FeedInspiration (lat.)
ReligionBrockhaus 1882

Inspiration (lat.), d. h. Eingebung, eigentlich Einhauchung, heißt in der theol. Sprache eine übernatürliche Einwirkung des göttlichen Geistes auf den Menschengeist, durch welche der dieser Einwirkung Teilhaftige göttlicher Kundgebungen, Belehrungen u. s. w. teilhaftig wird. Es war eine Vorstellung des ganzen heidnischen und jüd. Altertums, daß nicht bloß Priester und Priesterinnen, sondern auch Weise, Künstler, Dichter mit der Gottheit im unmittelbaren Verkehr ständen und göttliche Mitteilungen empfingen. (S. Offenbarung.) Daher haben alle Religionsstifter beansprucht, 115 sie für unmittelbar von Gott gelehrt gehalten würden. Auf solche unmittelbare göttliche Kundgebungen führten die hebr. Propheten ihre Reden und Aussprüche zurück, und das spätere Judentum betrachtete auch das Gesetz und sämtliche heiligen Schriften als von Gott eingegeben, eine Vorstellung, welche auch auf die neutestamentlichen Schriftsteller überging und später nach Feststellung einer neutestamentlichen Schriftsammlung vom Alten Testament auch auf das Neue übertragen wurde. All-Pitaeh bildete sich so die Vorstellung aus, daß die biblischen Schriftsteller nicht bloß übernatürliche Mitteilungen und den Auftrag, sie niederzuschreiben, von Gott empfangen hätten, sondern daß auch die niedergeschriebenen Worte vom göttlichen Geiste eingegeben seien. Doch lehnte man seit Ende des 2. Jahrh. die ältere Ansicht ab, daß die Propheten und Apostel unbewußte und willenlose Werkzeuge des Heiligen Geistes gewesen seien. Die mittelalterliche Theologie hat diese Inspirationslehre festgehalten, ohne sie weiter zu bilden. Eine neue Bedeutung erlangte sie erst für den ältern Protestantismus, welcher sich genötigt sah, der absoluten Unfehlbarkeit der päpstl. Kirche W nfallibilität) die nicht minder absolute Unfehlbarkeit des Bibelbuchstabens gegenüberzustellen, da man beiderseits in Sachen des Glaubens eine fixe und fertige, schlechthin unantastbare äußere Autorität verlangte, der Protestantismus diese aber nicht in der Kirchev, sondern nur in «Gottes Worts erkennen zu dürfen überzeugt war. Infolge dieser wesentlich veränderten Stellung zur Schrift wurde auch die Inspirationslehre zu ihren äußersten Konsequenzen ausgebildet, während die röm. Kirche noch im Tridentinum bei den ältern schwankenden Bestimmungen darüber verharrte. Allerdings finden sich noch bei den Reformatoren, namentlich bei Luther und Zwingli, sehr freisinnige Außerungen über die Schrift und über den Wert einzelner Bücher derselben, ja die luth. Theologie nahm sogar einen Anlauf zur Erneuerung der historisch-dogmatischen Bibelkritik. Aber wie schon Luther im Kampfe nicht bloß gegen Rom, sondern auch gegen Zwingli und die «Schwarmgeisterv auch wieder auf dem Buchstaben der Bibel bestand, so mußte das allgemein prot. Verlangen nach «Reinheit der Lehrey und die Auffassung der Bibel als eines göttlich gegebenen Lehrcodex freiere Regungen bald genug in den Hintergrund drängen. Seit dem 17. Jahrh. bildete sich so das Lehrstück von der absoluten Untrüglichkeit des Bibelbuchstabens vollständig aus. Der Heilige Geist oder die dritte Person der Trinität ist hiernach nicht allein der primäre, sondern streng genommen der einzige Verfasser des Bibelbuchs, die menschlichen Schriftsteller nur seine Hände und Federnv. Der Heilige Geist hat diesen nicht etwa bloß die Gedanken eingegeben und den Ausdruck derselben vor Irrtum bewahrt, sondern er hat ihnen auch die Worte diktiert, daher alles Einzelne in der Schrift, nicht bloß alles Dogmatische, sondern auch alles Historische, Chronologische, Geographische, Naturgeschichtliche darin absolut irrtumslos und für den Glauben schlechthin verbindlich ist. Selbst das Vorhandensein grammatischer und stilistischer Arahscheresarf und die Möglichkeit des Eindringens falscher Lesarten wurde geleugnet. Als die fortschreitende Forschung in den Bibelhandschriften zahllose Varianten, die philol. Betrachtung auch allerlei Verschiedenheiten des Stils, namentlich im Neuen Testament, im Vergleich mit der klassischen Gräcität viele Spuren einer schon gesunkenen Sprache entdeckte, hatten die Orthodoxen schwere Mühe, sich mit diesen Thatsachen zurechtzufinden. Einmal durchlöchert, ging die altprot. Inspirationslehre Schritt für Schritt ihrer Auflösung entgegen. Schon die Socinianer und Arminianer hatten die J. auf die Bewahrung der biblischen Schriftsteller vor jedem Irrtum beschränkt; Georg Calixtus (s. d.) wollte die positive J. nur auf Mitteilung der zur Erlösung notwendigen Wahrheiten beziehen und hielt im übrigen ebenfalls die negative Bewahrung vor Irrtum für ausreichend. Seit dem 18. Jahrh. mehrten sich die Angriffe auf die Inspirationslehre. Die Eigentümlichkeit der biblischen Schriftsteller macht sich nicht nur im Stil, sondern auch in der Auffassung und Darstellung bis ins einzelnste bemerklich. Außer den einander vielfach Ucen Bercchten und sonst unglaubhaften geschichtlichen Berichten, ihrem teilweise sagenhaften, teilweise tendenziösen Charakter zeigte sich auch noch im Neuen Testament eine Rmensen von zum Teil einander ausschließenden Lehrweisen und eine durchgängige Abhängigkeit der religiösen Vorstellungsform von der Weltanschauung und den Bildungsvoraussetzungen des Altertums. Hierzu kam endlich die litterarhistor. Kritik, welche in weit umfassenderm Grade denn je von der durchgängigen Echtheit der biblischen Bücher Abzüge machte und die geschichtliche Entstehung derselben rein menschlich zu erklären wußte. Die moderne Orthodoxie hat die meisten dieser wissenschaftlichen Ergebnisse geleugnet und jede Anwendung der histor. Kritik auf das agöttliche Worto als einen Frevel am Heiligtum von sich gewiesen. Dennoch ist auch sie fast dürchgängig von dem ungläubigen Zeitgeiste angesteckt, indem sie die altorthodore Inspirationslehre als unhaltbar bezeichnet und dafür einer geistigern Auffassung sich ruhmt, die jedoch nichts ist als eine Erneuerung der von den Vätern der Orthodorie als häretisch abgewiesenen Ansicht Calixts. Gibt man einmal bei der Entstehung der Bibel auch eine menschliche Seite zu, so muß man auch die Möglichkeit menschlichen Irrtums und ebendamit das Recht der Kritik, welcher sich keine äußern Schranken ziehen lassen, zugestehen. Die freie Theologie der Gegenwart hat den Begriff der J. auf die religiöse Begeisterung zurückgeführt, die bleibende Bedeutung der Schrift aber in ihrem spezifisch religiösen Gehalte gesehen. Sofern im geschichtlichen Chritentum die Idee der vollkommenen Religion thatsächlich verwirklicht ist, besitzen wir in den biblischen Schriften die Urkunden über deren geschichtliche Begründung, wie dieselbe im Alten Testament vorbereitet, im Neuen Testament aber vollends offenbart worden ist. Eben darum ist der religiöse Nonl. der Schrift Gottes Worte, d. h. Gesetz und Evangelium, welche in ihrer untrennbaren Zusammengehörigkeit die Ordnung der vollkommenen Erlösungsreligion darstellen. uspirationsgemeinden, s. Inspirierte. öhen, einged (lat.), einem etwas einhauchen, einflößen, eingeben. (S. Inspiration.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 624Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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