Exegese (grch.), d. i. Erklärung oder Ausdeutung, wird vorzugsweise die Auslegung der Heiligen Schrift genannt. Gelehrte Schriftausleger heißen Exegeten. Verfährt die E. so, daß sie zugleich Wort⸗ und Sacherklärung ist, und daß sie eine Schrift nach ihrem Zusammenhange vollständig erklärt, so heißt die Auslegung ein Kommentar; erörtert sie aber nur einzelne schwicrige Wörter und Sätze, so nennt man diese Erläuterungen Scholien. Eine r. es wörtlichen Ausdrucks mit erläuternden Einschiebseln heißt Paraphrase, eine wörtlich genaue Übertragung in eine andere Sprache Version oder u igriehun Die wissenschaftliche Darstellung der Regeln und Hilfsmittel der Auslegung heißt Hermeneutik (s. d.). Die Auslegung der Heiligen Schrift hat eine eigentümliche Geschichte gehabt, in welcher die wechselnden Vorstellungen über die Autorität der Schrift sich widerspiegeln. Riae Zeit Jesu, als die Anschauungen des damaligen Judentums vielfach über den kehinausgewe Gedankengehalt des Alten Testaments hinausgewachsen waren, übten die Rabbiner Alexandrias und Palästinas allegorische Auslegung, d. h. sie suchten durch Auffuchung eines hinter dem Wortsinne versteckten Geheimsinns die neue Gedankenwelt mit der Ehrfurcht vor der göttlichen Autorität der alten Urkunden zu vereinbaren. Durch dieselbe allegorische (oder typische) Behandlung der alttestamentlichen Schrift suchten die ältesten Christen die Messianität Jesu, Paulus und seine Schule die gesetzesfreie Heidenmission aus dem Alten Testament zu erweisen. Infolge dessen riß immer größere Willkür ein. Origenes war der erste, welcher durch scharfe b mumchen Einne buchstäblichen, moralischen und mystischen Sinnes die grammatische Interpretation zu einer, wenn auch noch beschränkten Geltung brachte. Noch strengere wissenschaftliche Grundsätze befolgte die syrische histor.exegetische Schule, deren namhaftester Vertreter Theodorus von Mopsvestia war. Das Ansehen, welches die E. des Origenes genoß, war so groß, daß sich ihr selbst die bedeutendsten abendländ. Schriftsteller im 4. und 5. aht de wie vornehmlich Hieronymus, anschlossen. Seit der Ausbildung der kirchlichen Orthodoxie sank jedoch die aungder in legung zu bloß traditioneller Fortpflanzung der in besondern Sammlungen zusammengestellten Erklärungen der Väter (Catenen) herab. Solche Catenen, wie sie zuerst Procopius 520 im Orient, Primasius 550 im Abendlande, anlegten blieben bis in das 12. Jahrh. die einzigen exegetischen Arbeiten. Dahin gehören auch die Kommentare des Cafsiodor, Isidor, Beda, Walafrid Strabo u. s. w. Tüchtigeres wurde nur von jüd. Gelehrten, wie von Salomo Jarchi, Aben-Esra und David Kimchi für die E. des Alten Testaments geleistet. rols seit dem 13. Jahrh. findet man bei einzelnen Theologen, wie namentlich bei dem Franziskanerordensprovinzial Nikolaus von Lyra (gest. 1340), das Streben nach ammatisch-historischer E. wieder. Doch blieb die chriftauslegung in der kathol. Kir e an das kirchliche Dogma gebunden. Vielfach schied man in dem Schriftworte einen vierfachen Sinn: Y den Wortsinn, der die Thatsache feststellt, 2) den allegorischen Sinn, welcher den Glauben bestimmen, 3) den tropologischen oder moralischen Sinn, der auf das sittliche Leben, 4) den anagogischen Sinn, der auf die Erhebung des Gemüts wirken soll. Durch das Wiederaufleben der Wissenschaften und die Humanisten des 15. Jahrh. wurde wieder eine bessere E. angebahnt, namentlich durch Laurentius Valla, Erasmus, Jakob Faber u. a. Luther stellte darauf die Forderung auf, sich streng an den Wortsinn zu halten, und drang zu dem Ende auf ein gründliches Studium der alten Sprachen. Doch hat auch er von der allegorischen E. sich nicht frei gehalten, und seine zahlreichen Schriftkommentare dienen viel mehr praktisch-erbaulichen als wissensce uScht Zwecken. Auch stand das reformatorie „Schriftprinzipo» oder die Gebundenheit des ogmatischen Denkens an die Autorität der Schrift als des agöttlichen Worteso einem Wece. Trot Soteeicr Schriftverständnisse im Wege. Trotzdem bezeichnen die Auslegungen eines Luther, Melanchthon, Calvin und Beza den Anfang einer neuen Periode in der Geschichte der E. Matthias Flacius stellte in seiner Claviso zuerst die neuen hermeneutischen Grundsätze zusammen; Glassius und Buxtorf machten um Erforschung der biblischen Spra2et sich verdient, und bald machte sich ein reger etteifer namentlich der luth. und der reform. Theologen in der Ansammlung exegetischer oder doch die exegetischen Hilfswissenschaften betreffender Kenntnisse geltend. Allerdings führte zuerst die überhandnehmende Orthodoxie, welche auch die Schriftforschung namentlich in den sog. Beweisstellen für dogmatische Sätze an eine exegetische Tradition band (aorthodoxe C.o), danach der nur auf Erbaulichkeit der Auslegung sehende Pietismus einen neuen Stillstand im Ausbaue der E. herbei; desto größer waren aber die Fortschritte, die sie seit Mitte des 18. Jahrh. machte, besonders nachdem joh. Aug. Ernesti und J. Sal. Semler tüchtige rundsätze über Hermeneutik aufgestellt hatten. Aus einer Verbindung der neuern philol. Grundsätze mit den Ergebnissen der histor. Bibelkritik Kuß die neuere grammatisch-historisches E. hervor. ußer den lexikographischen und grammatischen Arbeiten von Gesenius, Ewald u. a. für das Alte, von Winer, Buttmann, K. H. A. Lipsius, Wahl, Bretschneider, Wilibald Grimm Ge. das Neue Testament, sind namentlich zahlreiche Kommentare zu nennen, welche die biblischen Schriften nach den Grundsätzen der neuern E. behandelten, für das Alte Testament von Rosenmüller, Hirzel, Gesenius, Ewald, Tuch, Umbreit, De Wette, Knobel, Hitzig, Olshausen u. a. für das Neue Testament von Fritzsche, Lücke, Paulus, De Wette, Meyer, Lünemann, Theile, Rückert, Bleek, r, u. a. Auch die neuere Entwickelung der histor. Kritik durch F. Chr. Baur und die sog. Tübinger Schule hat für die E. der neutestamentlichen Dieter reiche Früchte hitorich m Gegensatze zu dieser grammatischistorischen E. kam namentlich seit der Reaktionszeit des 6 1850 die sog. atheologisches E. wieder auf, welche eine Mischung orthodoxer und erbaulicher r Schriftauslegung bezeichnet. Vertreter dieser uleß, tung sind: Herm. Olshausen, Hengstenberg, Harle Delitzsch, Keil, Kurz, Hävernik, Hofmann (in Erlangen), Baumgarten, Luthardt, Auberlen, Köhler u. a. Vgl. Reuß, „Geschichte der heiligen Schriften Neuen Testamentso (fünftes Buch; 5. Aufl., Braunschw. 1874); Diestel, Geschichte des Alten Testaments in der christl. Kirchesß (Jena 1869); mmer, «4Hermeneutik des Neuen Testamentso ittenb. 1873). Exsgi monumentum aere perennius (Ein Denkmal, dauernder als Erz, habe ich mir errichteto), Citat aus Horaz' „Oden (III, 30, 1).