FeedEuphrat
ErdkundeBrockhaus 1882

Euphrat (grch. und lat. Euphrates, hebr. Präth, armen. und aramäisch Ephrät, armen. auch Aradderf arab. Frät oder Furat, altpers. Ufrätu, d. h. er sehr breite) ist der größte Strom Vorderasiens, welcher mit dem Tigris (s. d.) dessen bedeutendstes Stromsystem bildet. Er entsteht innerhalb des armen. Hochlandes aus zwei Quellflüssen von fast leicher Wasserfülle: dem kürzern westlichen, aus N. kommenden, für welchen der Name E. auch im Abendlande um so bekannter geworden ist, als jahrhundertelang ein Teil seines Laufs die Ostgrenze des Römischen Reichs bildete (jetzt neben dem arab. Schwarzwasser genannt), und dem längern, weit aus O.aus der Mitte Armeniens kommenden, dem (türk.) Muräd-Su der zuweilen mit demselben semit. (aramäischen) Ramen Ephrat, eigentlich aber mit dem echt armen. Aradzani (Arsanias) bezeichnet wird, welchen die Armenier auch häufig audes⸗ vereinigten Strom, selbst des semit. Unterlandes, anwenden. Der erstere hat seine Quelle 37 Em im NO. von Erzerum, die Quelle des letztern liegt im SW. von Diadin, im N. des Wänsees, am Ala-Dagh, in 27⁵0 m Höhe. Der zwischen beiden Flüssen gelegene Bingöl-Dagh erreicht 1170 m Höhe und der Zusammenfluß beider Ströme in der Gegend von Maaden hat 70 m Höhe. Der Frät fließt anfangs nach W., durchströmt die an Fruchtbarkeit und reicher Kultur in Kleinasien unübertroffene Ebene von Ersingjan und tritt dann in ein enges bis Kemach reichendes Defile. Hier wird er dure Aufnahme des ihm rechts zugehenden Komer-su flößbar. Diese Schlucht setzt sich weiterhin mit 350 —500 m hohen Steilwänden fort; dann folgt, nachdem der Fluß plötzlich seine Richtung nach SSO. genommen hat, das tiefe Thal von Egin, mit 1300m hohen Felswänden, welches so eng ist, daß man es überbrückt hat. Südlicher folgt die Furt bei den Bleiminen von Kjeban-Maaden, in 230 m Höhe, wo er sich nach einem Laufe von 444 km mit dem Muräd-Su vereinigt. Letzterer fließt zuerst im NW. des Wansees, bis er von der in 1464 m Höhe gelegenen Stadt Musch an eine westl. Richtung annimmt; er hat bis Kjeban-Maaden etwa 666 km Länge. Von der Vereinigung der beiden Quellflüsse an wird die Richtung eine im ½½½½ südliche. Der 108 mebreite Strom trifft bald danach schräg auf den Antitaurus und ma t in gewaltigen Windungen in tiefen Schluchten einen urchbruch durch einen Seitenarm des Gebirges. Darauf durchfließt er nach SW. ein Längenthal zwischen dem Antitaurus und dem Taurus bis zur Mündung des von rechts kommenden Tochma-Su bei Malatie. Nun wird sein Lauf ostsüdöstlich und er durchbricht den Taurus: zwischen den wildesten, 650 1000 m hohen Felsmassen durchströmt er eine Spalte, in welcher er auf etwa 60 km eine Reihe von Hunderten von Stromschnellen und Katarakten macht, bis er bei Telek an einer Stelle, welche Gleikasch oder Hirschensprung heißt, auf 20 meeingeengt ist. Ganz nahe bei Telek im N. liegen die Quellen des Tigris (Didschleh oder Schatt). Von Telek wendet der E. sich nach S., später nach SSW. und WSW., macht zwischen den in 226 m Höhe gelegenen Orte Gerger und Samsat (Samosata) seine letzten Wasserstürze, noch immer zwischen steilen, rötlichen Sandsteinwänden von 100—130 m Höhe, Samsat liegt auf dem rechten Ufer des Flusses in einer 4 Stunden breiten Thalebene. Die Länge des Stroms von Kjeban-Maaden bis hierher ist 185 Kmund von hier an wird er auf 190 km schiffbar. Mit dem Eintritt in die große syrische Ebene beis die zweite Abteilung des Stromlaufs, welche is Hit reicht. Bei Rum-Kale wendet er sich nach S.; hier und bei der gegenüber Biredschik gelegenen frequentiertesten Furt in ganz Syrien nähert sich der E. dem Mittelmeere bis auf 215 km. Biredschik liegt in 400 m Höhe, der C. fällt also auf den ersten 977 km auf jedem Kilometer 2 m und auf den folgenden 1800 kKm auf jedem 0,22 m. Die künstlich bewässerten Ufer bestehen aus Gips, Sandstein und Konglomeraten; dahinter ist die offene Wüste im Frühjahr mit üppigem Grün bedeckt und trägt hier und da die schwarzen Beduinenzelte, links oder in El-Dschesireh (dem alten Mesopotamien) die der Schamarah, rechts oder in Schamiyeh die der Anesi. 52 km unterhalb Biredschik folgt nach Aufnahme des links von Aintab kommenden Sadschur (Sangar der Assyrer) rechts Kalaaten-Nedschm und 74 km weiter Balis. Der Strom windet sich nun 60 km weit, eine östliche Richtung annehmend, bis Rakka (das antike Nikephorium) durch ein schönes, weidereiches Land, bis etwas unterhalb der Ruinen von Surieh. Oberhalb Ralka, bei Phunsah (Tbapsacus), stehen Reste einer alten Brücke; Tar hat der C. 225 m Breite und seine Ufer sind mit Tamariskengesträuch bedeckt. Unter801 Rakka mündet von links her der Dschulab. ei Helebi-Dschelebi (Zaba und Zala der Araber), oberhalb dessen der Strom südöstliche Richtung annimmt, verengen die öden, aber nicht hohen Abuschirberge den Stromlauf. Oberhalb von Deir erscheinen die ersten Gruppen von Dattelpalmen, von Limonen⸗ und Orangenbäumen; dort spaltet sich der Strom und umfließt flache Inseln. Der E. strömt nun zwischen hohen Hügeln in einem steinigen oder elsigen Bette und hat hier im Sommer nur 1½45 m Tiefe. Nach 45 km weitern Laufs unterhalb Deir mündet bei Abu-Serai (Circesium) der Chabur; 110 km weiter, bei Werdi, wird der Lauf östlich und hat360m Breite und 5‚om Tiefe. In Krümmungen fließt der E. 150 km weiter bis Anah (rechts) und Rawa (links), 26 Inseln umschließend; bei der letzten derselben durchsetzt ihn ein Felsenriff, welches das Haupthindernis in seinem Bette bis Basra bildet. Hit liegt auf dem rechten Ufer des Stroms, 1200 km vom Eintritt in die Ebene und 890 km von der Mündung. Der E. ergießt hier in jeder Sekunde 2065 ebm Wasser. Nun nehmen die Hügel an Höhe ab; nur etwas oberhalb Hillehs ist Haswa noch ein felsiger Strich, sonst findet sich bis zum Meere hin nicht ein Stein. Der Strom wird bei Hit tiefer und wilder und ähnelt der bulgar. Donau. Gegen Ende März beginnt mit der Regenzeit das Steigen des Stroms, der zwischen dem 21. und 28. Mai seine größte Höhe erreicht. Während dieser ganzen Zeit sollen die Dampfer für ihre Fahrt kein Hindernis vorfinden; indes geschieht das Befahren hauptsächlich nur mit Flößen, welche auf aufgeblasenen Hammelhäuten, sog. Keleks, liegen. Am niedrigsten ist er im November und dann bietet er zwischen Diget-us-Laik und Buschlaubford (fast die halbe Strecke zwischen Biredschek und Basra) 740 km weit durch seine Felsen und Untiefen an 39 Stellen Hindernisse für die Schiffahrt. Unterhalb Hit erscheinen e beiden Seiten die Anfänge der zahlreichen Kanäle zur Bewässerung der Felder. Ganz nahe bei Hit begann ehemals ein Kanal, der rechts dem Flusse bis zur Mündung folgte, nämlich der mit Türmen und Forts besetzte riesenhafte Chandak-Sabur, von Bokhtunahr (Nebukadnezar) angelegt und vom Sassanidenkönige Schapur-Dhubaktaf vielleicht befestigt; man kann ihn noch seinem ganzen Laufe nach verfolgen. Die großen Bewässerungskanäle gingen vom linken Ufer aus; viele müssen sehr alt sein, da manche der Schwesterstädte Babylons an ihren Rändern erbaut waren. Zur Araberzeit verwandelten die Kanäle Nahr-Isä, Nahr-Sarsar, Nahr-Malkä und Nahr-Kuthä, deren Seitenarme das ganze Zwischenflußland mit einem Netze überzogen, dasselbe in einen einzigen üppigen Garten. Der wichtigste Kanal war der breite Strom, welcher gleich oberhalb Babylons links abging, der Arakhat, d. h. Straße (der Archous der Griechen, der Serrat oder Nil der Araber), der den mittlern Teil von Dschesireh bewässerte und von dem ein Zweig südlich bis Niffer führte; sein Bett läßt sich ebenfalls noch verfolgen. Aber von dem gesamten Kanalnetze ist nicht der hundertste Teil noch in Wirksamkeit. Das Kanalsystem beginnt oberhalb Felüdja (nach Rawlinson), dem alten Perisabor, dem Aubär der Araber; wenn dort der E. durchbricht und den solt Saklawiakanal (in der Linie des Nahr-Isä) erfüllt, so wird das ganze Land im W. von Bagdad überschwemmt, und noch schlimmer ist es, wenn dies weiter unten bei Mussejib, am Anfange des Hindiehkanals, geschieht. Hier ist stets eine große Bifurkation des Stroms gewesen; wahrscheinlich war der rechte Arm der ursprüngliche, und der linke, an welchem Babylon stand, eine künstliche Ableitung; denn dieser heißt in der Keilinschrift stets der Sipparafluß und nicht E. Zu Alexanders Zeit war es umgekehrt; damals hieß der rechte Arm Pallcopas, d. h. künstlicher Arm; aber unter den Arabern und bis in die neuere Zeit galt als E. immer der nach Kufa (Nedschef, Grab Alis) fließende Strom, während der gegenwärtig längs der Ruinen von Babylon nach Hilleh und Diwanieh laufende allgemein Nahr-Suräâ (Sippara) genannt wurde. Auf die Eindämmung bei der Bifurkationsstelle muß die größte Sorgfalt verwandt werden, damit nach W. hin zur Bewässerung der unterhalb Nedschef von den Khezzailarabern kultivierten Ländereien Wasser genug geschafft wird, während das Hillehbett noch das Hauptvolumen des Stroms behält und bis zum Meere schiffbar ist. Aber oft geschieht es, daß die Dämme am Anfange des Hindieh durchbrochen werden, und dann für die Wasser nach W. hin ein freier Kanal geschaffen ist, so wird das Hillehbett 0,6—1 mflach und ist überall zu durchfurten. Der untere Teil des Flusses, von Diwanieh bis Korna, bildet von jeher eine Reihe von schilfigen Lagunen, die Paludes Chaldaici, el-Batiha der Araber, jetzt die Lamlumsümpfe genannt, von denen nichts zu hoffen ist. Der Strom ist bei Diwanieh 150, bei Lamlum 110 m breit und meist 3,6 mtief: er strömt 4,5 km in der Stunde bei Hochwasser. Nach Wiedervereinigung mit dem Lamlumarme bei el-Chidr ist der Strom wieder 180 mebreit; er umschließt neun Inseln und hat hohe, mit Dschangel bedeckte Ufer. Bis dahin bilden die Lamlumsümpfe die Hauptschwierigkeit für die Beschiffung; das Klima ist pestilenzialisch, die Bewohner sind wild und ungastlich, aber es liegen auf Bodenhöhen in den Sümpfen die Reste vieler alten Städte, offenbar die frühesten Sitze der Civilisation: Erech, jetzt Warka, und Ur der Chaldäer, jetzt Mugheir; beide, nahe am Flusse, müssen wohl sehr r. Städte gewesen sein. Bei Korna (31 nördl. Br.) endet der C., indem er sich mit dem Tigris zum Schatt-el-Arab vereinigt. Der E. ernährt treffliche Fische; Holz, Steinkohlen, Bitumen und Naphtha znden sich reichlich längs der Ufer. Die Gesamtlänge des E. beträgt 2775 km. Die Versuche, welche die Engländer 1835—37 unter Leitung des Obersten Chesney zur Beschiffung des E. mit Dampfbooten gemacht, scheinen dargethan zu haben, daß der Plan, ihn zu einer Wasserstraße zwischen Ostindien und dem Mittelmeere zu machen, in seiner gegenwärtigen Gestalt illusorisch sei. Vgl. Chesney, The expedition for the survey of the rivers Euphrates and Tigriso (2 Bde., Lond. 1850).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 427Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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