FeedEntzündung (Intlammatio, Phlogosis)
HeilkundeBrockhaus 1882

Entzündung (Intlammatio, Phlogosis), einer der häufigsten und wichtigsten krankhaften Prozesse des menschlichen und tierischen Körpers spielt bei der Entstehung und Heilung der meisten innern und aller chirurgischen Krankheiten eine hervorragende Rolle, weshalb die Lehre von der E. eins der wichtigsten Kapitel der gesamten Pathologie darstellt und von alters her das Interesse der Arzte und Chirurgen in ganz besonderm Grade erregt hat. Man versteht unter E. im allgemeinen denjenigen krankhaften Zustand eines Körperteils oder Organs, bei welchem dessen Haargefäße erweitert und mit stockenden Blutkörperchen überfüllt sind und infolge dessen gerinnbare, faserstoffhaltige (sogar plastische) Bestandteile ausschwitzen, welche, in die Gewebe gelagert, daselbst mannigfachen weitern Veränderun⸗⸗ gen unterliegen können. Das Entzündetsein eines Organs gibt sich vor allem durch gesteigerte Wärme, Rötung, Schwellung und Schmerzen in demselben zu erkennen, wozu sich sehr bald auch mehr oder minder auffallende Störungen in den Verrichtunen des entzündeten Organs, unter Umständen auch Fieber und eine allgemeine Zurückhaltung der Absonderungen (Durst, Trockenheit der Haut, sparsamer dunkler Harn u. dgl.) hinzugesellen. Jede E. geht aus einer Kongestion (s. d.), d. h. aus der Überfüllung gewisser Haargefäße hervor und besteht! ihrem Wesen nach aus einer örtlichen Ernährungs⸗⸗ störung der Gewebe mit dem Charakter des beschleunigten und gesteigerten Stoffwechsels, durch welche die verschiedenartigen, von außen auf den Körper einwirkenden Schädlichkeiten möglichst eliminiert und unschädlich gemacht werden. Wenn man sich einen Splitter tief in das Fleisch einsticht, so entsteht sehr bald, wenn derselbe nicht herausgezogen wird, in seinem Umkreise eine entzündliche Anschoppung und Ausschwitzung, welche entweder den Splitter mit einer aus neugebildetem Bindeewebe bestehenden Kapsel umgibt und so unschädich macht, oder die benachbarten Gewebe eiterig zerweicht und so dem Splitter mitsamt dem entstandenen Eiter einen Ausweg nach außen bahnt. Auf die gleiche oder ähnliche Weise werden die meisten krankhaften Veränderungen innerhalb unsers Körpers durch entzündliche Prozesse vollständig oder doch teilweise wieder aufgehoben und ausgeglichen. Die feinern Vorgänge bei der E. bestehen nach den neuern Untersuchungen von Cohnheim darin, daß nach der (chadlicht einer das betreffende Organ berührenden Schädlichkeit, des sog. Entzündungsreizes, zuerst eine Erweiterung der Arterien, später auch der Venen eintritt, wodurch die Geschwindigkeit des Blutstroms bald beträchtlich —1 wird, und daß, begünstigt durch diese Blutstockung, ahllose farblose Blutkörperchen durch die unversehrten Gefäßwände nach außen in die umliegenden Gewebe auswandern und hier als sog. Eiterkörperchen das weitere Schicksal der E. bestimmen; verschwinden sie nach einiger Zeit wieder, indem sie aus den Hohlräumen des Bindegewebes in die Lymphgefäße und so wieder in die Blutmasse zurückgelangen, so wird die E. wieder rückgängig (erteilt), während sie bei andauernder Anhäufung in dem umgebenden Gewebe den Übergang der E. in Eiterung bedingen. (S. Eiter.) Dieser neuern Ansicht über den eigentlichen Entzündungsvorgang (sog. Einwanderungstheorie) steht eine andere ältere (sog. Proliferationstheorie) gegenüber, nach welcher die Eiterkörperchen nicht ausgewanderte üüent-Blutkörperchen, sondern in den Geweben selbst entstanden seien, indem in den epithelialen Geweben die Epithel⸗ oder Drüsenzellen, in bindegewebigen Organen die Bindegewebszellen unter dem Einfluß des Entzündungsreizes eine lebhafte Wucherung und wiederholte Teilung erfahren und 0 so direkt in Eiterkörperchen verwandeln sollen. Wenn auch diese Möglichkeit für einzelne Fälle zuzugestehen ist, so ist doch der Vorgang der Auswanderung der farblosen Blutkörperchen so oft beim lebenden Frosch und andern Tieren direkt unter dem Mikroskop beobachtet und in seinen Einzelheiten verfolgt worden, daß die Berechtigung der Cohnheimschen Theorie nicht länger mehr bezweifelt werden kann. Jedes Lebensalter, Geschlecht, Temperament und jedes Klima ist den E. ausgesetzt; besonders begünstigt werden sie aber von dem Kindes-⸗, Jugend⸗ und Mannesalter, den kalten Klimaten und Jahreszeiten. Ebenso ist jedes Organ der E. zugänglich, ausgenommen diejenigen Organe, welche weder Blutgefäße noch Nerven besitzen, wie die Oberhaut, die Haare und Nägel und zum Teil die Knorpel; besonders häufig werden diejenigen Organe von Entzündungen befallen, welche der Einwirkung schädlicher Einflüsse am meisten ausgesetzt sind, wie die Augen, die Luftröhre und die Lungen. Wiederholte E. mancher Organe erhöht die Disposition für die gleiche Erkrankung desselben Organs; wer wiederholt von Luftröhrenkatarrhen befallen wurde, erkrankt bei der geringsten Veranlassung wieder an Luftröhrenkatarrh. Bisweilen entzünden sich einzelne Teile der Organe leichter als andere, ohne daß die Ursachen hierfür bekannt sind; so betreffen erfahrungsgemäß Lungenentzündungen häufiger die untern Lappen als die obern. Die nächsten oder Gelegenheitsursachen der E., die sog. Entzündungsreize, müssen einen gewissen, je nach der Individualität verschiedenen Grad besitzen; als solche wirken mechanische Verletzungen der Organe (Schnitt, Stich, Stoß, Reibung, Quetschung), fremde Körper (Staub, Splitter, Flintenkugeln, wandernde Parasiten) in oder an denselben, allzuheftige Anstrengung, hohe Hitze-und Kältegrade, sowie schneller Wechsel der Temperatur; ferner chemische Einwirkungen, wie die der Säuren, Alkalien, scharfer Stoffe und mancher ätherischer Gle; endlich können den Organen direkt oder vom Blut und von der Lymphe aus gewisse, nach Art eines Giftes wirkende kuhealeldenOr zugeführt werden, welche entweder in demselben Organismus oder in andern Organismen entstanden sind und als heftige Entzündungsreize wirken können; hierher gehören die Kontagien der Syphilis, Pyämie, Ruhr, des Milz⸗ und Hospitalbrandes, des Typhus, der Blattern und übrigen Infektionskrankheiten. (S. Kontagium.) Die Tendenz einer jeden E. ist die Aussonderung eines gerinnbaren Krankheitsprodukts, welches in vielen Fällen fähig ist, neue Gewebe zu bilden (sog. plastische Lymphe). Diese Ausschwitzung oder Exsudation ist der wichtigste Vorgang bei der Entzündung und fehlt nie, wenn das Exsudat häufig auch nur mikroskopisch wahrnehmbar ist. Sie ist nicht selten die erste und bei Entzündungen innerer Organe die einzig nachweisbare Veränderung des Entzundungsprozesses und kommt in gleicher Weise an gefäßhaltigen und an gefäßlosen, in festen und weichen Teilen, in Häuten und im Innern der Organe vor. Das Ersudat findet sich entweder auf den freien Oberflächen und in den natürlichen Höhlen des Körers oder zwischen den Geweben und Gewebsteilen; seine Menge ist je nach der Intensität der Entzündung, nach seinem Sitze und nach der Art der betreffenden Gewebe sehr verschieden, von kaum wahrnehmbaren Mengen bis zu vielen Pfunden wechselnd; am wichtigsten sind die freien Exsudate seröser Häute und gewisser Schleimhäute. Hinsichtlich ihrer Beschaffenheit zerfallen die entzündlichen Ersudate in seröse, schleimige, faserhaltige, hämorrhagische, kruppöse und diphtheritische (s. Auschwitzung), und diese Unterschiede in der Art und Beschaffenheit der ausgeschwitzten Substanz sind für den weitern Verlauf und Ausgang der E. von nicht geringer Bedeutung. Durch die Ausschwitzung plastischer Lymphe werden bei Entzündungen, die durch Verwundung erldnet mun wurden, die getrennten Teile wieder verlötet und durch neugebildetes Gewebe miteinander wieder vereinigt (sog. adhäsive Entzündung) und dadurch in vielen Fällen in kurzer Zeit die aangbider vollendet; freilich kann derselbe Vorgang bei der E. innerer Organe die Ursache von Verwachsungen, Verschließungen von Kanälen, Verhärtungen und zahlreichen andern nachteiligen Ausgängen werden, sodaß hier schädlich wirkt, was dort heilsam ist. Der günstigste Ausgang der E. ist die Zerteilung, wobei sich unterallmählichem Nachlassen aller Symptome nach und nach der vorige Zustand des Organismus wiederherstellt, entweder weil sich die vorhandene Blutstockung zerteilte und der überschüssige Gewebesaft durch die Lymphgefäße wieder abgeführt wurde (discussio) oder weil die ausgeschwitzten Exsudatmassen wieder verflüssigt und aufgesaugt wurden (Lösung der E., resolutio). Bei höhern Graden der E., bei ungünstiger Beschaffenheit des ausgeschwitzten Exsudats (wie bei den kruppösen und diphtheritischen Entzündungen), ferner bei fehlerhafter Blutmischung, bei Störungen des entzündlichen Prozesses und vor allem bei Ablagerung des Ersudats in maschige Gewebe (z. B. in den Zellstoff unter der Haut) kommt es leicht zur Vereiterung (suppuratio) und zur Verschwärung (ulceratio), d. h. es tritt eine reichliche Schmelzung des Ersudats zu Eiter (s. d.) ein, die eiterig erweichten Massen werden nach außen ausgestoßen, und es entsteht ein mehr oder minder umfangreicher Substanzverlust, ein Geschwür (s. d.), welches bei seiner Ausheilung eine bleibende Narbe zurückläßt. Bei noch ungünstigern Bedingungen, bei vollständiger Unterbrechung der Ernährung kann die E. auch mit dem Tode der erkrankten Gewebe endigen; die letztern werden brandig und es kommt zur brandigen Abstoßung des ganzen erkrankten Organs. (S. Brand.) Bei schweren und ausgebreiteten Entzündungen, namentlich innerer lebenswichtiger Organe, kann auch der allgemeine Tod des ganzen Organismus erfolgen. Hinsichtlich ihrer Dau er teilt man die Entzündungen in akute, die schnell und meist mit deutlichem Fieber verlaufen und in Zeit von einigen Tagen, ½½2• Wochen beendet sind, und in chronische ein, die sich länger hinausziehen, oft ohne daß anfanglich der Gesamtorganismus bedeutenden Anteil daran nimmt, die aber schließlich doch durch ihre Dauer und die mit ihnen verbundenen Eiter- und Säfteverluste sftar. nug verderblich werden. un Berich sehr lange andauernde, mit Eiterung und Verschwärung verbundene Entzündungen allgemeine Blutarmut, Abmagerung und amyloide Entartung lebenswichtiger Organe (s. Amyloid) zur Folge. Bei der dage Ansipgt. von Entzündungskrankheiten, der sog. Antiphlogose, ist zunächst dahin u streben, den Reiz, der die E. veranlaßt, zu entsenen oder wenigstens soviel als möglich abzustumpfen. Fremde Körper und Splitter müssen extrahiert, chemisch reizende Mittel entfernt oder neutralisiert, physikalisch wirkende Schädlichkeiten lextreme Hitze und Kälte u. dgl.) möglichst fern gehalten werden. Um die der E. vorausgehende Blutdanschoppung zu mindern oder ganz zu zerteilen, rkönnen Blutentziehungen, und zwar sowohl allgetmeine durch den Aderlaß wie örtliche durch Blutegel und Schröpfen, ferner vollkommene Ruhe und )zweckmäßige Lagerung des entzündeten Teils, die örtliche Anwendung der Kälte in der Form des kalten Umschlags oder des Eisbeutels, sowie innerelich kühlende Mittel sich nützlich erweisfen. Oft genug sind diese Mittel allein vollkommen hinreichend, die Macht einer E. zu brechen. Übrigens erfordern ealle entzündlichen Krankheiten, besonders wenn sie „innere Organe betreffen, eine möglichst reizlose, d. h. nicht zu stark nährende Diät, gehörige Regulierung der Stuhlentleerung und die Fernhaltung jedweder psychischen Aufregung. Nach geschehener Ablagerung des Exsudats kommen verteilende, abweichende, auflösende und aufsaugungsbefördernde Mittel in Anwendung. Ist Eiterung eingetreten, so ist dieselbe durch feuchtwarme Umschläge und Bähungen zu befördern, der Eiter selbst aber möglichst frühzeitig zu entfernen, was in den meisten Fällen am besten durch einen Einstich oder Einschnitt mit dem Messer geschieht; vorhandenes Fieber ist durch antipyretische Heilmittel (China, Salicylsäure, kalte Bäder) zu bekämpfen. Bei chronischen Entzündungen und Eiterungen ist der Kräftezustand des Kranken sorgfältig zu überwachen und durch roborierende Mittel (Eier, Fleisch, Milch, Chokolade, Wein, malzreiche Biere) soviel als möglich zu unterstützen. Ist es im Verlaufe einer Entzündung — Brand gekommen, so muß man abwarten, bis sich der abgestorbene Teil spontan vom Körper abstößt; doch sorge man für gehörige Desinfektion der brandigen Gewebe durch Chlorkalklösung, Carbolsäure und andere antiseptische Verbandmittel. ö

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 204Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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