Genie (militärisch, frz. génie, span., ital. genio, vom mittelalterlich-lat. ingenium [span. engeno, ital. ingegno], Kriegsmaschine, davon abgeleitet span. engenero, ital. ingegnero, altfrz. angenier, später ingenieur, Erbauer von Kriegsmaschinen (deutsch: Werkmeister], späterhin mit Kriegsbaumeister gleichbedeutend) ist die Bezeichnung für das technische Personal eines Heeres, welchem die militärischen Bauten im Frieden und im Kriege obliegen. Geniewesen ist die Benennung des betreffenden Dienstzweigs. Das Geniekorps oder Ingenieurkorps besteht lediglich aus Offizieren (Genie⸗ oder Ingenieuroffizieren), welche mit dem Entwurf und der Leitung der baulichen Ausführung von Festungen, Festungswerken und sonstigen Militärgebäuden, wie Kasernen, Magazinen u. s. w. betraut sind, den technischen Dienst beim Angriff und bei der Verteidigung der Festungen versehen und fortifikatorische sowie Brücken⸗, Wege- und Lagerbauten, sowie Zerstörungen im Felde —OI leiten haben. Zur Ausführung der letztern Aufgaben, welche in der Machtsphäre des Gegners zu geschehen hat, dienen, insoweit besondere Kunstfertigteit dabei vorausgesetzt wird, technische Truppen, auch Genietruppen oder Pioniere genannt, welche von Genieoffizieren befehligt werden. Der Dienst der Genietruppen läßt sich der Hauptsache nach in drei Richtungen gliedern: 1) Feldbefestigung und oberirdische Anlagen im Festungskriege, 2) unterirdische Anlagen im Festungskriege (Minen), 3) Kriegsbrückenbau. Genietruppen, welche vorherrschend für den Dienst ad 1 ausgebildet sind, heißen Sappeure, ad 2 Mineure, ad 3 Pontoniere. In neuerer Zeit ist hierzu noch der Dienst als Telegraphen⸗ und als Eisenbahntruppen getreten. Auch gehören um Geniewesen die Taubenpost und die Luftschiffahrt, insofern letztere schon als ein Kriegsmittel betrachtet werden kann, wohingegen das mit dem Geniewesen verwandte Torpedowesen, insoweit es sich auf die Küstenverteidigung bezieht, der Kriegsmarine anheimfällt. In Bezug auf die Scheidung der Genietruppen nach den einzelnen Dienstzweigen herrschen in den Heeren der verschiedenen Staaten noch erhebliche Verschiedenheiten. Im Deutschen Reiche existieren an Genietruppen 19 Pionierbataillone, jedes Bataillon 4 Kompagnien stark, davon die 1. bis 3. Feldpionierkompagnien, die 4. Mineurkompagnie heißt. Die Feldpionierkompagnien sind vorherrschend für den Felddienst und das Pontonierwesen, die Mineurkompagnie für den Festungskrieg ausgebildet. Im Kriege werden aus jeder Mineurkompagnie 2 Festungspionierkompagnien, bei einigen Bataillonen auch eine Anzahl Telegraphenabteilungen gebildet. Dem Chef des Generalstabes der Armee unterstellt ist das Eisenbahnregiment zu 2 Bataillonen und die königl. bayr. Eisenbahnkompagnie. Dem Generalinspecteur des Ingenieurkorps und der Festungen sind die Pioniertruppen unterstellt. In Osterr eich-Ungarn existieren 2 Genieregimenter und 1 Pionierregiment, jedes 5 Bataillone zu 4 Kompagnien stark. Das Pionierregiment ist ausschließlich für den Feldkrieg, und zwar zum Bau von Kriegsbrücken und Kommunikationen, zum Zerstören solcher, sowie zur Mitwirkung beim Bau von Feldbefestigungen und zum Feldtelegraphen- und Eisenbahndienst bestimmt. Die Genieregimenter sind vorherrschend für den Bun won krieg bestimmt, werden aber auch beim Bau von Feldbefestigungen und Feldbrücken, sowie im Eisenbahndienst verwendet. Die Bildung eines Eisenbahn- und Telegraphenregiments ist 1883 hefohlen worden. Die Pioniere unterstehen dem Chef des Generalstabes, die Genieregimenter dem Generalgenieinspektor. Rußland hat 16 Sappeurbataillone zu 4 Kompagnien und 6 Pontonierbataillone zu 2Kompagnien. In Frankreich bestehen zum Sappeur- und Mineurdienst 4 Regimenter Sappeurs-Mineurs (früherhin als Genieregimenter bezeichnet) zu 5Bataillonen à 4 Kompagnien und 1 Eisenbahnarbeiterkompagnie. Der Pontonierdienst wird durch 2 Regimenter artillerieö-pontonniers à 14 Kompagnien versehen, welche zur Artillerie gehören. Italien hat 4 Genieregimenter, davon Nr. 1 und 2 zu 14 Sappeurkompagnien, Nr. 3 zu 4 Sappeur-⸗, 6 Telegraphen-, 4 Eisenbahnkompagnien, Nr. 4 zu 8 Pontonier⸗ und 2 Lagunenkompagnien; Regiment Nr. 1—3 haben je 2, Nr. 4 hat 4 Trainkompagnien. Großbritannien hat 40 Ingenieurkompagnien. Geschichtliches. Die Römer hatten gegen Ende der Republik bei jedem Heere ein organisiertes Korps technischer Truppen, fabri genannt, welche die gewöhnlichen Kriegswerkzeuge in Stand hielten, den Belagerungs- und Verteidigungsapparat, Geschütze und Brücken konstruierten und die unterirdischen Gänge anlegten. Ihr Befehlshaber war der unmittelbar unter dem Feldherrn stehende praefectus fabrorum. Das Mittelalter kennt keine technischen Truppen; Mengen von Schanzbauern folgten den Heeren, um Wege herzustellen und die Lager zu verschanzen. Belagerungsmaschinen und Kriegsbrücken wurden durch Zimmerleute, unterirdische Gänge durch Bergknappen hergestellt. Bei den deutschen Landsknechten (um 1500) finden sich die Anfänge eines organisierten Geniewesens, welches aber, ähnlich wie die Artillerie jener Zeit, mehr eine Zunft als eine Truppe bildete und zu jener gerechnet wurde. Dem Feldzeugmeister oder Chef der Artillerie unterstand der Schanzmeister, der Schanzbauerhauptmann mit den Schanzbauern, der Brückenmeister mit den Zimmerleuten und Erzknappen. Ihre Obliegenheiten waren Wege⸗, Brücken⸗, Lager⸗ und Schanzenbau, sowie die Anlage der Laufgräben vor Festungen. Der Mineurdienst gehörte zur Feuerwerkerei und lag den Büchsenmeistern ob. In den roman. Heeren finden sich schon vor 1500 Arbeitertruppen, guastatori (ital.), guastadores (span.), gastadours (frz.) genannt (von guasto beziehungsweise degast [dégaàts, Zerstörung). Sie waren nicht bloß Zerstörer, Een hatten diich Schanzen- und Wegebau zu leisten, erfreuten si aber, wie schon der Name besagt, keines besondern Rufs. In Frankreich findet sich um 1550 die Bezeichnung pionniers (von pion, Bauer im Schachspiel), worunter man aber zunächst die zur Geschützbedienung bestimmten Arbeiter verstand (im Deutschen Schneller genannt). Häufig dienten auch die Schanzbauern zur Aushilfe bei den Geschützen. Zur Leitung des Festungsbaues und der Geniearbeiten im Festungskriege nahmen die Fürsten Ingenieure in Sold, meist ohne militärischen Rang. Sie wurden auch Man Landmessen und zu Civilbauten verwendet. Man bezog sie in der Regel aus den Ländern, welche für den Festungsbau tonangebend waren, so anfänglich aus Italien und den Niederlanden, später aus Frankreich. Heinrich IV. von Frankreich ließ durch Sully 1603 die Ingenieurs in ein Korps vereinigen. Gustav Adolf von Schweden hatte ein mit dem Generalstabe vereinigtes uiende zerßel. welches in Feld- und Festungsingenieure zerfiel. Gegen Ende des 17. Jahrh. entstehen die ersten Formationen von Genietruppen, bleiben aber noch einem vielfachen Wechsel unterworfen; so wird in Frankreich 1679 ein Mineurkorps, in Brandenburg 1690 eine Mineurkompagnie errichtet, letztere zur Artillerie gehörig. Geniekorps im heutigen Sinne entstehen in Frankreich durch Vauban (s. d.), in Preußen 1729 durch Friedrich Wilhelm J., in Ssterreich durch Karl VI., in Sachsen durch August II. Den Offizieren des preuß. Ingenieurkorps lag es ob, als Kriegsbaumeister, als Ingenieure im Felde, ferner bei der Landesaufnahme und bei Feldoperationen im Sinne des Generalstabes zu dienen, mit dem das Ingenieurkorps in engem Zusammenhange stand. Bis 1806 war der Chef des Ingenieurkorps auch Chef des Generalquartiermeisterstabes. Zur Ausbildung der Ingenieuroffiziere wurden Ingenieurschulen errichtet, so in Ssterreich Unter Karl VI. 1717 Ingenieurakademien zu Wien und Brüssel, in Sachsen 1742 zu Dresden, in Wotsdam. 1750 zu Mezieres, in Preußen 1788 zu Potsdam. Im 18. Jahrh. entstehen Pontonierkorps, so 1715 in Preußen eine Kompagnie, welche zur Artillerie gehörte, 1747 in Ssterreich zwei Pontonierkompagnien, 1766 erschien ebenda das erste Brückenreglement. Friedrich d. Gr. errichtete 1742 vorübergehend ein Pionierregiment welches Mineure und Pontoniere in sich aufna m. Nach Auflösung des Regiments traten die Pontoniere ur Artillerie zurück, das Mineurkorps wurde selbständig onailon In Ssterreich entstand 1758 ein Pionierbataillon, aus dem nach mannigfachem Wechsel die heutigen österr. Pioniere hervorgegangen sind. Im J. 1760 wird hier Minmrerps korps errichtet, das später mit dem Mineurkorps dem Geniekorps einverleibt wird. Meistenteils bleibt aber das Sappieren noch Sache der Artillerie oder es wird den Mineuren übertragen. Das 19. Jahrh. führt allmählich zu den heutigen 3 hunertom9e o werden in Preußen 1810 drei ionierkompagnien errichtet, die alle drei Dienstzweige in sich vereinigen. Es tritt damit eine i änzliche Trennung von der Artillerie ein. Die ioniere treten mit dem Ingenieurkorps in Zusammenhang, und letzteres wird vollständig vom Generalstabe geschieden. An andern Orten erhielt sich das Pontonierwesen noch längere Zeit als weig der Artillerie, wie es in Frankreich noch eute der Fall ist, wenngleich gewichtige Stimmen ch dagegen erheben. Ähnlich der gegenwärtig vielfach vollzogenen Trennung der Artillerie in eld⸗, Festungs⸗ und technische Artillerie wird auch ür eine schärfere Sonderung der Genietruppen in Riach für den —7 und solche für den Festungsienst, sowie für eine Abtrennung der für den Ganteteuppe bestimmten Genieoffiziere von den enietruppenoffizieren das Wort geredet. Litteratur. Bonin, «Geschichte des Ingenieurkorps und der Pioniere in Preußen » (Berl. 1878); Brinner, «Geschichte des k. k. Pionierregiments » (Wien 1878). Genie⸗ oder Jngenieurbelagerungstrain, s. unter Festungskrieg, Bd. VI, S. 7374.