Erasmus (Desiderius), genannt E. von Rotterdam, der berühmteste deutsche Humanist des 16. Jahrh., geb. zu Rotterdam 28. Okt. 1467 (nach andern 1465, 1466 oder 1469), der uneheliche Sohn eines Holländers, Namens Gerhard de Praet, aus Gouda in Südholland, und der Tochter eines Arztes in Sevenbergen, war bis zum neunten Jahre Chorknabe im Dome von Utrecht und kam dann in die Schule der Brüder des gemeinsamen Lebens zu Deventer, wo er unter dem Einflusse von Joh. Sontheim und Al. Hegius sein Talent ac eine glänzende Weise zu entwickeln begann. Nach dem Tode seiner Eltern, die er im 14. Jahre verlor, wurde er von seinen Vormündern nach Herzogenbusch geschickt, um sich dem geistlichen Stande zu widmen. Nach zwei Jahren kehrte er nach Gouda zurück und trat auf Zureden seines Freundes Cornelius Werdenus in das Kloster Emaus, genannt Stein, unweit Gouda, ein. Fünf Jahre (1486—91) brachte er in diesem Kloster zu; er schloß sich hier drte Landsmann Wilhelm Hermann an und stuierte mit ihm eifrig die Werke der Alten und die Schriften des Laurentius Valla. Nachdem er 1492 in Cambrai die priesterliche holaht empfangen, reiste er nach Paris, um die scholastische Theologie zu hier wnte Mit einigen reichen Engländern, die er ier unterrichtete, ging er 1497 nach England, wo ihn der Lordkanzler Thomas Morus sehr wohl aufnahm. Durch diesen machte E. die Bekanntschaft des Prinzen Heinrich, des nachmaligen Königs Heinrich VIII. Doch kehrte er bald nach Frankreich und den Niederlanden zurück und besuchte dann 1506, um seine Kenntnis des klassischen Altertums zu bereichern, Italien. In Turin nahm er die theol. Doltorwürde an und verweilte darauf längere Zeit in Bologna, Venedig (wo er den berühmten Buchdrucker Aldus Manutius kennen lernte, bei dem er seine Sprichwörtersammlung «Adagias herausgab), Padua und Rom. Schon damals war der Ruf seiner Gelehrsamkeit durch ganz Europa verbreitet. Aber trotz der ehrenvollen Aufnahme, die er bei mehrern Kardinälen, unter denen auch Joh. von Medicis, der nachmalige Papst Leo X. war, fand, rastus (Begleiter des Paulus) 2⁴³3 folgte er einem Rufe Heinrichs VIII. nach England. Doch konnten ihn die einträglichen Amter, welche man ihm hier bot, nicht fesseln. Er gab bie Professur der griech. Mpie in Cambridge und eine reiche Pfarrei zu Aldington wieder auf und wendete sich dann, nachdem er noch die Niederlande und Deutschland durchwandert, 1516 nach Basel, wo er dem Buchdrucker Joh. Frobenius bei seinen gelehrten Arbeiten hilfreich zur Seite stand und mit Beatus Rhenanus, Joh. Oekolampadius und andern elehrten Männern in Verbindung trat; hier beorgte er auch die erste gedruckte Ausgabe des griech. Neuen Testaments, womit er den Grund zur neutestamentlichen Texteskritik legte. Nach der 2. Auflage (1519) hat Luther übersetzt. E. starb 12. Juli 1536 zu Basel und wurde im reformierten Münster daselbst begraben. C. vereinigte mit ausgebreiteter und gründlicher Gelehrsamkeit geläuterten Geschmack und treffenden Witz. Sein Kampf gegen die Mönche und die Scholastik hat der Reformation die Wege bereitet, obwohl er aus Ängstlichkeit und Bequemlichkeitsliebe bald von jeder Gemeinschaft mit Luther sich lossagte und denselben sogar litterarisch bekämpfte in der Diatribe de libero arbitrioo (1524), worauf Luther mit der Schrift De servo arbitrio antwortete. Auch mit Hutten geriet er in eine für seinen Charakter wenig ehrenvolle Fehde. Große und dauernde Verdienste erwarb er sich um die Wiederherstellung der Wissenschaften. Er war der größte Gelehrte seines Jahrhunderts und der bedeutendste Förderer und Verbreiter des Humanismus in Deutschland. Seine Schriften sind noch immer wegen ihres gediegenen Inhalts und klassischen Stils geschätzt. Außer zahlreichen Ausgaben und Bearbeitungen röm. und griech. Klassiker, wie des Aristoteles (Bas. 1531), Cicero, De ofticiiso, Tusculanae quaestioneso, Seneca, Curtius, «Scriptorés historiae Augustae u. s. w., der ersten Ausgabe des griech. Neuen Testaments und anderer philol. und theol. Schriften, durch welche er trefflich auf das Studium der klassischen Wissenschaften einwirkte, sind am bekanntesten und in fast alle neuern Sprachen übersetzt seine KColloquiap (beste Ausg., Amsterd. 1650 u. öfter; dann von Schrevel, Leid. 1664) und sein Eucomium moriaer, d. h. Lob der Narrheit, herausgegeben im Original mit deutscher Übersetzung und Holbeinschen Federzeichnungen von W. G. Becker (Bas. 1780; Berl. 1781; Havre 1839 u. öfter). E.selbst besorgteeine Ausgabe seiner Werke bei Froben in Basel; die vollständigste Ausgabe lieferte e Clerc (11 Bde., Leid. 1703—6). C'. Leben bearbeiteten Burigny (2 Bde., Par. 1757; deutsch von Reich, Helmstedt 1782) und Müller (Hamb. 1828). Vgl. Glasius, «E. als Kirchenreformatorv (Haag 1850); Stähelin, 4E.' Stellung zur Reformationv (Bas. 1873); Pennington, «Lite and character of E.» (Lond. 1874). Erschöpfend für die Beziehungen des Erasmus zu England ist das Werk von Seebohm, &The Oxford Reformers of 1498 being a history of the fellow-work of John Colet, Erasmus and Thomas Morus „ (Lond. 1867).