FeedGebärmutterkrankheiten
HeilkundeBrockhaus 1882

Gebärmutterkrankheiten, die weitaus häufigste Form der Frauenkrankheiten (s. d.), kommen entweder angeboren vor oder können während der verschiedenen Lebensperioden durch allerhand Schädlichkeiten, welche auf den Genitalapparat einwirken und seine normalen Verrichtungen in der einen oder andern Richtung beeinflussen, erworben werden. Namentlich zur Zeit der Menstruation, der Schwangerschaft und des Wochenbettes ist die Gebärmutter keiten jedweder Art sehr empfänglich, und jede Frau, welche den Wert der Gesundheit zu schätzen weiß, soll während dieser Zeit für ein zweckmäßiges und verständiges Verhalten durchaus besorgt sein, da die meisten G. im allgemeinen viel leichter zu verhüten als zu heilen sind. Die Krankheitserscheinungen, welche durch G. verursacht werden, sind sehr mannigfach und zerfallen in örtliche, den Geschlechtsapparat selbst betreffende, wie Schmerzen der verschiedensten Art, Blutungen, Schleim⸗ und Eiterabgänge, Störungen der Menstruation, der Gravidität, ferner Unfruchtbarkeit u. dgl., und in allgemeine, die gesamte Konstitution in Mitleidenschaft Biutarmi wie namentlich Ernährungsstörungen, Blutarmut und Bleichsucht, Nervosität, Nervenschmerzen, Hysterie und andere schwere Nervenleiden, welche bei gebärmutterkranken Perorde nicht selten sind und jeden Lebensgenuß außerordentlich verkümmern. Zur u kacker Renet erfolgreichen Behandlung der G. ist in der Regel eine genaue und allseitige Uhen bachn des gesamten Genitalapparats durch einen sachkundigen Arzt ganz unerläßlich und kann durch eine falsch angebrachte Prüderie in dieser Hinsicht den Kranken großer und dauernder Nachteil erwachsen. Wertvolle Instrumente zur Untersuchung der kranken Gebärmutter sind der Mutterspiegel (speculum uteri), ein cylindrischer Körper aus Metall oder Porzellan, durch welchen die von der Scheide aus zugänglichen Teile der Gebärmutter sichtbar gemacht und örtlich behandelt werden können, und die Gebärmutter⸗ oder Uterussonde 6specillumuteri), ein gekrümmtes metallenes Stäbchen, mittels welches die Lageveränderun⸗ z en der Gebärmutter und die Größenverhältnisse [l ihrer Höhle erforscht werden. Hinsichtlich der Beandlung läßt sich im allgemeinen nur so viel merken, daß außer der erforderlichen örtlichen fl Einwirkung, die je nach der Art der betreffenden G. in Ausspülungen, Blutentziehungen, Sitz⸗⸗ bädern, Einspritzungen, Atzungen oder operativen Eingriffen besteht, vor allen Dingen für absolute Ruhe und Schonung, sowie für eine gehörige Kräftigung und Abhärtung des gesamten Körpers durch eine leichtverdauliche kräftigende Diät, Genuß der frischen Luft und fleißiges Baden gesorgt werden muß. Gebärmutterkranke Frauen müssen sich vor vielem Treppen⸗ und Bergesteigen, vor Reiten, Fahren in holperigen A Rus vor schwerem Heben und allen übermäßigen Muskelanstrengungen in Acht nehmen und geschlechtliche Erregungen vollständig meiden; bei allen akuten Entzündungen ist absolute e auf erforderlich. Weiterhin sollen dabe Kranke auf Roßhaarmatratzen, nicht auf Febetten liegen, welche zu leicht Kongestionen nach den Beckenorganen unterhalten, sich vor jeder Erkältung, namentlich des Leibes und atedur sorgfältig in Acht nehmen und zu diesem Zwecke durchaus zu jeder Schwurr wollene Unterkleider tragen; alles starke Schnüren durch Korsetts und straff zusammengebundene Unterrocksbänder muß unter allen Umständen vermieden werden. Ebenso ist gebärmutterkranken Frauen das Wohnen in kalten und feuchten Räumen, in Souterrains und Neubauten gänzlich zu verbieten, da eine gesunde, sonnige und trockene Wohnung für Heilung derartiger Krankheiten ganz unumgänglich erforderlich ist. Unter den angeborenen Gebärmutter-Ranael und d sind am wichtigsten der vollständige Mangel und die Verkümmerung der Gebärmutter, welche selbstverständlich dauernde Unfruchtbarkeit zur Folge haben, und die Verdoppelung der Gebärmutter, bei welcher der äußerlich normale Fruchthalter durch eine Längsscheidewand im Innern in zwei bald vollständig, bald unvollständig getrennte Hälften geteilt wird und mit welcher nicht selten auch eine Verdoppelung der Scheide verbunden ist. Ist nur die eine Hälfte der Gebärmutter einseitig entwickelt, so entsteht der sog. einhörnige Uterus, während der sog. zweihörnige dadurch zu Stande kommt, daß die beiden für sich entwickelten Gebärmutterhälften in ihrem untern Teile miteinander verwachsen sind. Bei den eben genannten Entwickelungsfehlern der Gebärmutter können die Funktionen der letztern in ganz normaler Weise von statten gehen. Von den erworbenen Gebärmutterkrankheiten kommen am häufigsten vor die verschiedenartigen Entzündungen, die Lageveränderungen der Gebärmutter, d. h. Abweichungen von der normalen Lage derselben, nämlich der Vorfall, die Neigungen und Knickungen, die Umstülpung und die Emporzerrung der G., sowie endlich gewisse Geschwülste und Neubildunen, welche die mannigfachsten Beschwerden zur Folhe haben können. Die Entzündun 2— der Gebärmutter kommen sowohl während der Schwangerschaft und des Wochenbettes, wo das so überaus gefährliche Kindbettfieber (s. d.) verursachen, als auch im nichtchwangern Zustande vor und nehmen je nach ihrer usbreitung und Intensität einen 0 verschiedenartigen Berfauf. Eine sehr häufige Form der Entzündung ist der Katarrh der Gebärmutterschleimhaut, welcher mit mehr oder minder erheblicher Schleimabsonderung verbunden ist und entweder akut oder chronisch verläuft. Der akute Katarrh, bei welchem gewöhnlich gleichzeitig auch Scheidenkatarrh vorhanden ist, entsteht am häufigsten durch lötzliche Unterdrückung der Menstruation, durch tarke Erkältungen kurz vor oder während der Menstruation, durch übermäßigen Geschlechtsgenuß oder Ansteckung mit Trippergift; eine besondere Disposition zu solchen Katarrhen pflegen schwächliche, blutarme und bleichsüchtige, nervöse und skrofulöse Frauen zu besitzen. Die hauptsächlichsten Symptome betehen in einem Gefühl von Wärme und Völle im Unterleib, wohl auch schmerzhaften Empfindungen in der Becken⸗ und Lendengegend, Harndrang und Abgang eines zähen, anfangs durchsichtigen, später trüben und milchweißen Schleims; bei heftigem Katarrh kann auch vorübergehendes Fieber vorhanden sein. Bei vollkommener Ruhe und Schonung, lauen Bädern oder lauen Einspritzungen von 1110 oder Leinsamenthee, warmen Umschlägen oder feuchten Einpackungen auf den Unterleib geht der Katarrh gewöhnlich nach 8—14 Tagen in Genesung über, während bei Vernachlässigung sich meist die chronische Form aus ihm entwickelt, die unter dem Namen des Weißen Flusses oder der Leukorrhöe bekannt ist. Hier ist der Schleim- und Eiterabgang ucht so set sehr reichlich und hartnäckig und gar nicht so selten tritt nach längerm Bestehen der Krankheit hochgradige Abmagerung, Blutarmut, trübe und melancholische Gemütsstimmung oder Hysterie ein, durch welche solchen Kranken und ihrer Umgebung das Leben sehr verbittert wird. Beim chronischen Gebärmutterkatarrh kann oft nur von einer konsequenten und verständigen örtlichen Behandlung, die natürlich ausschließlich Sache des Arztes ist, und von der allmählichen Kräftigung der gesamten Konstitution der Kranken durch kräftigende animalische Kost, gute reine Gebirgsluft, Sol⸗ oder Seebäder und den innerlichen Gebrauch des Eisens Heilung oder doch zum mindesten Besserung erwartet werden. Bei der Gebärmutterentzündung im 1580 Sinne (Metritis parenchymatosa) ist nicht bloß die Schleimhaut, sondern das ganze Organ entzündet, geschwollen, ungemein blutreich und schmerzhaft. Die Krankheit geht entweder in Genesung über, indem der Fruchthalter zu seiner normalen Größe und Beschaffenheit zurückkehrt, oder sie führt zu einer bleibenden Bindegewebsvermehrung und die Gebärmutter bleibt dauernd vergrößert und verhärtet, oder endlich es kommt zur Bildung von Abscessen, die nach den benachbarten Organen oder in die Bauchhöhle durchbrechen und Bauchfellentzündung oder langwierige Eiterungen zur Folge haben können. Die hauptsächlichsten Symptome sind hohes ieber, meist mit Schüttelfrösten und heftigen chmerzen in der Tiefe des Beckens, die nach den verschiedensten Richtungen ausstrahlen und durch Druck auf den Leib erheblich gesteigert werden; häufig sind damit übelkeit und Erbrechen, Harndrang und Blutabgang vorhanden. Die Krankheit handlung: horizontale Lage im Bett, strengste Diät, Abführmittel und örtliche Blutentziehungen durch Blutegel, die man am Scheidenteil der Gebärmutter ansetzt; im weitern Verlauf feuchtwarme Umschläge zur Beförderung der Auffaugung. Diechronische Gebärmutterentzündung, auchschronische Anschoppung oder Infarkt der Gebärmutter genannt, cnisteht meist durch andauernden Blutandrang nach dem Gebärorgan linfolge unmäßigen Geschlechtsgenusses, falscher Lagerung der Gebärmutter, Klappenfehler am Wolten Lungenemphysem u. dgl.) oder nach wiederholten Fehlgeburten, sowie durch unzweckmäßiges Verhalten im Wochenbett und stellt sich als eine oft beträchtliche Vergrößerung und Verhärtung der ganzen Gebärmutter oder auch wohl nur des Scheidenteils derselben dar. Die Symptome, welche der chronische Infarkt verursacht, sind sehr verschieden; während er bisweilen ohne wesentliche örtliche und allgemeine Störungen verläuft, verursacht er in andern Fällen allerhand subjektive Beschwerden und mancherlei Störungen der Geschlechtsfunktionen (Kreuzschmerzen, Gefühl von Schwere und Druck im Becken, namentlich beim längern Gehen und anhaltendem Stehen, hartnäckige Stuhlverstopfung, Harndrang, Störungen der Menstruation, Magenbeschwerden u. dgl.); nicht selten stellen sich auch allgemeine Schwäche, Abmagerung, Nervosität und Hysterie ein. Der Verlauf der Krankheit ist immer ein s 0 langwieriger; häufig wechseln Besserungen mit Verschlimmerungen ab. Die Behandlung besteht in zeitweiligen Blutentziehungen, milden Abführmitteln, warmen Sitz- und Vollbädern und der lauwarmen Gebärmutterdouche; eines besondern Rufs gegen dieses lästige Übel erfreuen sich Badekuren in Marienbad, Kissingen, Homburg, sowie bei gleichzeitiger Blutarmut der Gebrauch der Stahlquellen von Elster, Bocklet, Schwalbach, Pyrmont, Franzensbad u. a. Die Entzündung des Bauchfellüberzugs der Gebärmutter wird als Perimetritis, diejenige des lockern Zellgewebes in der Umgebung der Gebärmutter als Parametritis bezeichnet; beide kommen vorzugsweise im Wochenbett (s. d.) vor. Unter den Lageveränderungen der Gebärmutter ist der Gebärmuttervorfall (prolapsus uterh ein ebenso häufiges wie lästiges Übel; dasselbe besteht im Anfang nur in einem allmählichen Herabsinken der Gebärmutter in die Höhle der Mutterscheide (sog. Tiefstand oder Senkung der Gebärmutter, descensus uteri), während bei den höhern Graden des Vorfalls der Scheidenteil der Gebärmutter äußerlich zwischen den großen Schamlippen hervortritt oder gar die vorgefallene Gebärmutter samt der umgestülpten Scheide als bläulichrote, pralle, schmerzhafte Geschwulst außerhalb der Schamspalte gelegen ist. Ein solcher Gebärmuttervorfall entsteht infolge eintretender Erschlaffung der Gebärmutterbänder und der Mutterscheide entweder plötzlich, wenn frisch entbundene Frauen zu früh das Bett verlassen und sich wohl gar schwerer Arbeit unterziehen, oder allmählich, außerhalb des Wochenbettes, infolge anhaltender schwerer körperlicher Arbeit, Heben schwerer Lasten u. dgl. Der Gebärmuttervorfall ist ein außerordentlich lästiges und ekelhaftes übel, welches die Kranken zu jeder angestrengten Thätigkeit unfähig macht und die mannigfachsten Beschwerden verursacht; infolge der beständigen Reibung, welche der bloßliegende Schleimhautüberzug des Vorfalls beim Gehen und Sitzen erfährt, sowie der andauernden Verunreinigung mit Harn und Kot bilden sich Geschwüre oder selbst brandige Abstoßungen an der Gebärmutter und an der Scheide und werden beständige entzündliche Reizungen hervorgerufen, die sich durch peinigende Schmerzen, Blutflüsse und übelriechende ätzende Schleimabgänge zu erkennen geben. Die Behandlung besteht darin, daß man die vorgefallene Gebärmutter in ihre normale Lage zurückbringt und in dieser durch gewisse mechan. Vorrichtungen, die sog. Mutterkränze oder Pessarien und die Mutterhalter oder Hysterophore, erhält. Bei den Neigungen oder Versionen der Gebärmutter ist die letztere als Ganzes entweder nach vorn (Anteversion) oder nach hinten (Retroversion) umgelegt, ohne daß ihre Form dabei verändert ist, während bei den Knickungen oder Beugungen (Flexionen) der Gebärmutter die letztere in der Gegend des Halses eine Knickung derart erleidet, daß die Achse des Gebärmutterkörpers mit der des Cervicalkanals einen mehr oder minder spitzigen Winkel bildet; dabei ist der Grund der gebeugten Gebärmutter entweder nach vorn (Anteflexion) oder nach hinten (Retroflexion) gerichtet. Die Ursache dieser Lageveränderungen liegt teils in einer abnormen Schlaffheit der Gebärmutter und ihres Befestigungsapparats, teils darin, daß die übermäßig angefüllte Harnblase oder der durch Kotmassen anhaltend überfüllte Mastdarm unter gewissen Umständen die Gebärmutter aus ihrer normalen Lage drängen können. Die Beschwerden sind sehr mannigfach und können den Kranken durch ihre Hartnäckigkeit allen Lebensgenuß verkümmern; die hauptsächlichsten Symptome sind heftige Kreuzschmerzen, Menstruationsstörungen der verschiedensten Art, Harnbeschwerden, Schleimabgänge, zen und Verdauungsstörungen: häufig sind auch Unfruchtbarkeit, Blutarmut, Hysterie und andere nervöse Beschwerden vorhanden. Die Behandlung besteht auch hier in der Aufrichtung des geneigten oder gebeugten Fruchthalters und in der Anwendung mechan. Unterstützungsmittel (Pessarien, Hysterophore u. dgl.), durch welche die aufgerichtete Gebärmutter in ihrer normalen Lage möglichst unterstützt und erhalten wird. Die Umstülpung oder Inversion der Gebärmutter kommt gewöhnlich kurz nach der Entbindung durch gewaltsames Zerren an der Nabelschnur oder ungebührlich starkes Pressen zu Stande, indem der Grund der schlaffen Gebärmutter durch den weiten Muttermund hervortritt und schließlich eine vollständige Umstülpung der Gebärmutter und der Scheide nach außen erfolgt. Gewöhnlich zeigen heftige Leibschmerzen, Erbrechen, Blutung, Ohnmacht, Angstgefühl und andere bedrohliche Symptome den Eintritt dieser gefährlichen Krankheit an. Die Behandlung erfordert die schleunige Reposition der umgestülpten Gebärmutter, indem der Geburtshelfer die letztere mit der Hand nach oben drängt und in ihre normale Lage zu bringen sucht. Bei der Emporzerrung oder Elevation der Gebärmutter wird die letztere durch allmählich wachsende Geschwülste oder durch Verwachsungen mit dem Bauchfell nach oben in die Höhe gezerrt; besondere Beschwerden sind bei dieser Lageveränderung gewöhnlich nicht vorhanden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 606Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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