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TierreichBrockhaus 1882

Esten, richtiger Ehsten, sind die Urbewohner Estlands, der Inseln sel, Mohn, Dagden, Worms und Nordlivlands und die nächsten Verwandten der ausgestorbenen Liven und Kuren. Sie werden von ihren Nachbaren, den Letten, Iggeuni (Fremdlinge), von den Russen Tschuhonzi (Tschuden), von den Finnen Wirulaised (Männer Wirlands) genannt, während sie sich selbst Maameghet (Männer des Landes) nennen; sie sind hauptsächlich das ackerbautreibende, aber auch mit dem Meer vertraute Volk dieser Länder. Mit den Finnen gehören sie zu den Tschuden, und als solche mit den Wepsen und Woten zu den Südugriern und zur großen ural-altaischen Völkerfamilie. Man schätt die E. auf 1 Mill., indem ½ Mill. in den übrigen russ. Gouvernements außer Liv⸗ und Estland, namentlich in den Gouvernements Petersburg, Pleskau, Witebsk, Saratoff, Samara, der Krim und Sibirien zerstreut leben. Der Nationalcharakter hat sich in ihren Sitten und Gebräuchen, vor allem in ihrer biegsamen, sogar reichen und wohlklingenden Sprache, in ihren Volksliedern, in ihrem Nationalepos: Kalewi-Poeg (s. unter Estnische Sprache und Litteratur) und zum Teil in ihrer Kleidung, besonders auf den etwa 70 von ihnen be2421332 Inseln, bewahrt. Als Peter d. Gr. die baltische Provinz 1710 eroberte, sanktionierte er nicht nur den in Rußland fremden Begriff der Leibeigenschaft, sondern förderte auch die Entwickelung derselben im Baltenlande, doch wurde sie schon nach 100 Jahren (1816 in Estland, 1817 in Kurland und 1819 in Livland auf die Initiative der baltischen Ritterschaft, na dem Vorgange Deutschlands aufgehoben. Seit dieser Zeit haben sich die E. zu immer höherer Kultur entwickelt. Der Wohlstand ist unter ihnen rapid gestiegen, besonders seit 1860, infolge des vervollkommneten Schulunterrichts, der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, welche Tugenden sie dem deutschen Einflusse verdanken. Die E. besaßen 1881: 1099 Gemeinde- und 83 Parochialschulen, die meist von den deutschen Gutsherren gegründet, jetzt von den Gemeinden selbst unterstützt, und zwei Dischen seminare, die von der estländischen und livländischen Ritterschaft unterhalten werden. Selbst haben sie einen Fonds zu einem Lehrerseminar, welches sie „Alexander-Gymnasiumo nennen, gesammelt. Dabei ist in der Hälfte dieser Schulen das Erlernen der russ., nicht der deutschen Sprache, obligatorisch. Die E. haben eine estnische gelehrte Gesellschaft toaft kirjamisti selts) in Dorpat, die seit der Herrchaft der Jungesten, 1881 ihre besten Kräfte verlor, aber auch andere bedeutende Vereinigungen, wie den Lootuso in Reval, Wanemuiner in Dorat und 4Kalewipoego in Wesenberg. Es erschienen in estnischer Sprache 1882: 10 größere wöchentliche Zeitschriften, die viel gelesen werden; der Verkauf von estnischen Vollsbüchern wird jährlich auf 100000 Rubel zu veranschlagen sein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 383Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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