisse verwendbar wird. Entfernungen und Zickzacklinien, in denen der Strom geführt werden soll können nicht störend wirken. Dazu kommt, daß die an dem Ort des Kraftverbrauchs aufgestellte Maschine sehr klein ist und weder Itern Geräusch, noch eine Verschlechterung der Luft derursacht. Die wertvollsten Dienste wird die elektrische Kraftübertragung dem jetzt im Kampf mit der Großindustrie fast erliegenden Kleingewerbe leisten, indem für die Krafterzeugung an den einzelnen Arbeitsstätten nicht mehr ein irrationeller Aufwand von Brennmaterial und Arbeit erforderlich sein wird. Vgl. Uhland, „Das elektrische Licht und die elektrische Beleuchtung. Mit einem Anhang über die Kraftübertragung durch Elektricitäte (Lpz. 1883).