FeedMongolen
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Mongolen ist ein Völkername von sehr wechselnder Bedeutung, gewöhnlich wird aber ein bestimmtes Volk des altaischen Völkerstammes darunter verstanden. Nach dem Zeugnis mongol. Geschichtschreiber sind M. und Tataren ursprünglich nur die Zweige eines und desselben auf dem großen hinterasiat. Plateau zwischen Sibirien und China einheimischen, von den Chinesen noch gegenwärtig Ta-tse oder Tata genannten Volks, das Dschingis-Chan vereinigte, der auch die türk. und tungus. Völker mit fortriß und auf diese Weise wohl den ersten Grund zu der nachmaligen Namenverwirrung gelegt hat, sodaß man jetzt im Morgen- und Abendlande unter der Benennung Tataren drei verschiedene Völker: M., Türken und Tungusen, zusammenfaßt. Der M. ist wegen des typischen Körpercharakters des Volks zum Namen einer ganzen Menschenrasse (s. Mensch) geworden. Den Namen Tatare hingegen hat man dem ganzen hochasiat. Stamm gegeben, teils wegen der Verwandtschaft sämtlicher Sprachen, teils und zumeist wegen der Lebensweise, der geschichtlichen Entwickelung und der körperlichen Beschaffenheit der einzelnen zu diesem Stamme gehörigen Völker, obschon gerade in letzterer Hinsicht viele Völker der türk. Familie mehr oder weniger das Gepräge der kaukas. Rasse tragen. M. im engern Sinne des Wortes sind jene zahlreichen nomadischen Stämme, welche die Mongolei, ferner die Hochterrasse am Kökö⸗-Nör oder Blauen See nordöstlich von Tibet, die hohe Tatarei oder das Plateau zwischen den Gebirgsketten Muz-Tagh, Belur-Tagh und Kuen-lün, endlich untermischt mit andern Stämmen Teile des sibir. und kaspischen Tieflandes bewohnen. Diese mongol. Völkerfamilie im engern Sinne zerfällt in den östlichen Zweig oder die Ostmongolen, den westlichen oder die Kalmücken (s. d.) und in den nördlichen oder die Buräten (s. d.). Die Ostmongolen, das eigentliche Stammvolk der ganzen Familie, welches noch die Ursitze derselben inne hat, und von dem die Namen M. und Tataren auf Rasse, Sprachstamm und Völkerfamilie übergegangen sind, zerfallen außer mehrern andern kleinen Völkerschaften und Horden in die Chor- oder Scharaigol⸗-M. zwischen Tibet und der Kleinen Bucharei, in die innern M. südlich der Wüste Gobi, dann in die äußern, von dem Flüßchen Chalcha sog. Chalcha-M. im Norden der Gobi. Die vorzugsweise M. genannten Ostmongolen bewahren auch noch am reinsten deren Eigentümlichkeiten, sowie überhaupt den Typus der nach ihnen benannten Rasse. Gewöhnlich sind sie nur mittlerer Statur, haben geringen Bartwuchs, große abstehende Ohren und meist krumme Beine, eine Folge ihres Lebens auf Pferden. Von Charakter sind sie offen, mäßig, gastfrei, mild und friedfertig, aber auch träge, schmutzig und dummstolz. Ihre Wohnungen bestehen aus Filzzelten oder Jurten. Ihre Hauptbeschäftigung ist die Viehzucht, und ihr Hauptreichtum sind ihre Herden von fettschwänzigen Schafen, zweihöckerigen Kamelen und Pferden, auch Rindern und Eseln. Fleisch, Milch, Butter und Käse sind ihre Hauptnahrungsmittel. Sie treiben wenig Ackerbau, und ihre Gewerbe beschränken sich auf die Fertigung von Filz und Pelzen. Ihre einfachen Bedürfnisse erhandeln sie von den Chinesen, die zum Teil als Handelsleute, teils auch als Ackerbauer vereinzelt und auch in ganzen Kolonien unter ihnen leben. Sie stehen noch gänzlich auf der Stufe der Nomadenvölker, zerfallen in viele Stämme oder Aimaks und leben unter eigenen Stammhäuptern und Erbfürsten, die dem Chinesischen Reich unterworfen sind. Diese müssen zu Peking ihre Belehnung nachsuchen, gewissen Tribut bezahlen und zu bestimmten Zeiten am Hofe erscheinen. Sie sind, wie die Mandschu, militärisch in Banner, Regimenter u. s. w. geteilt und haben chines. Gouverneure im Lande, die indes nur eine polit. Aufsicht üben. Die Religion, zu der sie sich bekennen, ist die buddhistische, und in dem Dalai-Lama erkennen sie ihr geistliches Oberhaupt. Die Tschachar-M. waren die ersten, welche sich den Mandschu unterwarfen. Bereits 1636 wurden sie in Fahnen und Kompagnien geteilt und mit den acht Fahnen der Mandschu vereinigt. Nach der Eroberung Chinas durch die Mandschu wurden die Tschachar nahe der Chinesischen Mauer angesiedelt, wo sie gleichsam als Grenzwache dienen. Die älteste Geschichte der M. ist sehr dunkel. Erst mit dem Auftreten Dschingis-Chans (s. d.) im Anfang des 13. Jahrh. wird dieselbe heller. Dieser vereinigte die getrennten Stämme Mittel- und Ostasiens, unter denen die der Tataren und M. die vornehmsten waren, und erhob durch Eroberungen sein Volk urplötzlich zu welthistor. Bedeutung. Furchtbar waren damals die Züge der M., deren Reiterschwärme alles vor sich niederwarfen und alle Gegenden, durch die sie kamen, gänzlich verwüsteten. Doch fing um diese Zeit teils der Buddhismus, teils der Islam an, unter ihnen die herrschende Religion zu werden. Hiermit kam eine höhere geistige Kultur aus Hindostan, Tibet und China, aus Persien und den vorderasiat. Ländern zu ihnen, die in einer eigenen mongolischen Litteratur sich aussprach. Wenn auch dieselbe meist aus übersetzungen, besonders aus dem Tibetanischen, und aus Nachahmungen der moslem. Geisteserzeugnisse besteht, ist sie doch nicht arm und weist unter anderm wichtige Geschichtswerke auf. Nach Dschingis-Chans Tode 1227 setzten dessen Söhne, unter die dieser sein Reich geteilt hatte, sodaß einer derselben, ügetai, als Großchan die Oberleitung behalten sollte, die Eroberungszüge fort, unterwarfen sich ganz China, stürzten das Kalifat zu Bagdad und machten die seldschukischen Sultane von Ikonium zinsbar. Ein mongol. Heer unter Möngke-Chan und Batu-Chan drang 1237 aufs neue in Rußland ein, eroberte Moskau und verwüstete einen großen Teil des Landes. Nachdem dieses unterworfen, drangen sie 1240 furchtbar hausend in Polen ein, verbrannten Krakau und gingen nach Schlesien, wo sie 9. April 1241 über das vereinigte Heer der deutschen Ritter, der Polen und der Schlesier in der Schlacht auf der Wahlstatt (s. d.) zwar siegten, aber dabei solchen Verlust erlitten, daß sie ein weiteres Vordringen nach Deutschland nicht rätlich fanden. Sie wendeten sich südlich nach Mähren, das sie schrecklich verwüsteten, bis sie 21. Juni 1241 durch Jaroslaw von Sternberg am Berge Hostein vor Olmütz eine Niederlage erlitten. Sie begaben sich nun nach Ungarn, das sie ebenfalls verheerten. In Deutschland und Frankreich war die Furcht vor ihnen bereits so groß, daß man Fasten und Gebete anordnete und Anstalten zu einem Heereszuge gegen sie traf. Innere Streitigkeiten, die nach Ugetais Tode (1243) ausbrachen, veranlaßten sie, von ihrer Unternehmung gegen Westeuropa abzustehen und sich nach Karakorum, der Hauptstadt ihres Weltreichs, zwischen den beiden Flüssen Onon und Tamir gelegen, zurückzuziehen. Das Reich der M. stand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. auf dem höchsten Gipfel der Macht. Es erstreckte sich damals vom östl. Chinesischen Meere bis an die Grenze Polens und von den Alpenlandschaften des Himalaja bis tief nach Sibirien hinein. Der Hauptsitz des Großchans war China; die andern Länder wurden von den Unterchans, die von Dschingis-Chan abstammen und mehr oder weniger vom Großchan abhängig waren, beherrscht. Die mächtigsten dieser Unterchans waren die des Reichs Kaptschak an der Wolga, die sog. Goldene Horde, unter welcher Rußland stand, und die von Dschagatai oder Turkestan. Allein das Verschwinden von Dschingis-Chans Geist aus seiner Dynastie, sowie die Verteilung des Reichs unter mehrere Herrscher veranlaßten den Verfall des Mongolenreichs. Die innern Streitigkeiten, die immer mehr überhand nahmen, und die wachsende Macht der Statthalter, die sich immer unabhängiger machten, sowie der Mohammedanismus, der die Religion der unterworfenen Völker in der westl. Hälfte des Reichs war und von diesen nach und nach auf die Sieger selbst überging, bewirkten, daß schon zu Ende des 13. Jahrh. unter dem Großchan Chubilai das Reich in mehrere unabhängige Staaten zerfiel. Die bedeutendsten dieser neuen mongol. Reiche waren die in China, in Turkestan, in Sibirien, im südl. Rußland und in Persien gegründeten. Durch diese Spaltung und Losreißung von ihrem Mittelpunkte, ihrer alten Urheimat, verfiel die Macht der M. im 14. Jahrh. immer mehr, sodaß sie schon 1368 aus China vertrieben wurden und im 15. Jahrh. ihre Herrschaft in Rußland zu Ende ging. Auch in Mittel⸗ und Vorderasien würde die mongol. Herrschaft zu Grunde gegangen sein, wäre nicht ein neuer Eroberer mongol. Stammes, Tamerlan oder Timur (s. d.), um 1369 daselbst aufgestanden, der ein neues mongol. Reich, das ganz Mittelasien, Vorderasien und insbesondere Persien und einen Teil Anatoliens umfaßte, gründete. Nach Timurs Tode jedoch zerfiel dessen Reich so schnell, daß es schon mit der Ermordung von Abu-Seid, Timurs Urenkel, 1468 ein Ende nahm. Nur in Dschagatai erhielt sich die Dynastie Timurs und von hier aus war es, wo Babur (s. d.), ein Rachkomme Timurs, in Hindostan 1519 ein neues Reich gründet, das des mongol. Ursprungs seines Herrschers wegen ein mongolisches genannt wurde und diesem und den folgenden Herrschern den Namen des Großmoguls (s. d.) verschaffte. So verloren die M. seit dem Anfang des 16. Jahrh. alle welthistor. Wichtigkeit, zerfielen wieder in eine Menge einzelner Chanate und Stämme und wurden zum größten Teil den benachbarten Völkern, den Russen, den osman. Türken, den Persern und den Mandschugebietern in China mehr oder weniger unterthan. Nur in Dschagatai erhielten sich die mongol. Herrscher unabhängig, und dort herrschen noch Chane, die ihre Abstammung von Dschingis-Chan und Timur ableiten. Vgl. des Mongolenfürsten Ssanang-Ssetsen Khungtaidschi (um 1660) «Geschichte der Ostmongolend (mongolisch und deutsch von J. J. Schmidt, Petersb. 1829); Altan Tobtschi, Mongol. Annaleno (mongolisch, mit russ. Übersetzung von Galsang Gombojew, Petersb. 1858); Schott, «Alteste Nachrichten von M. und Tatarenv (Berl. 1846); Baburs sehr anziehende „Denkwürdigkeiten u. s. w. (deutsch nach dem Englischen von Kaiser, Lpz. 1828); Hüllmann, «Geschichte der M. bis 1206 (Berl. 1796); D'Ohsson, Histoire des Mongols depuis Tchinguiz-Khan jusqu'à Timour-Lenco (4 Bde., Haag u. Amsterd. 1834—35); Schmidt, «Forschungen im Gebiete der ältern religiösen, polit. und litterarischen Bildungsgeschichte der M. und Tibeter (Petersb. 1824); Pallas, Sammlungen histor. Nachrichten über die mongol. Völkerfchaftendo (2 Bde., Petersb. 1776 — 1801); De Guignes, «Histoire générale des Huns, des Turcs, des Mogolse (5 Bde., Par. 1756; deutsch von Dähnert, 5 Bde., Greifsw. 1768 —71); Grigorjew, «Geschichte der M.s (aus dem Persischen des Chondemir; russ., Petersb. 1834); Hammer-Purgstall, «Geschichte der Goldenen Horden (Pest 1840); derselbe, «Geschichte der Ilchane, d. i. der M. in Persien» (2 Bde., Darmst. 1842—43); Erdmann, «Temudschin der Unerschütterliche, nebst einer geogr.⸗ethnogr. Einleitungo (Lpz. 1862); Wolff, Geschichte der M. oder Tataren (Bresl. 187½3 Howorth, MIistory of the Mongols from the 9th to the 19 centuryr (2 Bde., Lond. 1876—80). Die Stammverhältnisse der M. und aller tatar. Völker sind auch dargestellt in Neumanns «Völker des südl. Rußlando (Lpz. 1847). Die erste mongol. Grammatik (Petersb. 1831) und ein mongol. Wörterbuch (Petersb. 1835) hat J. J. Schmidt geliefert. Darauf gab Kowalewski eine mongol. Grammatik (Kasan 1835), eine mongol. Chrestomathie (2 Bde., Kasan 1836 —37) und endlich sein großes Dictionnaire mongol-russefrançais v (S Bde., Kasan 1844 - 49) heraus. Noch erschien von Bobrownikow eine Grammatik der mongol.⸗kalmückischen Sprache (Kasan 1849). Von mongol. Litteratur ist noch wenig gedruckt. Außer den genannten Ssanang-Ssetsen und Altan-Tobtschi ist noch hervorzuheben: »Die Thaten des Gesser⸗-Chano (mongolisch herausg. von J. J. Schmidt, Petersb. 1836; deutsch, Petersb. 1839); „(Mongol. Märchensammlung (mongol. mit deutscher Übersetzung von B. Jülg, Innsbr. 1868; die deutsche übersetzung auch besonders, Innsbr. 1868); A. Pozdnjejew, «Proben der Volkslitteratur der mongol. Stämmer (Bd. 1, Petersb. 1880, russisch). Vgl. Jülg, «On the present state of Mongolian researches (Lond. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 821Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sagen & Mythen 6