Englische Philosophie. Der Anteil, welchen die engl. Nation an der Entwickelung der europ. Philosophie genommen hat, besitzt seinen wesentlichen Wert darin, daß auf dem Boden Großbritanniens fast zu allen Zeiten die Verbindung der Philosophie mit dem exakten Wissen gesucht und gefördert worden ist: weniger für die eigentliche Spekulation begabt und begeistert, sind die Engländer fast immer die Vertreter des empiristischen Elements in der Philosophie gewesen und haben durch die Sorgfalt ihrer thatsächlichen Untersuchungen ein wohlthuendes Gegengewicht gegen den deduktiven Charakter des franz. und die metaphysischen Neigungen des deutschen Denkens gebildet. Anfänglich freilich schien es nicht so; sowohl der mystische Vater der Scholastik, Joh. Erigena Scotus, war schott. Abkunft, als auch der Hauptvertreter des kirchlichen Realismus (s. d.), Anselm von Canterbury, lebte und lehrte, obwohl geborener Piemontese, in England; allein während schon im 12. Jahrh. Joh. von Salisbury gegenüber der theol. Vertrocknung auf die humanistischen Studien hinwies, fand im 13. Jahrh. die frische Ventilation, welche durch die arab. Vermittelung der Aristotelischen Lehre in das occident. Denken kam, an einem Alexander von Hales und einem Rob. Greathead bedeutende Förderer. Der Zerfall jedoch der in der klassischen Periode der Scholastik ausgeprägten Harmonie von Glauben und Wissen, von Theologie und Philosophie, vollzog sich wesentlich durch den Einfluß dreier Engländer: durch die zwar kirchlich strenggläubige, aber metaphysisch desto mehr einschneidende Skepsis von Duns Scotus, durch die Betonung des empirischen Naturwissens von seiten Roger Bacons und endlich durch die im 14. Jahrh. von William Occam siegreich durchgeführte Erneuerung des Nominalismus. In der Richtung dieses Nominalismus lag es, daß während der Renaissancezeit der in allen Ländern der europ. Kultur proklamierte Bruch mit der aristotelisierenden Scholastik nirgends so gründlich vollzogen wurde, als es in England durch die wesentlich auf die Methode einer umfassenden Naturerkenntnis hinstrebende Lehre Lord Bacons geschah. Durch eine übereilte Konsequenz gelangte Thomas Hobbes von da aus und im Anschluß an die in Frankreich von Gassendi ausgegangene Bewegung zu völlig materialistischen Anschauungen. Er fand seine Gegner teils in platonisierenden Natur- und Religionsphilosophen, teils besonders an den Vertretern der deistischen Richtung, welche, von Herbert von Cherbury begründet, später durch Toland, Collins und Tindal zu einem sich den positiven Religionen und namentlich dem Christentum gegenüber kritisch verhaltenden Rationalismus weiter gebildet wurde. (Vgl. Lechler, «Geschichte des engl. Deismusp, Stuttg. u. Tüb. 1841.) Mit dem Ende des 17. Jahrh. gewann die engl. Philosophie ihren bedeutendsten Aufschwung durch John Locke, welcher zuerst mit vollem Bewußtsein das erkenntnistheoretische Problem an die Spitze der endie Cart stellte und dasselbe im Gegensatze gegen die Cartesianische Lehre von den angeborenen Ideen dahin löste, daß alles menschliche Wissen auf die Feststellung der Verhältnisse zwischen den durch äußere und innere Erfahrung in uns erzeugten Vorstellungen beschränkt sei. Diesen Empirismus bildete der Bischof Berkeley, auf extrem nominalistischen Voraussetzungen fußend, zu einem sensualistischen Idealismus um, während andererseits der Grundgedanke Lockes, daß alle geistigen Thätigkeiten auf die Kombination der elementaren Vorstellungen zurückführbar sein müßten, seine mechanisch aufgefaßte und hart an den Materialismus heranstreifende Durchfuührung in den sog. Associationspsychologen Hartley und Priestley fand. Zugleich sah die mechan. Naturauffassung in Verbindung mit dem rationalistischen Deismus ihre wirksamsten Vertreter in den Größen der engl. Naturforschung, dem Chemiker Rob. Boyle und dem Physiker Isaak Newton. Den Associationspsychologen nahestehend, hat endlich der größte engl. Denker, David Hume, die skeptischen Konsequenzen des Empirismus mit folgerichtiger Wahrheitsliebe und Rücksichtslosigkeit und mit glänzendem Scharfsinn gezogen, indem er namentlich die Grundkategorien jeder gewöhnlichen wie jeder wissenschaftlichen Weltauffassung, diejenigen der Substantialität und der Kausalität, einer einschneidenden Kritik unterzog. Neben dieser Entwickelung her läuft diejenige der engl. Moralphilosophie, welche, teils im Anschluß an Locke, teils im Gegensatze zu ihm, die Prinzipien der Moral (und teilweise auch der AÄsthetik) aus einem angeborenen Gefühle abzuleiten suchte: unter den Begründern dieser Richtung ist neben Cumberland, Clarke und Wollaston hauptsächlich Lord Shaftesbury, unter ihren schen Leh-Hutcheson, Ferguson und der den Humeschen Lehren nahestehende Nationalökonom Adam Smith zu nennen. In der Ausdehnung dieses Prinzips einer unmittelbaren Gefühlsbeurteilung auf die theoretischen Fragen begründete Thomas Reid die sog. schottische Philosophie (s. d.) oder die Common-sense-Lehre, welche die metaphysische Wahrheit durch den Rückgang auf die Thatsachen des unmittelbaren Bewußtseins zu finden meinte und namentlich Hume heftig bekämpfte. Die engl. Philosophie des 19. Jahrh. war im Anfange wesentlich durch den schott. Psychologismus beherrscht, welcher in den Anhängern Reids, Beattie, Oswald und namentlich Dugald Stewart, später in Thomas Brown und Mackintosh seine Vertreter fand. Als Gegner dieser Richtung suchte Ferrier einen die Gedanken Berkeleys und des deutschen Philosophen Fichte verschmelzenden Idealismus aufzustellen, woran sich eine namentlich durch Fraser in Edinburgh vertretene Schule des neuern Berkeleyanismus anschloß; andererseits durchsetzte W. Hamilton die schott. Lehre durch die Resultate der Kantschen Vernunftkritik, und an ihn schlossen sich zahlreiche kantianisierende Schüler, von denen Mansel der bedeutendste ist, während schon vorher Männer wie Whewell die Kantschen Prinzipien für die Geschichte und die Theorie der Wissenschaften 0 verwerten gesucht hatten. In neuerer Zeit haben auch Herbartsche und Hegelsche Lehren, ferner von Frankreich her der Cousins CEklektizismus und die namentlich von Lewes ver-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VI. tretene positive Philosophie von A. Comte in England Eingang gefunden; es hat außerdem selbstverständlich auch hier die Selektionstheorie Charles Darwins bedeutende philos. Bewegungen hervorgerufen, die Associationspsychologie ist von Männern wie James Mill und seinem Sohne John Stuart Mill, von Alexander Bain u. a. in der glücklichsten Weise neu begründet worden, und in der Zusammenfassung aller dieser Bestrebungen möchte Herbert Spencer, der Vertreter einer originellen Cvolutionstheorie, gegenwärtig als der bedeutendste der engl. Denker anzusehen sein.