Epilemma (grch.), in der Rhetorik ein Einwurf, welchen sich der Redner selbst macht, um denselben zu widerlegen. ö Ulhucht o * von enνινα, der Anfall), auch Fallsucht oder Böses Wesen genannt, ist eine chronische Krankheit des Nervensystems (Neurose), die aus öfter wiederkehrenden, mehr oder weniger heftigen und mit gänzlichem Erlöschen des Bewußtseins und der Sinnesempfindungen verbundenen Krampfanfällen besteht. Solche Anfälle kommen entweder nur einzeln im Verlauf hitziger Krankheiten (besonders bei kleinen Kindern und bei Schwangern oder Kreißenden) vor und heißen dann insbesondere Eklampsie (s. d.), Fraisen; oder dieselben kommen ohne Fieber bald periodisch, bald in unregelmäßigen Zwischenräumen wieder und werden dann als eigentliche E. bezeichnet. Bisweilen treten die epileptischen Krampfanfälle ohne alle Vorboten plötzlich und inmitten des vollkommensten Wohlbefindens ein; in andern Fällen werden sie durch gewisse Anzeichen vorausverkündet. Dahin gehören Aufgeregtheit jeder Art oder Niedergeschlagenheit der Kräfte wie des Gemüts, Muskelzuckungen, Funken⸗ und Farbensehen, Ohrensausen, Schwindel oder ein eigentümliches Gefühl von kühlem oder warmem Anwehen (aura epileptica), welches von einem Endpunkte des Körpers ausgehend, denselben durchzieht und am Kopfe oder in der Herzgrube endigt. Bei manchen Kranken kann man den Ausbruch des eigentlichen Krampfanfalls verhüten, wenn man die Stelle, an welcher die aura zuerst bemerkt wird, mit einem fest angelegten Bande umschnürt. Der Anfall selbst wird häufig durch einen lauten und grellen Schrei eingeleitet, mit welchem der Kranke plötzlich bewußtlos zu Boden stürzt; nur selten sindet er noch Zeit, sich einen geeigneten Platz auszusuchen oder sich auf ein Lager zu werfen, sondern er fällt meist rücksichtslos, oft an den gefährlichsten Stellen, gegen scharfe Kanten, gegen den Ofen, von der Treppe herab. Es Le. deshalb wenig Epileptische, die nach längerm Bestehen der Krankheit nicht die Spuren mehr oder weniger namhafter Verletzungen an sich tragen. Nach dem Hinstürzen tritt gewöhnlich zunächst eine kurzdauernde tonische Kontraktion der Muskeln, eine Art starrkrampfähnlichen Zustandes ein: die Augen sind starr nach oben und innen gerollt, der Kopf nach hinten gezogen, der Atem angehalten, Arme und Beine gestreckt, die Haut meist blaß. Schon nach wenigen Sekunden erfolgen aber einzelne heftige zuckende Bewegungen und dann die gewaltigsten klonischen oder Schüttelkrämpfe, welche sich schnell über den ganzen Körper verbreiten und oft einen schrecklichen Anblick gewähren. Das eben noch starre und blasse Antlitz nimmt eine bläuliche Farbe an und gerät in die lebhafteste Bewegung: die Mundwinkel werden hin und her verzerrt, die Augen geöffnet und geschlossen, die Kiefer unter Zähneknirschen gewaltsam aufeinander gepreßt und hin und her gerissen; Stirn und Augenbrauen sind in beständiger zuckender Bewegung. Nicht selten werden hierbei Zähne abgebrochen, die Zunge zerbissen, ja selbst der Unterkiefer verrenkt; die Lippen sind meist mit schaumigem Speichel bedeckt; Kopf und Rumpf werden beständig krampfhaft hin⸗ und hergeworfen und an Armen und Beinen wechseln kurze stoßende, schlagende, drehende und zuckende Bewegungen so gewaltsamer Art, daß zuweilen Knochenbrüche und Verrenkungen entstehen. Die Finger sind gewöhnlich gekrümmt und die Daumen fest in die Hand eingeschlagen. Während des ganzen Anfalls ist die Atmung unregelmäßig, der Herzschlag beschleunigt, der Puls sehr klein, die Haut mit Schweiß bedeckt. Das Bewußtsein ist während der ganzen Dauer des Anfalls so vollständig erloschen, daß der Kranke, selbst wenn er gegen den glühenden Ofen oder in offenes Feuer fällt, sodaß seine Glieder verkohlen, nicht zu f kommt und keinerlei Schmerzensäußerungen von sich gibt. Nach ungefähr einer Viertelstunde kehrt Ruhe und Empfindung zurück, und der Kranke verfällt in einen tiefen, betäubten Schlaf, nach welchem er oft noch och stunden⸗ „ja tagelang verstört bleibt. Sind diese wehen vorüber Lber befindet er sich, bis auf etwas Raltigteit, wieder in seinem vorigen Zustande. Bei ma Kranken kommt es nicht zu so ausgeprägten ASchwi sondern nur zu dem sog. epileptischen Schwindel: inmitten einer Beschäftigu — Gesprächs werden sie von Schwindel besallen erblassen, zeigen einzelne leichte Zuckun- und sprechen oft verwirrte Dinge, können aber 100 nach wenigen Minuten, als ob ihnen nichts Hie Pausen, in welchen die einzelnen Anfälle aufeinander folgen, sind von sehr wechselnder und un-Saen Bon ◻1 während bei manchen Kranken Wochen onate, selbst Jahre vergehen, ehe ein neuer Anfall eintritt, werden andere täglich von wiederholten Anfällen befallen. Bei zahlreichen Epileptischen finden sich außer den bereits erwähnten noch andere geistige Radar-Ote vorübe chewen (Apsychische C. ») treten meist Anschluß an Krampfanfälle auf teils vor (prä⸗), teils 3 solchen (postepileptische Geistesstörungo), oder Durtdlengere von Krampfanfällen, von letztern (apsy (piochich epileptische Weeleitam d. h. Anfälle von Geistesstörung, welche gleichsam Rrampfanfälle ersetzen). Diese wransitorischen epileptischen Seelenstörungen, welche in gerichtlicher Hinsicht von hohem Interesse sind, können verschiedene Formen darbieten, man unterscheidet die sog. Dämmerzustände leigenartige Umnebelungen des Selbstbewußtseins mit sonderbaren Ideen u. s. w.), den Stupor (Gehemmtsein aller geistigen Thätigkeit bis auf einzelne Wahnideen und Sinnestäuschungen mit äußerlich + „ heftige Aufregungszustände auf Grund schrecklicher Hallucinationen, eventuell aller 2m— wichartige Handlungen ohne jedes bewußte Motiv oder auf Grund unwiderstehlich treibender Gedanken (Monomanie iustinctive Esquirols). Während dieser anomalen Geisteszustände werden häufig Gewaltthaten der gräßlichsten Art (Selbstmord, Mord anderer, Brandstiftung u. s. w.) begangen, welche dem Kranken nicht zugerechnet werden können. Gewöhnlich (und dies ist bis zu einem gewissen Grad charakteristisch für die transitorische epileptische Geistesstörung) ist das Bewußtsein (Erinnerung) für alle Erlebnisse während des anomalen geistigen Zustandes aufgehoben, doch kann am Un summarische Erinnerung oder Erinnerung an Einzelheiten vorhanden sein. Die wich-Schwindelo entwickeln, in größerer Juher u aber meist nur bei angeborener oder in früher Jugend erworbener E. finden. Bei vielen Epileptischen tritt auch eine anomale Gemütsreizbarkeit herpor, sodaß sie auf geringfügige — in heftige Wut verfallen, was derartige Kranke sehr gemeingefährlich macht. Ungerechtfertigt ist es aber, alle Epileptiker als geistig anomal oder gar unzurechnungsfähig zu betrachten, da zahlreiche .No besonders hervorragende Personen (Cäsar, Mohammed, Na-Pulron I.) epileptisch waren. Das eigentliche Wesen der E. ist noch völlig unbekannt. Ihr Sitz ist jedenfalls im Gehirn, nasch bei Fal verlängerten Marke desselben, welches sich bei Fallsüchtigen entweder unmittelbar erkrankt zeigt oder durch abnorme Erregungszustände mancher Empfindungsnerven in abnormer Weise erregt werden kann; so hat man wiederholt durch den Reiz von Eingeweidewürmern oder durch Reizungszustände der Gebärmutter E. entstehen sehen. Neuerdings ist es durch Versuche an Tieren 07 wahrscheinlich geworden, daß eine große Zahl von E. auf plötzlich eintretender Blutleere (Anämie) des Gehirns beruht, welche ihrerseits wieder durch eine plötzliche krampfartige Verengerung der das Blut zum Gehirn führenden Arterien eintreten kann. Die entferntern aenß der Krankheit sind mannigfaltig; nicht selten lassen sie sich heben, viele aber bieten aller ärztlichen Kunst Trotz. Bisweilen konnte durch Ausschneiden einer Narbe, durch welche gewisse Nervenenden gezerrt und gereizt und weiterhin das Gehirn in Mitleidenschaft versetzt worden war, vollständige Heilung herbeigeführt werden. Die Krankheit ist überall einheimisch und verschont kein Alter und kein Geschlecht; doch fallen die meisten Fälle auf das Alter vom 10. bis zum 20., nächstdem auf das Alter vom 2. bis 10. und vom 20. bis 30. Lebensjahre; im eigentlichen Greisenalter entsteht selten E.; Frauen werden etwas häufiger von ihr befallen als Männer. Die Anlage zur E. kann angeboren, erblich oder in der Konstitution begründet und erworben sein durch unzweckmäßige körperliche und geistige Erziehung, Trunksucht, Geschlechtsausschweifungen, namentlich Onanie. Besonders die Erblichkeit spielt unter den disponierenden Ursachen der E. eine wichtige Rolle, und zwar kann jede Nervenkrankheit der Eltern in den Kindern den Keim zur Entwickelung der E. legen; deswegen soll man in Familien, in denen die CE. oder andere Nervenleiden erblich sind, die Verheiratung der Mitglieder untereinander zu verhüten suchen, sowie die Kinder einer epileptischen kutter nicht von dieser, sondern von einer gesunden Amme ernähren lassen. Bei angeborener Anlage tritt die E. gewöhnlich in den Entwickelungsjahren, dem Zahnen und dem Eintritt der Pubertät, auf, nach welcher letztern ein Ausbruch einer ererbten E. kaum noch stattfindet. Ebenso verschieden sind die Anlässe, welche den Ausbruch der E. herbeiführen; bes onders wirken Gemütsaffekte (Schreck, Furcht, heftige Sinneseindrücke) in dieser Hinsicht. Von der Häufigkeit des übels kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß in Deutschland allein wenigstens 10000 Menschen an demselben leiden. Heilungen der E. kommen unzweifelhaft vor; doch sind die Bedingungen ihres Zustandekommens noch vollkommen dunkel, weshalb auch über die Behandlung nur wenig Zuverlässiges zu berichten ist. Am besten wäre es, die habituell Epileptischen in Versorgungsanstalten ππ½ da, wenn sie frei herumgehen, sie leicht sich selbst und andere beschädigen; epileptische Kinder dürfen nicht durch den Schulunterricht übermäßig angestrengt werden, sondern sollen womöglich auf dem Lande leben, den größten Teil des Tags im Freien zubringen und unter genügender Aufsicht fleißig kal sonders sorgfältige Uberwachung. Vie und bei den Arzten berühmten Arzneimittel versagen oft den Dienst (3. B. Baldrian, Zinkblumen, Hanf) oder führen auch wohl Vergiftungen herbei (3. B. Silbersalpeter, Atropin, Kupfersalmiak), ohne doch zu heilen. Einen großen Ruf gegen E. hat neuerdings das Bromkalium erlangt, welches die Reizbarkeit der sensiblen Nerven abstumpft und dadurch der reflektorischen Erregung der Anfälle entgegenwirkt; auch tägliche Waschungen des ganzen Körpers vermögen die abnorm erhöhte Reflexerregbarkeit herabzusetzen und so eine Verminderung und Abschwächung der Anfälle herbeizuführen. Während des Anfalls selbst ist nur darauf zu sehen, daß sich der Kranke nicht beschädige, weshalb Epileptiker niemals, auch bei Nacht nicht, ohne Aufsicht und allein gelassen werden sollen; das Aufbrechen der Daumen aus der geballten Faust hilft nichts und ist nur schädlich. Ebenso sind das Binden der Glieder, gewaltsames Festhalten, Riechmittel u. s. w. ohne allen Nutzen, im Gegenteil fühlen sich die Kranken hinterdrein wesentlich erleichtert, wenn man sie während des Anfalls möglichst ungestört sich austoben ließ. Nach dem Anfall reiche man ihnen höchstens ein Glas Wasser oder schwarzen Kaffee und lasse sie dann ordentlich ausschlafen. Die psychische E. ist ebenso zu behandeln wie die gewöhnliche. Die Natur der zu Grunde liegenden Hirnstörung ist wahrscheinlich bei beiden dieselbe, nur sind bei der psychischen E. andere Teile des Hirns krankhaft (besonders die große Rindensubstanz des Großhirns). Den Alten war die Krankheit wohlbekannt. Hippokrates schon hat darüber geschrieben; im Volke aber galten die Epileptischen bald als von den Göttern Bestrafte, bald als Gottbegeisterte. Litteratur. Herpin, «Prognose und Behandlung der E.» (deutsch von Frank, Quedlinb. u. Lpz. 1854); Russel Reynolds, E., ihre Symptome und Behandlungo (lübersetzt von Beigel; Erlangen 1865); Echeverria, „On epilepsy, anatomo-pathological and clinical notes (Reuyork 1870); Nothnagel, «liber den epileptischen Anfallo (Lpz. 1872).