FeedFerry (Jules)
GeschichteBrockhaus 1882

Ferry (Jules), franz. Staatsmann, geb. 5. April 1832 zu St.⸗Die im Vogesendepartement, ließ sich nach Beendigung seiner jurist. Studien zu Paris 1854 daselbst als Advokat nieder, wurde Mitarbeiter an der Gazette des Tribunauxo und verfaßte gemeinschaftlich mit Hérold, Clamageran und Dréo einen Manuel électoralo, von welchem bei den allgemeinen Wahlen 1869 die 8. Auflage erschien. Im J. 1863 veröffentlichte er eine Flugschrift: Ia Iutte électorales, und bekämpfte im (Tempsv und in den „Comptes fantastiques d'Haussmanno die pariser Stadtverwaltung. Bei den Wahlen 1867 wurde F. Deputierter von Paris und nahm in dem Gesetzgebenden Körper seinen Platz auf der Linken. er zu den pariser Abgeordneten gehörte, wurde er 4. Sept. 1870 Mitglied der Regierung der Nationalverteidigung, 5. Sept. Sekretär derselben und 6. Sept. mit der Verwaltung des Seinedepartements beauftragt. Bei dem sozialdemokratischen Aufstande vom 31. Okt. wurde er gefangen gesetzt, aber durch die Nationalgarde befreit und 15. Nov. an Stelle des abdankenden Etienne Arago zum Chef der Centralmairie ernannt. Bei den allgemeinen Wahlen zur Nationalversammlung 8. Febr. 1871 erhielt F. ein Mandat von seiten des Vogesendepartements und wurde gewählt, 24. Mai 1871 von Thiers zum Seinepräfekten ernannt, gab aber nach wenigen Tagen diesen Posten wieder auf. Vom Präsidenten Thiers 15. Mai 1872 zum Gesandten in Athen ernannt, legte er schon 1873 diese Stellung nieder. In der Nationalversammlung hielt er sich zur republikanischen Linken, die ihn zu ihrem Präsidenten ernannte. Bei den Debatten über Freigebung des höhern Unterrichts stellte er 15. Juni 1875 den Antrag, das ausschließliche Recht der Erteilung der Grade dem Staate vorzubehalten, ohne bei der klerikalen Mehrheit damit durchdringen zu können. In dem zwischen dem Präsidenten Maec Mahon und der Kammermehrheit entstandenen Konflikt sprach er 14. Nov. 1877 gegen die Gefahr einer klerikalen Regierung, beantragte 23. Nov., mit dem Ministerium Rochebouet in gar keine Beziehung zu treten, welcher Antrag angenommen wurde, und erklärte 4. Dez. im Namen der Budgetkommission, daß letztere der Kammer die Bewilligung der vier direkten Steuern nicht vorschlagen könne. Sein auf die Purifizierung des Beamtenstandes unter dem Ministerium Dufaure gerichteter Antrag wurde 20. Jan. 1879 von der Kammer angenommen. In dem am 4. Febr. 1879 gebildeten Ministerium Waddington übernahm er die Stelle des Unterrichtsministers und legte zwei Gesetzentwürfe vor, von welchen der eine den Kongregationen das Recht, höhere Schulen und Pensionate zu unterhalten, entziehen, der andere den übermächtigen Einfluß der Geistlichkeit auf das Unterrichtswesen beseitigen und einen aus Laien zusammengesetzten obersten Unterrichtsrat dem Minister zur Seite stellen wollte. Beide Gesetze wurden von der Kammer 9. und 15. Juli angenommen. In dem neuen Ministerium Freyeinet (29. Dez.) behielt F. sein Portefeuille. Da der Senat 15. März 1880 den siebenten Artikel des Gesetzes, welcher den Kern desselben bildete und die Jesuiten und die andern vom Staate nicht anerkannten Kongregationen aus der Schule verdrängen sollte, ablehnte, so wurden auf Grund der aus der Revolutionszeit stammenden Gesetze, gemäß den Berichten des Unterrichts- und Justizministers, die zwei Märzdekrete verö ffentlicht, worin alle Jesuitenanstalten für aufgelöst erklärt und alle nicht anerkannten Kongregationen aufgefordert wurden, die staatliche Genehmigung für ihre Lehranstalten einzuholen. Die Ausführung dieser Dekrete nahm einen raschern Verlauf, als F. 23. Sept. 1880 die Ministerpräsidentschaft übernahm und das Unterrichtsministerium beibehielt. Obgleich Gegner des von Gambetta vorgeschlagenen Listenskrutiniums, machte er demselben doch keine Opposition. Unter seinem Ministerium erfolgte der Einmarsch der franz. Truppen in Tunis. Am 14. Nov. 1881 trat das Ministerium F. zurück, um Gambetta Platz zu machen. Nach dessen Sturz übernahm er 30. Jan. 1882 unter der Präsidentschaft Freycinets das Unterrichtsministerium wieder und, nach dem Rücktritt der drei einander folgenden Ministerien Freycinet, Duclere und Fallieères, 21. Febr. 1883, als eine Proklamatton des Prinzen Jéröme Napoleon die Prätendentenfrage hervorgerufen hatte, die Ministerpräsidentschaft und ließ, im Einklang mit den Beschlüssen ber Kammermehrheit, auf Grund des Gesetzes von „1834 die Dekrete veröffentlichen, wonach die der Armee angehörenden Prinzen ihrer dienstlichen Stellungen enthoben wurden. (S. Frankreich.) Ferry de Bellemare (Eugene Louis Gabriel de), bekannter unter dem Pseudonym Gabriel Ferry, franz. Schriftsteller, geb. zu Grenoble im Nov. 1809, machte viele Reisen in Amerika und kam auf einer Reise nach Californien 5. Jan. 1852 bei dem Brande des Schiffs Amazone um. Seine Schriften erschienen zuerst in der Revue des deux Mondes „ und wurden meist ins Deutsche übersetzt. Zu erwähnen sind: „Le coureur des bois v (deutsch, Halle w1851), La chasse aux Cosaqueso (deutsch, Braunschw. 1853), 4Costal IIndien (deutsch, Lpz. 1853), (Scènes de la vie militaire au Mexiquev (deutsch, Halle 1860), Les squattersv (deutsch, Sondersh. 1860).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 709Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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