FeedCentralbau
BaukunstBau-Lexikon 1881

Centralbau, m., frz. édifice central, engl. circular building. Im allgemeinen heißt so zum Unterschied vom Langbau jede Baugruppe, welche nicht in vorwiegender Längenrichtung von einem Ende zum andern hin an Bedeutung sich steigert, sondern gleichmäßig, oder doch fast gleichmäßig, nach allen Seiten hin um einen Mittelpunkt sich lagert, meist so, daß dieser Mittelpunkt auch der bedeutendste Bautheil ist. In diesem Sinn gab es schon im Alterthum ja selbst auf den erstenEntwickelungsstufen derKunst, Citen; z. B.die Cromlechs der Kelten, die Tope's der Buddhisten etc. Die runden Tempel der Römer, besraber viele ihrer Gräber⸗ u. Thermenanlagen, zeigen den C.schon in künstlerisch ausgeprägter Form; so z. B. das Pantheon, s. Fig. 1074 u. 1075. Näheres s. in den Art. Grab, Tempel, Bad, Therme etc. Hier haben wir es mit der im engern Sinn unter der Benennung C. gewöhnlich verstandenen Form christlicher Gotteshäuser zu thun. Schon zur Zeit Konstantins wurden neben den Basiliken auch runde und polygone Kirchen gebaut, und zwar nicht blos für gewisse Kulthandlungen. Die Hauptkirche zu Antiochien, das älteste gesicherte Beispiel hierfür, war achteckig mit Nischen, Emporen und Umgängen, ähnlich die von Gregors Vater zu Nazianz erbaute. Aus dem 5. Jahrhundert stammen St. Stefano rotondo zu Rom, Si. Angeli zu Perugia u. St. Maria Maggiore in Nocera dei Pagani; erstere sind Pfarrkirchen, letztere (s. Fig. 426 u. 427) vermuthlich ursprünglich ein Baptisterium; bes. Taufkirchen und Grabkirchen wurden in dieser früheren Zeit, obgleich nicht ausschließlich, doch vorzugsweise als Ceten ausgeführt, u. zwar erstere in der unter d. Art. Baptisterium zu ersehenden Weise, letztere entweder rund, mit breiter Vorhalle, wie das Grab der St. Constantia in Rom (Fig. 1076), od. achteckig, wie z. B. die aus dem 4. Jahrh. stammende Kapelle St. Sisto bei der Kirche St. Lorenzo in Mailand, oder endlich auch in Form eines griechischen Kreuzes, wie das Grab der Galla Plaeidia in Ravenna, um 425 erbaut (Fig. 1077). An letzterem zeigt sich schon byzantinischer Einfluß, denn die byzantinische Kunst (s. d.) war es, welche eine Vereinigung der Basilikenform mit der Centralform herbeiführte und dadurch erst letztere zu reicher Entwickelung führte und ihre Anwendung auf größere Pfarrkirchen ermöglichte, die übrigens auch dadurch gerechtfertigt erschien, daß jede christl. Kirche ein Märtyrergrab enthalten mußte, welche aber zugleich eine, den Basiliken ähnliche, innere Einrichtung der für eine Pfarrkirche durchaus nothwendigen Theile beanspruchte. Die Kirchen St. Vitale in Ravenna (Fig. 953) und St. Lorenzo in Mailand (Fig. 959) sind solche Centralbauten. Von Karl d. Gr. eingeführt (Aachen, Fig. 1034, Nimwegen), erhielt sich der C. in Deutschland u. Frankreich lange in Geltung. Solange noch besondere Baptisterien gebaut wurden, folgten sie dieser Form, z. B. in Trier, Bonn etc. Bis zur Mitte des 13. Jahrh. wurden namentlich in Deutschland alle Grabu. Todtenkapellen sowie die Burgkapellen als Citen ausgeführt (vgl. Doppelkapelle, Kapelle u. Carner). Dabei aber wurden außer Kreis u. Achteck auch andere Polygonalformen in Anwendung gebracht, auch stets eine Apsis, oft ziemlich mächtig im Verhältnis zum übrigen Raum, angebaut. Als Beispiel mag hier die Matthiaskapelle in Kobern (um 1200) gelten (s. Fig. 1078). Ganz x gen die Baptisterien u. HSUES 9. ähnliche Anlagen zei-Pfarrkirchen Italiens, AEU Grabkirche sowie kleine fast durch das ganze 0 ISHUISV wie dies aus Fig. 1079 bei Bergamo, aus dem Ende des 11. Jahrhunderts, erhellt. In ISEIUEE der Lombardei führte U◻ 1⁰ man selbst sehr große auf, z. B. die alte Kalia zu Brescia, erstere thedrale und St. Giuist 789, letztere wohlnoch früher erbaut, in Frankreich u. England — Deutschland nicht. In [[kommen Citen zwar auch, aber fast nur in untergeordneten Dimensionen, für Baptisterien, Kapitelhäuser e. vor, u. nie in reiche⸗ EIR frer Gliederung. Die Kirchen der Templer Fig. 1075. zu Metz, Laon beide Halber Grundriß des Pantheon. 280 1130) und Segovia (1204) sind ebenfalls C.ten, und daß man in spätromanischer Zeit das Ideal eines kirchlichen Gebäudes eben nur in der Centralform fand, geht haus der Beschreibung des Graalstempels (s.d.) im jüngeren Titurel hervor; daß trotzdem im ganzen Nordwesten und Westen Europa's die Centralform so gut wie keine Anwendung bei großen Kirchen fand, erklärt sich aus dem nicht zu besiegenden Einfluß der Basilikenform; dennoch konnte sich auch diese der Einwirkung des byzantinischen Cies nicht ganz erwehren. Dies spricht sich fast bei allen großen romanischen (St. Martin und St. Aposteln in Köln etc.) und selbst bei sehr vielen gothischen Kirchenbauten des Abendlandes (Rouen, Valenzia, Florenz etc.) dadurch aus, daß die Kreuzung des Lang- und Querschiffes sehr vorherrschend behandelt ist, innerlich sowohl als äußerlich, durch eine Vierungs- od. Centralkuppel, oder durch einen Centralthurm, s. d. betr. Art. Im byzantinischen Stil selbst aber u. in den von ihm abgezweigten Bauweisen spielt der C. eine herrschende Rolle. Alle auf Gruppirung von Kuppeln beruhenden Gebilde sind aus ihm hervorgegangen. Auch in die islamitische Bauweise ging er über u. wurde bes. für kleinere Moscheen, Grabmäler etc. adoptirt. Siehe darüber die die einzelnen Stile u. Bauweisen betr. Artikel. In dem Renaissance⸗ u. dem Barock-⸗ u. Zopfstil hat man mit wechselndem Glück Versuche zur Anwendung desselben gemacht. So sind gemischte Ceten: die Paulskirche in London, die Peterskirche in Rom; reine C.ten: S. M. della Salute in Venedig, S. M. da Carignan in Genua, Frauenkirche in Dresden, Karlskirche in Wien (Fig. 433, S. 259, IJ. Bd.). In neuester Zeit ist vielfach der Vorschlag aufgetaucht, für den evangelischen Kirchenbau die Centralanlage zu adoptiren und durchzubilden: s. darüber d. Art. Kirche. 0 5 7⁰0 20 20⁰

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 27Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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