FeedFarbenlehre
NaturlehreBrockhaus 1882

Farbenlehre oder Chromatik (grch.) heißt derjenige Teil der Physik, welcher sich mit der Enttehung, den Ursachen und den Gesetzen der verschieenen Farbenerscheinungen beschäftigt. Analog wie der Schall durch die Schwingungen der materiellen Körperteilchen entsteht und fortschreitet, denkt man sich auch das Licht (s. d.) hervorgebracht durch die äußerst schnellen Schwingungen der kleinsten Körperteilchen (Moleküle oder Atome) und dann fortgeflanzt durch die Querschwingungen einer äußerst tfeinen, unwägbaren, elastischen Materie, des sog. thers, welche den ganzen Himmelsraum und die Räume zwischen den kleinsten Teilchen aller Körper erfüllt. So wie die von dem tönenden Körper ausgehenden Schwingungen sich durch die Luft fortpflanzen und durch ihr Fortschreiten bis zu unserm Ohre die Empfindung des Schalls erzeugen, so teilen sich auch die Querschwingungen der kleinsten Teilchen des leuchtenden Körpers dem zwischen jenen lagernden und alle Körper umgebenden Ather mit, werden durch seine Elasticität mit großer Geschwindigkeit nach allen Richtungen hin fortgepflanzt und erzeugen, wenn sie die Netzhaut unsers Auges erreischen, die Empfindung des Lichts. Wie in der Akusftik hohe und tiefe Töne unterschieden werden, welche durch die Anzahl der Schallwellen, die in einer Sekunde unser Ohr treffen, sich voneinander unterscheiden, sodaß der Ton uns um so höher erscheint, je mehr Schwingungen in einer Sekunde unser Ohr erreichen, so findet sich ein ähnlicher Unterschied auch in der Optik: es gibt Licht, bei welchem die kleinsten Teilchen der Lichtquelle und des Athers in einer Sekunde mehr, und anderes, bei welchem jene weniger Schwingungen in derselben Zeit vollbringen; und diese durch die Anzahl der in einer Sekunde vollbrachten Querschwingungen voneinander ganz bestimmt unterschiedenen Lichtarten bezeichnen wir als Farben. Eine so starke Ungleichheit aber, wie zwischen der Anzahl der in einer Sekunde vollbrachten Schwingungen des tiefsten und des höchsten noch wahrnehmbaren Tones vorhanden ist (fast 10 Oktaven), findet sich beim Lichte nicht. Der Unterschied zwischen denjenigen beiden farbigen Lichtarten, welche ohne künstliche Vorrichtung in einer Sekunde die wenigsten und die meisten Schwingungen vollbringen, beträgt (analog den Beziehungen beim Schalle ausgedrückt) erst eine Oktave, d. h. die Anahl der Schwingungen, welche das durch die größte nzahl der Schwingungen charakterisierte farbige Licht (Violett) vollbringt, beträgt nur doppelt so viel als die Anzahl dersenigen, welche das durch die geringste Zahl charakterisierte farbige Licht (Dunkelrot) in derselben Zeit vollbringt. Die durch die Schwingungen der verschiedenen Farben im Ather erzeugten Lichtwellen haben aber auch eine verschiedene Länge und sind um so kürzer, je schneller das Licht schwingt. Auch pflanzen sich diese verschiedenen farbigen Lichtwellen in den materiellen Körpern unter gewissen, weiterhin sich ergebenden Umständen nicht mit ganz gleicher Geschwindigkeit fort. Das gewöhnliche zerstreute Tageslicht und ebenso das direkte Sonnenlicht bestehen nicht aus nur einer Farbe, also nicht aus Licht, welches in allen seinen Teilen dieselbe Wellenlänge besitzt, sondern aus einer unendlich großen Anzahl verschiedener Farben, welche eben durch ihr Zusammenwirken das weiße (farblose) Licht darstellen, weshalb man dieses weiße Licht auch als ein aus ungleichartigen Lichtstrahlen zusammengesetztes bezeichnet, während man Licht, welches nur aus einerlei Farbe besteht, also in allen seinen Teilen dieselbe Anzahl Schwingungen vollbringt und gleiche Wellenlänge hat, homogenes oder einfaches Licht nennt. Das zusammengesetzte farblose Sonnenlicht läßt sich auf verschiedenen Wegen in die dasselbe zusammensetzenden einfachen farbigen Lichtarten wieder zerlegen, und man teilt die aus dieser Zerlegung hervorgehenden verschiedenen farbigen Lichtstrahlen, deren Anzahl unendlich groß ist und welche in ihrem äußern Ansehen allmähli ineinander übergehen, gewöhnlich in sechs Hauptgruppen, die mit dem Namen des Roten, Orangen, Gelben, Grünen, Blauen und Violetten bezeichnet und auch noch weiter unterschieden werden können. Man nimmt physiologisch drei Grundfarben an (s. unter Farbe, Farbensehen und Farbensinn) und leitet aus denselben die übrigen Farben ab. Da die Brechung des Lichts, infolge der verschiedenen spezifischen Elasticität des Athers und der dadurch veranlaßten verschiedenen Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Lichtwellen in den verschiedenen durchsichtigen Körpern, beim Übergange der Schwingungen aus einem derselben in einen andern entsteht, und infolge der etwas verschiedenen Fortpflanzungsgeschwindigkeit der verschiedenen Farben die Ablenkung derselben nicht für alle gleich groß ausfallen kann, so müssen die in dem farblosen Lichte vorhandenen farbigen Lichter durch die Brechung getrennt werden können. Man beobachtet dies am zweckmäßigsten, indem man Sonnenlicht durch eine enge Spalte in dem Fensterladen eines verdunkelten Zimmers eintreten und durch ein dreiseitiges Glasprisma hindurchgehen läßt: die verschiedenfarbigen Lichtstrahlen treten dann, weil sie verschieden abgelenkt werden, auseinander und bilden auf einer weißen Fläche, auf welcher man sie auffängt, ein farbiges Spektrum (s. d. und Dispersion). Am wenigsten aus der ursprünglichen Richtung abgelenkt erscheint das Rot; etwas mehr das Orange, und so weiter in der oben angegebenen Ordnung, sodaß das Violett am stärksten abgelenkt wird. Überall, wo das Licht durch einen Körper mit nicht parallelen Flächen gebrochen wird, entstehen solche Farben; auch die Farben des Regenbogens sind durch eine Brechung der Sonnenstrahlen in den Regentropfen hervorgerufen. Aus dem farblosen Lichte lassen sich ferner die farbigen Strahlen darstellen, wenn man einen Teil derselben aufhält oder vernichtet. Der übriggebliebene Teil des Lichts kann dann nicht mehr farblos oder weiß hen der sondern leuchtet mit einer Farbe, wie sie eben der Mischung der übriggebliebenen Strahlen entspricht; denn nur wenn zu diesen übriggebliebenen Strahlen auch noch die aufgefangenen hinzutreten, wird farbloses Licht entstehen. Wenn man diese aufgefangenen Strahlen für sich zusammenwirken läßt, so entsteht aus ihnen ebenfalls ein farbiges Licht; wird dieses letztere farbige Licht zu dem aus den durchgegangenen Strahlen gebildeten farbigen Lichte hinzugefügt, so muß aus der Vereinigung der beiden farbigen Lichter wieder weißes (farbloses) Licht entstehen, weil jetzt wieder alle Strahlen, welche ursprünglich in dem weißen Lichte vereinigt waren, zusammenwirken. Zwei solche Farben, welche miteinander vereinigt farbloses Licht erzeugen, nennt man Ergänzungs-⸗ oder Komplementärfarben: Rot und Grünblau, Orange und Hellblau (Cyanblau), Gelb und Dunkelblau (Ultramarinblau), Grüngelb und Violett, Grün und Purpur. Die Ausscheidung eines Teils der im farblosen Lichte vorhandenen Farben läßt sich entweder durch die Absorption derselben beim Durchgange durch farbige Substanzen (wie z. B. das mit Kupferoxydul gefärbte rote Glas fast alle übrigen Strahlen außer den roten auslöscht und nahezu letztere allein durchläßt) oder durch die Aufhebung der Schwingungen infolge von in entgegengesetzter Richtung zusammentreffenden Bewegungen der Atherteilchen (durch sog. Interferenz) bewirken. Auf die zuletzt angegebene Weise 4u Her die schönen Farben sehr dünner Körper, wie der Seifenblasen und der sog. Newtonschen farbigen Ringe; ferner die Farben der Perlmutter, die Farben beim Durchgange des Lichts durch enge Spalten oder sehr feine Gitter (Beugung oder Inflexion des Lichts) und durch doppelt brechende Körper unter gewissen Verhältnissen. Die Länge der Lichtwellen ist außerordentlich gering und die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen außerordentlich groß; dessenungeachtet hat die Physik Mittel gefunden, diese Wellenlängen und diese Schwingungszahlen zu messen. Die Wellenlänge des äußersten roten Lichts (bei der Fraunhoferschen Linie A) im Spektrum des Sonnenlichts beträgt 760 Milliontel eines Millimeters; die des äußersten violetten Lichts (bei der Fraunhoferschen Linie II2) 393 Milliontel eines Millimeters. Die Ätherteilchen in jenem Rot 9. in einer Sekunde 395 Billionen, jene im äußersten Violett 763 Billionen Schwingungen. Die Wellenlängen und Schwingungszahlen der farbigen Lichtstrahlen zwischen dem obengenannten Rot und Violett liegen innerhalb der angegebenen Zahlen, und zwar so, daß mit der Brechbarkeit, d. i. vom Rot gegen das Violett hin, die Anzahl der Schwingungen zu⸗, dagegen die Wellenlänge abnimmt. Dies gilt auch, wenn man beiderseits über die angeführten Grenzfarben hinausschreitet; im Ultrarot sind die Wellenlängen größer als im Rot bei der Fraunhoferschen Linie A, wogegen sie im Ultraviolett kleiner als bei der Linie Ue sind. Mit den Schwingungszahlen im Ultrarot und Ultraviolett verhält es sich umgekehrt. Es lassen sich übrigens Strahlen von kleinerer Wellenlänge in 190 mit größerer Wellenlänge durch gewisse Mittel ( edien) umwandeln; jede derartige Veränderung der Farbe des Lichts heißt Fluoreszenz (s. d.). Üüber die Litteratur der F. s. unter Farbenharmonie: ferner: Helmholtz, «Handbuch der physiol. Optiko (Lpz. 1867); Lommel, „Das Wesen des Lichtso (Lpz. 1874); Pisko, «Licht und Farber (2. Aufl., Münch. 1876); Le Conte, Die Lehre vom Seheno (Lpz. 1883). Danbenrabhmah s. Farbenreibmaschinen. arbenreibmaschinen oder Farbenmühlen (frz. machines à pulvériser les couleurs, engl. machines for pewdering colours) sind Vorrichtungen zum Verreiben der Farben, welche besonders dann vorteilhaft zur Anwendung kommen, wenn es sich um die Pulverisierung größerer Quantitäten einer und derselben Farbe biemen Diejenige Art F., deren Wirkungsweise die meiste Ahnlichkeit mit der Handarbeit zeigt, hat einen großen runden Reibstein, auf welchem ein kleinerer durch einen Mechanismus im Kreise Uchte gedreht und dabei beständig um seine eigene Achse gedreht wird. Eine sehr gebräuchliche F. zeigt die umstehende Abbildung. Die wirkenden Teile derselben sind der rotierende Konus a und der ihn umgeben Steinmantel ar. Die Farbe wird in dem Fülltrichter t aufgegeben, aus welchem sie auf das Schüttelsieb's und über dieses in den die Steine umgebenden und über dieselben hinausragenden gußeisernen Mantel m gelangt. Die verriebene Masse fällt in die unterhalb der Steine liegende kreisförmige Rinne, die mit einer Iat wuttels der Oversehen ist. Der Antrieb erfolgt mittels der Handkurbel k und die Bewegung wird dann durch die konischen Zahnräder 2 auf die vertikale Welle ubertragen. Das an dem untern Ende der letztern befestigte Schwungrad r ist von einem Mantel ki umgeben, dessen Decke zugleich als Fundamentplatte der Maschine dient. Eine andere Art U11 sind diejenigen, bei welchen statt der Steine Walzen angewendet sind, die, zu zweien oder dreien fest aneinander gedrückt, sich mit ungleicher Geschwindigkeit drehen. Dieses System findet hauptsächlich zum Verreiben der Buch- und Steindruckfarben Anwendung.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 572Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Naturlehre 6