Greis wird der Mensch während der Periode der Abnahme oder des Welkens genannt. Auf das körperliche und geistige Wachstum und auf die Zeit der vollsten Kraftentwickelung folgt bekanntlich bei jedem belebten Wesen eine Periode des Verfalls, in welchem alle Fähigkeiten allmählich wieder erlöschen, das Greisenalter oder Greisentum (senium, senectus). Es ist dies die Zeit, wo die, auch geringe, Abnutzung des Körpers größer ist als der Ersatz für das Verbrauchte, die Ernährung. Mit Bestimmtheit läßt sich nicht angeben, wann das Greisenalter bei dem einzelnen beginnt, da dieser Zeitpunkt je nach der Individualität in weiten Grenzen schwankt. Auch lassen sich hierfür keine bestimmten einzelnen körperlichen Veränderungen als Merkmale angeben, und nur bei der Frau bezeichnet das Ausbleiben der Menstruation das Ende der Blütezeit. Doch läßt sich im allgemeinen so viel sagen, daß der Mann zwischen dem 45. und 60. Jahre, die Frau zwischen dem 40. und 55. Jahre in das Greisenalter tritt; bei Säufern und abgelebten Subjekten pflegt das Greisentum schon früher zu beginnen. Das augenfälligste Kennzeichen des Greisentums, das Überwiegen der Rückbildung (Involution) über die Ernährung, macht sich an allen Organen geltend. Das Gehirn atrophiert, es tritt Gehirnschwund und an die Stelle des Festen eine größere Menge Gehirnflüssigkeit (Gehirnwassersucht) ein. Dem entsprechend leiden auch die geistigen Fähigkeiten. Das Gedächtnis wird unsicher, einzelne Erinnerungen schwinden ganz, während andere mit Hartnäckigkeit festgehalten und mit Vorliebe gepflegt werden; die Aufnahme neuer Wissensgegenstände und neuer Ideen ist geschwächt, die Kombination erlahmt u. s. w. Daher die Pit heit und der Eigensinn der Alten, die Schwatzha tigkeit und Reizbarkeit, die Vorliebe für Vergangenes (die goldene Zeit), die mangelhafte Aufmerksamkeit für äußere Verhältnisse, endlich der Blödsinn, der im hohen Alter eintritt. Der Gehirnschwund disponiert außerdem zu Erkrankungen des Gehirns, zu wirklichen Geisteskrankheiten, zu Blutungen in das Gehirn und seine Häute (Apoplexien, Gehirnschläge). In gleicher Weise wie das Gehirn leidet auch das übrige Daßehrt Die Sinnesorgane werden stumpf (hebetudo), es stellt sich Schwerhörigkeit und selbst Taubheit ein; das Auge wird fernsichtig, weil die Accommodation geschwächt und die lichtbrechenden Medien verändert werden. (S. Alterssichtigkeit.) Nicht selten bildet sich auch Grauer Star aus, und im Umkreise der Hornhaut zeigt sich ein gelblicher Ring verfetteter Zellen (Greisenbogen, arcus senilis). Von den Kreislaufsorganen leiden namentlich das Herz und die Schlagadern. Die innere Auskleidung des Herzens und der Klappenapparat verfettet und wird starr. Der Puls ist nicht mehr so häufig wie im Mannesalter und härter. Die Arterien werden durch die Verfettung brüchig und zerreißen leichter, namentlich an den durch Gewebsschwund dafür geeignet gewordenen Stellen (im Gehirn) und unter Verhältnissen, welche bei jungen Leuten keine Gefahr haben (z. B. beim Erbrechen, bei sehr starkem Pressen während der Kotentleerung). Auch nehmen die Arterien einen mehr gewundenen als gestreckten Verlauf an, was namentlich an den freier liegenden Arterien, wie z. B. den Schläfenarterien, —7 tbar ist. Die Blut-IK adern schlängeln sich gleichfalls, und zwar nicht r bloß an den tiefer gelegenen Stellen, wie den Bei⸗ f nen (Krampfadern, varices). Eine allgemeine Folge dieser Gefäßveränderungen sind meist Blutstockungen und leichte Gerinnung des Blutes in den Gefäßen, welche wieder Wassersuchten, Geschwüre, Brand (Altersbrand) nach sich ziehen. Die Lungen atrophieren, das Lungengewebe wird schlaff, die Bronchien erweitern sich, und es treten somit Atmungsbeschwerden ein, die namentlich bei Katarrh heftig sind. Lungenkatarrhe und Lungenentzündungen sind aus diesem Grunde im Alter häufiger als in der Jugend, die Katarrhe hartnäckiger, die Lungenentzündungen scheinbar nicht sehr schwer, aber viel Stuhlgangt Die Verdauung vermindert sich, der Stuhlgang ist träge, die Leber schwindet und die Gallensekretion wird geringer, aber häufig kommt es zur Bildung von Gallensteinen; dagegen verschwinden die Hämorrhoiden aus Blutarmut. Die Nieren schrumpfen ein, ohne daß die Harnabsonderung wesentlich gestört ist. Bei der Frau beginnt mit dem Eintritt des Alters die Menstruation unregelmäßig zu werden und endlich ganz aufzuhören, eine Umwandlung, die häufig mit großen Beschwerden verknüpft it. (S. Klimakterische Jahre.) Dem schließen sich Atrophie der Eierstöcke und ähnliche Veränderungen der Gebärmutter an. Der Mann kann noch bis in ein hohes Alter fruchtbar bleiben, obwohl in der Regel auch bei ihm die Geschlechtsthätigkeit abnimmt, die Neigung zur Ausübung derselben erlischt und bei lebhafter Unterhaltung der Eintritt des gänzlichen Absterbens beschleunigt wird. Die Vorsteherdrüse wird größer, wodurch Störungen im Harnlassen herbeigeführt werden und die Erschlaffung der Harnblasenmuskulatur unterstützt wird. Hanbi gesellen sich dann Blasenkatarrhe und Steinbildung dazu. Die Bewegungsorgane leiden gleichfalls; die Muskeln werden schwächer, die Glieder 2%½ ihre Bewegungen (lauch die der Zunge) unsicher. Die Knochen brechen im Greisenalter leichter als in frühern Lebensperioden. Als ein Zeichen des Daniederliegens der ganzen Ernährung (marasmus) ist das Ergrauen, sowie das Ausfallen der Haare zu betrachten, wiewohl dies nicht immer eintritt, auch sich oft bei jugendlichen Individuen zeigt, ohne daß es das Greisentum anzeigt (hier oft infolge von Erblichkeit). Das Fett schwindet im Greisenalter, die Haut wird welk und runzelig, bei den Frauen schwinden die Brüste. (S. Altersschwäche. Der G. vermag natürlich viel weniger Anstrengung zu ertragen als der Mann; es tritt im gesunden und kranken Zustande viel leichter Erschöpfung ein. Blutverluste sind bei ihm gefährlich, weil sie nicht schnell genug ersetzt werden; Hunger äußert viel rascher Folgen, weil der Körper kein oder nur eringes natters verlam besitzt. Die Krankheiten es Greisenalters verlaufen deshalb im allgemeinen viel schleichender und langsamer, und Gemütsaffekte wirken viel heftiger ein, woraus sich erklärt, weshalb alte Leute oft nach dem Tode des Gatten das Alter vorz und sterben. Krankheiten, welche das Alter vorzugsweise heimsuchen, sind Brustentundungen, Hirnschläge (Apoplexien), Krebs, geife Störungen. Die akuten Krankheiten, wie asern, Scharlach, Pocken, ferner Typhus, befallen das Alter nur höchst ausnahmsweise; das Fie-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. ber der G. hat im allgemeinen einen mildern Charakter. über die geeignetste Lebensweise des Greisenalters s. Diät. Litteratur. Durand-Fardel, Handbuch der Krankheiten des Greisenalters‘ (deutsch von Ullmann, Würzb. 1858); Geist, Klinik der Greisenkrankheitend (Erlangen 1857—60).