FeedFenier
AllerleiBrockhaus 1882

Fenier +* Fenians) ist der Parteiname der irisch-amerik. Revolutionsmänner, die seit dem Beginn des amerik. Bürgerkriegs mittels einer weitverzweigten, als Fenische Brüderschaft bekannten Organisation die gewaltsame Lostrennung Irlands von England betrieben haben. Ihren auszeichnenden Charakter in der langen Reihe irischer Verschwörungen gegen die engl. Herrschaft erlangte die Verschwörung der F. besonders durch zwei Umstände: durch ihre wesentlich revolutionäre Tendenz und durch ihre Entstehung in Amerika. Als revolutionäres Unternehmen war sie das Werk der Partei Jung-Irlands, die sich schon zu Lebzeiten O'Connells, im Gegensatz zu der von diesem befürworteten Politik der friedlichen Agitation, als (Partei der physischen Gewalt7 konstituiert hatte. hr amerik. Ursprung erklärt sich aus der furchtaren Katastrophe der irischen Hungersnot (1845— 47), in deren Folge Hunderttausende von armen, mißvergnügten, England hassenden Irländern das Land ihrer Väter verließen und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika eine neue Heimat suchten. Mährend der folgenden Jahrzehnte wuchsen diese Auswanderer in Amerika duuch ihre rasch sich mehrende Zahl zu bedeutender Macht heran, und als der Bürgerkrieg zwischen den Nord⸗ und Südstaaten der Union ausbrach, nahmen viele amerikanisierte Irländer unter den Fahnen der Republik an dem Kampfe teil. Verschiedene Zwischenfälle des Kriegs erneuerten dann die alte eifersüchtig gereizte Stimmung zwischen Amerika und England in so hohem Grade, daß wiederholt ein rmedlich des Kriegs zwischen beiden Staaten unvermeidli schien. Günstigere Voraussetzungen für die Pläne der jung-irischen Patrioten ließen sich nicht denken, und auf die angedeutete Wechselwirkung cis⸗ und transatlantischer Begebenheiten gestützt, trat im Winter 1861/62 die Verschwörung der F. ins Leben. Der Name F. war der dem irischen Altertum angehörigen Kriegerkaste der Finna entlehnt. Der Bund der F. war mithin ein Bund von Männern, die ihr Vertrauen auf die Führung der Waffen setzten und der Zweck der Verschwörung kündigte sich in diesem Namen genugsam an. Hauptbegründer der Brüderschaft in Amerika war John OMahoney, in Irland James Stephens. Am frühesten erlangte die Brüderschaft eine Organisation in Amerika, das von vornherein als die Hauptoperationsbasis anerkannt wurde; doch auch in Irland fanden schon zu Anfang des J. 1862 geheime fenische Zusammenkünfte statt. Im Frühling 1863 ging John k. ae eins der Häupter der irischen Brüderschaft, als Emissar nach Amerika, wo er in Begleitung O'Mahoneys das Lager General Corcorans, des Führers der irischen Legion in der Potomac-Armee, besuchte und der lebhaftesten Teilnahme für die Sache Irlands begegnete. Im Herbst 1863 hatte der Fenianismus in den nördl. und westl. Staaten der Union so große Fortschritte gemacht, daß O'Mahoney einen fenischen Kongreß nach Chicago berufen konnte. Einige Wochen später (Nov. 1863) fing in Lubys Verlag und unter O'Learys Redaction die Zeitung &The Irish Peoplev als Organ der F. in Irland zu erscheinen an. Zugleich wurden die praktischen Vorbereitungen nicht außer Acht gelassen. Emissäre bereisten alle Teile des Landes, um Rekruten zu werben und die mili-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VI. tärische Organisation der Brüderschaft zu fördern; Waffendepots wurden errichtet und Waffenübun⸗ * fanden im geheimen statt. Auch die amerik. undesbrüder waren nicht unthätig. Frühling 1864 wurde durch den Bazar von Chicago der Grund zu einem fenischen Schatze gelegt; im Herbst desselben Jahres aber ein zweiter Kongreß in Chicago gehalten, an welchem fenische Abgeordnete aus allen Staaten der Union, von Neuyork bis Californien, teilnahmen. Das plötzliche Ende des amerik. Kriegs im April 1865 und die demselben folgende Juhrerud der großen Armee, die nicht bloß den Führern der irischen Legion, sondern einer großen Anzahl von Abenteurern zu neuen Unternehmungen freie Hand ließ, beschleunigte die fenischen Rüstungen. Allein mit der Thätigkeit der R vermehrte sich auch die Wachsamkeit der engl. egierung, und noch ehe die Brüderschaft zum Losschlagen bereit war, wurden ihre Hoffnungen auf das demnächstige Gelingen der Revolution in Irland mit einem Schlage zerstört. In der Nacht vom 15. Sept. 1865 besetzte die Polizei das Gebäude des Irish Peoples, belegte die Druckerpresse mit Beschlag, bemächtigte sich Lubys, O'Learys, O'Donovan Rossas und anderer in Dublin anwesender Führer und gelangte zugleich in den Besitz der lhe Jd fenischen Dokumente, die ihr fast sämtliche Fäden der Verschwörung in die Hände lieferten. Infolge der so gewonnenen Aufschlüsse fanden während der nächsten Tage auch in den südl. und westl. Distrikten von Nabst zahlreiche Verhaftungen statt. Stephens selbst fiel in die Hände der Polizei, und aller ihrer Führer beraubt, von keiner sympathischen Aufwallung des irischen Volks begrüßt, brach die Fenische Brüderschaft in Irland für den Augenblick in eine Masse halt⸗ und machtloser Elemente auseinander. Indes war die fenische Verschwörung hiermit keineswegs bewältigt; Stephens entkam aus dem Gefängnis, und die in Irland erlittene Niederlage feuerte die Brüderschaft in Amerika zu um so eifrigerer Thätigkeit an. Im Okt. 1865 versammelte sich ein allgemeiner fenischer Kongreß als Organ der zu gründenden irischen Republik, in Neuyork. Eine Konstitution wurde beraten; O Mahoney, zum Präsidenten der neuen Republik erhoben, ernannte Minister des Kriegs, der Marine und der Finanzen und installierte sich mit seinem Ministerium in einem prächtigen Palast in Neuyork, dem provisorischen Sitz der republikanischen Regierung. Seine erste exekutive Maßregel war die Ausschreibung einer Einkommensteuer, die bald bedeutende Summen in den fenischen Schatz führte. In Gemäßheit mit dem ursprünglichen Plane der Brüderschaft, sowie im Hinblick auf die noch immer gereizte Stimmung zwischen England und den Vereinigten Staaten, die man fenischerseits zu einem offenen Bruche zu steigern suchte, wurde ein doppelter Aktionsplan festgestellt, demgemäß OMa-Untes die gegen Canada gerichteten, speziell amerik. nternehmungen,‚ Stephens die Invasion und Revolutionierung Irlands leiten sollte. Die Wintermonate gingen unter Vorbereitungen dahin. Zu Ende Febr. 1866 wurde eine erneuerte Aufregung in Irland bemerkbar. Man kam der Enjuhr von Kriegsmaterialien, der Anwerbung und dem Einexerzieren fenischer Rekruten auf die Spur. Während der ersten Märzwochen nahm die Zahl der amerik. Emissäre in Irland in bedenklicher Weise zu. Ihre Haltung wurde von Tag zu Tag trotziger, die Symptome eines drohenden Aufstands unverkennbarer. Indes genügte die Suspension der Habeas-Corpus-Akte in Irland, die Empörung im Keime zu ersticken. In wenigen Tagen waren die verdächtigen Fremdlinge verschwunden. Die wenigen, die zurückblieben, wurden ohne Mühe verhaftet; die beginnende Rebellion, ihrer Führer beraubt, fiel noch einmal in ihre Elemente auseinander. Nicht viel besser erging es den fenischen Unternehmungen gegen Canada. Anfang Juni 1866 begann die Sammlung der fenischen Streitkräfte an der Grenze und in der zweiten huncsader siel eine Armee von 4—5000 Mann längs der Ufer des Eriesees in Canada ein. Dieselbe besetzte im ersten Anlauf einige kleine Grenzorte, wurde aber von den Canadiern in mehrern Gefechten geschlagen, zum Rückzuge genötigt und von den inzwischen an der Grenze aufgestellten amerik. Truppen entwaffnet. Dies Mißlingen stellte sowohl die Thatsache des Mißverhältnisses der fenischen Kräfte zu der Größe ihrer Pläne, als die noch wichtigere Thatsache, daß die amerik. Regierung nicht gewillt sei, die irische Unzufriedenheit zu einem feindseligen Auftreten egen England zu benutzen, zweifellos fest, und alle pätern Unternehmungen der F. konnten dies Resultat nur bestätigen. In Irland brach nach langen Vorbereitungen 5. März 1867 ein Aufstand fast Wedbentid in der Umgegend von Dublin, in Drogheda in Kerry aus. Es war der umfangreichste Versuch, zu welchem der irische Fenianismus sich aufschwang; allein auch er endete innerhalb dreier Tage mit einer vollständigen Niederlage. Die Gesamtzahl der im Felde erscheinenden fenischen Insurgenten belief sich auf höchstens 2—3000 Mann, und abgesehen von der teilweisen Zerstörung der Eisenbahnen und Telegraphen, der Wegnahme von Waffen und dem Verbrennen einiger Polizeistationen und Küstenwachthäuser konnte die Insurrektion sich keines Erfolgs rühmen. Von eigent —. Gefechten war nicht die Rede. Die verfolgenden Truppen fanden nirgends einen Feind. Sie mußten sich mit der Gefangennahme der Versprengten, mit dem Einsammeln der massenhaft verstreuten Waffen und Kriegsmaterialien begnügen. Der einzige spätere Versuch der F. zur Begründung der irischen Republik endete auf womöglich noch kläglichere Weise. Im April 1867 brachen nämlich 40—.50 F., frühere Soldaten der amerik. Armee, in einem für diesen Zweck ausgerüsteten Dampfschiffe von Neuyork zur Eroberung Irlands auf. Anfang Juni landeten sie, nach längerm Umkreuzen der irischen Küste, unweit Waterford, fielen aber widerstandslos in die Hände der Polizei. Mit dieser ersten und letzten Invasiono Irlands brach freilich nicht die fenische Verschwörung, aber doch ihre direkte Angriffskraft zusammen. In Irland und Amerika zu Boden geworfen, gerieten nun die F. schließlich auf den Gedanken, den verhaßten Feind mittels der in der arbeitenden Bevölkerung Englands, besonders in Fabrik⸗ und Handelsstädten stark vertretenen irischen Elemente, in seinem eigenen Lager zu alarmieren und den Bürgerkrieg womöglich auf engl. Boden hinüberzuspielen. Zwei charakteristische Vorgänge dieser Zeit verdienen Erwähnung: die gewaltsame Befreiung mehrerer in Manchester verhafteter fenischer Führer (Sept. 1867) und ein Versuch zur Befreiung [zweier in London verhafteter F. aus dem Clerkenwellgefängnis in London (Dez. 1867). In Man⸗ (chester entkamen die Gefangenen; allein ein großer Teil der Angreifer wurde verhaftet und drei Rädelsführer hingerichtet. In London veranstaltete die Vruderschaft eine Explosion, durch welche eine [der Umfassungsmauern des Gefängnisses nebst mehrern anstoßenden Häusern in die Luft gesprengt und die Gefangenen freilich nicht befreit, aber etwa 50 Personen aus der Nachbarschaft getötet oder verwundet wurden. Auch hier wurde der Rädelsführer ergriffen und hingerichtet. Diese Katastrophe bezeichnete auf lange hinaus die letzte That der F. Überall entdeckt und zersprengt, verfielen die Verschwörer um so mehr der Entmutigung, als die Reformgesetzgebung der J. 1869 — 70 durch die irische Kirchenbill und die Landbill die schreiendsten Übel der irischen Zustände milderte und der Abschluß des Vertrags von Washington im * 1871 auch der Gereiztheit zwischen England und Amerika, auf welche der transatlantische Fenianismus zum Teil seine Hoffnungen baute, ein Ende machte. Allein obgleich in ihrer Angriffskraft gelähmt, dauerte die Verschwörung der F. doch als unruhige Organisation im geheimen fort. Das Auftauchen der Home-Rule-Liga und besonders die entscheidende Wendung zu einer völligen Losreißung Irlands von England, welche die Politik dieser Liga nach dem Tode Butts (s. d.) unter der Leitung Parnells nahm, belebte von neuem auch den Unternehmungsgeist der F. Als erstes offenkundiges Zeichen des Wiederbeginns ihrer Thätigkeit kann (April 1878) die Ermordung des Grafen von Leitrim gelten, eines großen irischen Grundherrn, der sich durch Willkür und Härte verhaßt gemacht hatte. Im J. 1879 gründete sodann Michael Davitt, ein hervorragender F., die Landliga, die, im engen Zusammenhang mit fenischen Unruhen und Gewaltthaten in Irland, während der Session von 1880 ihre parlamentarische Thätigkeit eröffnete. Schon vorher war die fenische Brüderschaft in England auf einer breiten Grundlage reorganisiert. An der Spitze stand eine exekutive Behörde von sieben Männern, deren vier die vier Provinzen Irlands, je einer Südengland, Nordengland und Schottland vertraten und die als Oberster Rat (Supreme Councih) für das Vereinigte Königreich die Geschäfte des kumtenten u von London aus leiteten. Nach Doumenten, welche bei der Verhaftung Tobins, eines fenischen Obersten, gefunden wurden, zählte die Brüderschaft am Schluß der siebziger Jahre in Irland 36000, in England 8500, in Schottland 3000 Mitglieder; doch fehlte es ihr zu größern Unternehmungen an den nötigen Geldmitteln. Erst die im großen Maßstabe durchgeführte Agitation der Landliga und die Teilnahme, welche diese bei der irischen Bevölkerung von Nordamerika erweckte, führte auch den F. frische Kräfte zu. Inwieweit die Führer der Liga mit den Häuptern der F. Hand in Hand gingen, ist mit Sicherheit noch nicht festzustellen; daß indes beide Organisationen in der Richtung auf die Losreißung Irlands von England bis zu einem gewissen Punkte zusammenwirkten, daß die Liga einen beträchtlichen Teil ihrer Mitglieder aus den Reihen der F. rekrutierte und daß die irisch-amerik. Geldspenden nicht bloß ihr, sondern ebenso den F. mittelbar oder unmittelbar zugute kamen, scheint unzweifelhaft. Trotzdem konnte diese Gemeinschaft der Parteien nicht lange dauern. In den Augen der fenischen Führer fehlte es den Führern der Liga an der erforderlichen revolutionären Energie, und kaum hatte die agitatorische Wirksamkeit der Liga im Okt. 1881 durch die Verhaftung Parnells und mehrerer seiner einflußreichsten Genossen einen ernsten Stoß erlitten, als der Oberrat der F. in England, um die Flamme des Aufruhrs zu schüren, eine neue Organisation ins Leben rief, deren Zweck der polit. Mord sein sollte und die sich unter dem Namen der Irischen Unüberwindlicheno (Irish Invincibleso) im Nov. 1881 in Dublin konstituierte. Nach den Aussagen eines ihrer ersten Mitglieder, des notorischen Angebers James Carey, wurde diese Mördergesellschaft (Assassination-Society) durch zwei Emissäre der englischen F., John Walsh und John Tynan, gestiftet und aus ihrer Mitte gingen auch die Mörder hervor, deren Messern am 6. Mai 1882 Mr. Burke und der Staatssekretär für Irland, Lord Frederick Cavendish (s. Devonshire), im Phönixpark zu Dublin zum Opfer fielen. Weniger erfolgreich waren die Unüberwindlicheno in ihren Mordversuchen gegen den Vorgänger Lord F. Cavendishs, Mr. Forster, ˙7 den Richter Lawson und den Geschworenen Mr. Field, und zu Anfang des J. 1883 fielen die Hauptmitglieder der Bande, zum Teil durch die Verräterei eines Gefährten, in die Hände der Polizei. Aber auch dieses Mißlingen setzte den fenischen Machinationen kein Ziel. Unmittelbar nach der Auflösung der Mordgesellschaft in Irland organisierte die extreme fenische Faktion in Amerika unter der Führung O' Donovan Rossas einen neuen Angriffsplan, welcher den Zweck verfolgte, die öffentlichen Gebäude Londons und anderer engl. Städte durch Nitroglycerin in die Luft zu sprengen und mittels des Schreckens, den man durch diese Art der Kriegführung hervorzubringen hoffte, die Trennung Irlands von England zu erwirken. Allein die engl. Polizei war auf ihrer Hut. Nach einer unbedeutenden Explosion an einem der Regierungsgebäude in London, gelang es schon im April 1883, eine von den F. in Birmingham begründete Nitroglycerinfabrik aufzuheben und die von Rossa ausgeschickten Emissäre, an deren Spitze ein Dr. Gallaghan stand, zu verhaften. Unter dem Banne des Abscheus, welchen diese jüngste Wendung des Fenianismus auch in Amerika hervorrief, wagte die zu Ende April in Philadelphia zusammengetretene Generalkonvention der irisch⸗-amerikanischen F. es nicht, sich offen für die Dynamit⸗ und Nitroglycerin-Politik auszusprechen; andererseits jedoch zeigte sie ebenso wenig den Mut zur Verdammung dieses letzten verzweifelten Auskunftsmittels. Bei der angedeuteten Lage der Dinge möchte es daher verfrüht sein, schon behaupten zu wollen, der Fenianismus habe sämtliche Phasen seiner außerordentlichen Geschichte durchlaufen, wenngleich die neuen irischen Reformen der 1881 —82 seinen Erfolg immer unwahrscheinicher machen. (S. die Art. Großbritannien und Irland.) Vgl. Rutherford, Secret history of the Fenian conspiracys (2 Bde., Lond. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 673Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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