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TechnikBau-Lexikon 1881

Geradführung, k. frz. glissiere, glissoire, f., guide, m., engl. guide, slide, auch Senkrechtführung gen., Verwandlung der kreisförmigen Bewegung in geradlinige u. umgekehrt; wird auf verschiedene Weise bewerkstelligt. Im praktischen Leben am häufigsten nutzt man die Seiltrommel, um welche, wenn sie gedreht wird, ein Seil sich aufwickelt, dessen freies Ende entweder direkt, oder, nachdem es über eine feste Rolle gelaufen ist, nachgezogen wird. Statt der Seiltrommel kann auch jede sich drehende Welle gebraucht werden, z. B. an der Haspel (s.d.) denn es handelt sich hierbei immerhin zunächst um eine Umsetzung der rotirenden Bewegung in eine geradlinige, kommt aber meist nicht darauf an, daß sich der auf⸗ od. abwärts gehenden Bewegung des Seiles gleichzeitig noch eine, durch die neben einander erfolgende Aufwickelung der Seilringe entstehende seitliche Bewegung beigesellt. Bei vielen Mechanismen freilich kommt es, oft ganz genau, darauf an, gewisse Theile derselben in einer Richtung hin und her zu führen. Wenn z. B. die an einer Kurbel befestigte Zug⸗ (Bleuel⸗)stange mit einer zweiten verbunden ist, welche geradlinig geführt werden soll, u. daherGeradführungsstange, frz. barre directrice, engl. guide-bar, heißt, so wird es nöthig sein, beide durch ein Gelenk zu verbinden, die zweite aber durch eine sog. Führung, welche aus unbeweglichen (Leitungs⸗) Stücken besteht, gehen zu lassen, um auf die zweite die durch die Rotation der Kurbel der an ihr befestigten Stange mitgetheilte Seitenbewegung nicht zu übertragen. Am einfachsten benutzt man zu diesem Zweck die sogen. Leitungsbüchsen, z. B. bei Feuerspritzen etc. Oder man läßt, wie häufig bei Dampfmaschinen, die geradlinig zu führendeStange mittels angesetzter, verschieden geformter Kopfstücke zwischen zwei oder mehr feststehenden Leitschienen gehen. Vier dergleichen sind z. B. als G. der Kolbenstange an vielen Lokomotiven zu sehen. Diese Art G. läßt sich natürlich manchfach, je nach Bedürfnis, abändern. Eine andere sehr sinnreiche Methode, die an neuen Schnellpressen fast durchgängig Anwendung findet, ist die der Benutzung eines sog. Hypocykloidenrades, d. h. eines Zahnrades, welches innerhalb eines Zahnkreises läuft (. Fig. 1849). Hier ist A der Kurbelarm; letzterer trügt am Ende B ein um eine Welle drehbares Zahnrad, dessen Zähne aber greifen in die des genau noch einmal so großen Zahnkreises. Dreht sich nun A um A, so muß sich das Zahnrad in dem Zahnkreis abrollen. Bei dem vorausgesetzten Größenverhältnis berührt also immer ein Punkt des kleinen Kreises den Umfang des großen. Der Weg nun, den überhaupt irgend ein Berührungspunkt des kleineren Kreises während der Umdrehung macht, ist allemal ein geradliniger, der durch den Mittelpunkt des großen geht. Wird demnach nun eine Zahnstange Oe irgendwo am Unfang des kleinen Rades, z. B. bei O, angehangen, so wir sie allemal in genau gerader Richtung hin und her geführt werden. Damit nun die geradlinige Bewegung in die Ebene Affällt, muß man Cso wählen, daß es bei horizontaler Stellung von AB auf A fällt. Ferner wird derselbe Zweck erreicht dadurch, daß an dem Ende des Balaneiers (s. d.) eine mit dem Kurbelarm verbundene Stange angebracht wird, während man das andere Ende mit einem Stück Kreisbogen, Kreuzkopf, engl. cross-head, so versieht, daß seine Peripherie nach außen gekehrt, sein Centrum aber der Drehpunkt des Balanciers ist. Ueber diese Peripherie geht in einer Rinne, Hohlkehle, oder sonst wie gesichert, ein Tau oder eine Kette. Bewegt sich der Balan⸗ „eier auf⸗ u. abwärts, so hängt Tau oder Kette immer als Tangente senkrecht herab, erleidet auch nie eine Seitenbewegung, weil jeder Punkt der Peripherie des Bogenglit / mothes 1882bd?/0432 stückes vom Drehpunkt des Balanciers gleichweit entfernt ist, also auch jeder beliebige Punkt, von dem bei der Bewegung die Tangente ausgeht. Wenn eine solche Anordnung nur selten vorkommt, so ist der umgedrehte Fall desto häufiger, wo die bewegende Kraft auf das eine Balancierende und durch die Vermittelung des Balanciers auf die Kurbel wirkt. Hier tritt an Stelle der in ihren einzelnen Theilen beweglichen Taue u. dgl. die unbiegsame Stange, welche bei der Dampfmaschine mit der Kolbenstange verbunden ist. Dann bedient man sich zur G. der Kolbenstange des Contrebalanciers od. Gegenlenkers (s. Fig. 1850 0 D), d. h.einer Stange, die in einem bestimmten festen Punkt O um einen Zapfen drehbar ist; ihr anderes Ende ist mit dem Kopf B des Balanciers B durch ein Zwischenstück oder Gelenk B verbunden, das an beiden Verbindungsstellen in Zapfen geht. Durch die Drehung des Balanciers wird gleichzeitig eine Drehung des Contrebalanciers bewirkt; die Vorrichtung ist nun so bemessen, daß, während das Gelenk da durch, daß seine Enden den krummlinigen Bewegungen veider Balaneier-Enden folgen, verschiedene Lagen annim mt, ein ganzbestimmter Punkt des Gelenkes, hier M, oder seiner Verlängerung eine gerade Linie beschreibt. Dieser Punkterhält den Zapfen für die Befestigung der Kolbenstaugge M. Gewöhnlich sind die drei Verbindungsstellen an dem Zwischenstück, welches G elenk heißt, in gleichen En tfernungen von einander angebracht, wie hier. Der Mittelpunkt der Drehung des Contrebalanciers ist gleichfalls ein ganz bestimmter; derselbe liegt zuweilen auf der andern Seite; im ersteren Fall liegt der Zapfen für die Kolbenstange in der Verlängerung der beiden anderen Verbindungsstellen des Gelenkes, im zweiten Fall liegt er in der Mitte derselben. Die punktirten Linien bezeichnen die Wege, welche die einzelnen Theile bei der Schwingung von Bmachen, D.B u. D“ B“ bezeichnen die höchste u. tiefste Stellung von DB, M.M“ die geradlinige Bahn von M. Das Wattsche Parallelogramm (s. Fig. 1851) ist nur eine etwas komplizirtere Anordnung des Contrebalanciers, welche aber nur dann angewendet wird, wenn gleichzeitig, wie an der Wattschen Dampfmaschine, zwei Stangen gerade geführt werden sollen. AB u. CF sind die Kopfbänder der Kolbenstangen, 40 ist der halbe Balancier, DB ist die Parallelstange, E die Leit-oder Lenkstange. Wegen anderer Methoden der G. verweisen wir auf speziell mechanische Werke.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 422Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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