Essay (frz. Essai, d. h. eigentlich Versuch), ein in England gebräuchlicher Name für kurze Abhandlungen populärwissenschaftlichen oder litterarischen Inhalts. über den Ursprung desselben ist viel gestritten worden; doch scheint es sicher, daß die Essays des berühmten Lord Bacon, die ihn zuerst in die engl. Litteratur einführten und 1597 erschienen, ihre Entstehung der Anregung des Franzosen Montaigne verdankten, der in seinen 1580 gesammelten philos. überblicken und Betrachtungen des E. bereits in seiner vollendeten klassischen Form herstellte. Auf engl. Boden verpflanzt, erreichte aber dieses Produkt des franz. Esprit eine höhere Entwickelung als in seinem Heimatslande, und von Bacon bis auf die neueste Zeit herab lassen sich fast ununterbrochen Männer von Geist nachweisen, welche das Fach des E. in England angebaut und gepflegt haben. Unter den unmittelbaren Nachfolgern Bacons verdienen besonders Cowley, Dryden und Temple Erwähnung, die ihm in Gedankenfülle weit nachstanden, aber ihn an Leichtigkeit des Stils übertrafen und sich in ihrer Sprache schon dem heutigen Englisch nähern. Einen neuen Charakter erhielt das E. durch Addison und Steele, welche es in dem Tatlero (1709), &Spectatoro (1711) und 4Guardianp (1713) zuerst auf dem Gebiete der periodischen Presse heimisch machten und durch die Besprechung der gesellschaftlichen Zustände des Tags auf die Bil-⸗ dung der Nation einen bedeutenden Einfluß gewannen. Diesen vorzugsweise so genannten Essayisten folgten in gleicher Richtung, obwohl nicht immer mit gleichem Talent, Johnson in dem Ramblero (1750) und Idlero (1758), Hawkesworth in dem «Adventurero (1752), Moore in der Worldo (1753), Colman und Thornton in dem „Connoisscuro (1754), Mackenzie in dem «Mirrorp (1779) und Loungero (1785). Einzelne Essays schrieben fast alle litterarischen Notabilitäten jener Zeit, Goldsmith, Chesterfield, Walpole, Warton u. a. Seine letzte und gegenwärtige Gestalt gab dem E. seit 1802 die Edinburgh Reviewo, an die sich die „Quarterly Reviewo und andere Vierteljahrsschriften anschlossen. Die äußere Form ist hierbei die einer Recension, doch gibt das angezeigte Buch nur den äußern Anlaß zu selbständiger Behandlung desselben Themas. Dergleichen Essays lieferten zuerst Sidney Smith, Brougham, Jeffrey, Southey, Coleridge; in stilistischer Beziehung übertraf sie alle Macaulay. Von neuern Schriftstellern dieser Richtung sind zu nennen: Carlyle, J. S. Mill, N. W Senior, ulwer-Lytton, Lord Stanhope, Lord Matthew John Forster, Goldwin Smith und Matthew Arnold. Einer der genialsten Essayisten ist der Amerikaner Emerson. Unter den Deutschen waren die ersten Essayisten Lessing, Justus Möser, Herder; die deutsche Litteratur hat auf diesem Gebiete die englische nicht erreicht, indes wird der C. in neuerer Zeit auch in Deutschland mehr gepflegt als früher.