Gervinus (Georg Gottfried), ausgezeichneter deutscher Geschichtschreiber, geb. 20. Mai 1805 zu Darmstadt, besuchte anfangs das dortige Gymnasium, 860 dasselbe aber nach der Konfirmation, um als Lehrling erst in eine Buchhandlung zu Bonn, bald darauf in ein kaufmännisches Geschäft seiner Vaterstadt einzutreten. Schon während seiner fünfjährigen Lehrzeit fühlte er sich besonders zum Studium der deutschen Litteratur hingezogen, und 5„ 3 Beendigung derselben faßte er den Entchluß, sich Hon den Wissenschaften zu widmen. ach kurzer Vorbereitung begann er 1824 den Besuch der Vorlesungen zu Gießen und bezog Ostern 1825 die Universität zu Heidelberg, wo er durch Schlosser für die histor. Studien gewonnen wurde. Nachdem er seit 1828 zwei 7 lang als Lehrer an einer Erziehungsanstalt zu Frankfurt a. M. gewirkt, kehrte er nach Heidelberg zurück, wo er sich mit der Schrift 4Geschichte der Angelsachsen im Überblicko (Frankf. 1830) habilitierte, ohne jedoch Vorlesungen zu halten. Er ging 1831 auf ein ahr nach Italien. Seine „Histor. Schriften (Bd. 1, Frankf. 1833) erregten die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten und erwarben ihm 1835 zu Heidelberg eine außerord. Professur. Sein erstes auptwerk Die Geschichte der poetischen Nationalitteratur der Deutschen » (5 Bde., Lpz. 1835 — 42), das in seiner vierten umgearbeiteten Auflage (5 Bde., Lpz. 1853) den Titel 4Geschichte der deutschen Dichtung » (5. Aufl., herausgeg. von Bartsch, Lpz. 1871 — 74) erhielt, erregte ungemeines Auf-Daulie da der Grundgedanke dieses Werks, die eutsche Litteratur in den engsten Zusammenhang mit der nationalen Entwickelung, dem polit. Leben und den gesamten Kulturzuständen zu bringen, hier zum ersten male durchgeführt war. Einen Auszug daraus lieferte G. in dem (Handbuch der Geschichte der poetischen Nationallitteratur (4. Aufl., Lpz. 1849). Auf Dahlmanns Empfehlung war er inzwischen 1835 als ord. Professor der Geschichte und Litteratur nach Göttingen berufen worden und hatte Ostern 1836 sein Amt angetreten. In seinen durch Präcision der Darstellung, Fülle der Sachkenntnis und Tiefe der Auffassung ausgezeichneten „Grundzügen der Historiko (Lpz. 1837) suchte er die hilof. E. des Geschichtschreibers nicht allein durch philos. Ergründung darzulegen, sondern auch historisch zu entwickeln. Das Charakterbild, welches er in seiner Schrift «über den Goetheschen Briefwechsel» (Opz. 1836) aufstellte, ist ein Muster histor.⸗ästhetischer Kritik. Die epische Dichtung „Gudruno, von der er (Opz. 1836) einen Probegesang anonym erscheinen ließ, ist Fragment —1. ebenso wie die 4«Geschichte der Zechnsty in seinen «Kleinen historischen Schriftenv Garlsr. 1838), in der er zeigen wollte, wie die Kultur der Völker mit der Pflege des Weinstocks Hand in Hand gehe. Als Mitunterzeichner der Protestation der sieben göttinger Prosessoren wurde G. durch Kabinettsordre vom 14. Dez. 1837 seines Amtes entsetzt, und zwar, weil durch ihn die Protestation ins Publikum gekommen war, mit der Schärfung, binnen drei Tagen das Land zu verlassen. Nach seiner Vertreibung lebte G. zu Darmstadt, dann in Heidelberg; im Frühjahre 1838 machte er eine Reise nach Italien. Nach der Rückkehr lebte er wieder in Heidelberg, wo er 1844 als Honorarprofessor bei der Universität eintrat und wieder Vorlesungen begann. Mit Vorliebe den polit. und nationalen Angelegenheiten Deutschlands sich zuwendend und voll Eifer, durch publizistische und journalistische Arbeiten das politische Bewußtsein des schriten: Volks anzuregen, verfaßte er die Flugschriften: „Mission der Deutschkatholiken» (Heidelb. 1845), „Die prot. Geistlichkeit und die Deutschkatholiken (Heidelb. 1846), die «Heidelberger Adresse an die Schleswig-Holsteiner v (Hamb. 1846), welche den Anstoß zu einer sich über ganz Deutschland ausbreitenden Agitation gab, und Die preuß. Verfassung und das Patent vom 3. Febr.» (Mannh. 1847). Unmittelbarer und frischer griff G. noch in den Gang des polit. Lebens ein, seit er, von Mathy, Mittermaier und Häusser unterstützt, im Raramdet die »Deutsche Zeitung in Heidelberg egründet und darin ein ausgezeichnetes Organ für die eine bundesstaatliche Gestaltung Deutschlands erstrebende Partei geschaffen hatte. G. redigierte das Blatt bis zum Aug. 1848. Von den Hansestädten als Vertrauensmann zum Bundestage .— und von einem Wahlbezirke der preuß. Provinz Sachsen in die Nationalversammlung gewählt, trat er, durch den Gang der polit. Verhandlungen verstimmt, bereits im Aug. 1848 aus der Versammlung aus, und erst nach einer mehrmonatlichen ——¹ nach Italien nahm er (1849) wieder lebhaften Anteil an den öffentlichen Dingen, indem er in einer Reihe von meisterhaften, in der „Deutschen Zeitung erschienenen Aufsätzen die deutsche Verfassungsfrage behandelte. Der traurige Ausgang der Angelegenheiten in Frankfurt zog ihn von der polit. Thätigkeit fast völlig ab. Er nahm frühere vieljährige Studien wieder auf, deren Frucht das geistvolle Buch über «Shakspearev (4 Bde., Lpz. 1849 — 50; 4. Aufl. 1872) war. Doch kehrte er bald wieder zur polit. Geschichte zurück, veröffentlichte die «Einleitung in die Geschichte des 19. Jahrh. » (Lpz. 1854) und ein Jahr nachher den ersten Band der 4Geschichte des 19. Jahrh. seit den Wiener Verträgeno (8 Bde., Lpz. 1856—66). Die erstere Schrift zog dem Verfasser einen Prozeß wegen Hochverrats und polit. Agitation zu, der mit einer partiellen Verurteilung begann und mit einer Cassation dieses Urteils endete; das zweite Werk, welches mit der Julirevolution abschließt, wurde beim Erscheinen der ersten Bände mit großem Beifall aufgenommen, ließ dann wegen der Ausführlichkeit, mit der im dritten Bande die Revolutionen der südamerikan. Staaten geschildert wurden, den Leser ziemlich gleichgültig, erregte neues Interesse durch die Schilderung der Revolutionen und Freiheitskämpfe in Italien, Spanien und Griechenland und fand Vorre den stärksten Widerspruch, als G. in der orrede zum achten Bande seiner Verstimmung über den Gang der polit. Angelegenheiten Deutschlands offenen Ausdruck gab und deutsche Kleinhegemonische Stellung in Gese nahm. Doch hat auch hier, wie mit seiner «Geschichte der deutschen Dichtung, G. bahnbrechend gewirkt und zur Erweckung des nationalen Bewußtseins ungemein viel beigetragen. Sein Verdienst ist um so größer, terial nicht in genügender Weise zu Gebote stand. Daß er seinen doktrinären Liberalismus zu sehr zur Schau trug und die Tbenlettelr mit zu vielen Reflexionen begleitete, wird seinen spätern polit. Schriften fast allgemein zum Vorsoph gemacht. In seinem Nekrolog Friedr. Chrioph Schlossersv (Lpz. 1861) sprach er sich über ie Aufgaben des Geschichtschreibers aus. Als letzte größere Arbeit veröffentlichte er Händel und Shakspeare. Zur Asthetik der Tonkunstv (Lpz. 1868). Am 18. März 1871 starb er nach kurzer Krankheit in Heidelberg. Die nach seinem Tode herausgegebenen Hinterlassenen Schrifteno (Wien 1872) enthalten zwei Aufsätze: «Denkschrift zum Frieden an das preuß. Königshauso und „Selbstkritikꝰ. Aus seinem Nachlasse gab die Witwe des Verstorbenen KHändels Oratorientexte, übersetzt von G. » (Berl. 1873) heraus. Vgl. C. Braun, «Gegen Georg Gottfried G. (Lpz. 1871). Als Versuche zu einem Gesamtbilde der ganzen Gade⸗ G.': Zeller, «Gottfried G. (Lpz. Lehr osche, KGervinus » (2. Aufl., Lpz. 1871); Lehmann, „Georg Gottfried G. Versuch einer Charakteristiko (Hamb. 1871); H. Rückert in „Unsere Zeit (Lpz. 1871). und Reichstagsabgeordneter, geb. 2. Mai 1820 in Karlsruhe, besuchte das Lyceum und die Polytechnische Schule daselbst, wurde seit 1840 bei der Oberdirektion des bad. Wasser⸗ und Straßenbaues verwendet, 1851 zum Assessor, 1853 zum Baurat, 1863 zum Oberbaurat und 1871 zum Baudirektor ernannt. Von 1850 bis 1857 war er zugleich Direktor der Uhrmacherschule in Furtwangen und damit betraut, die verschiedenen Zweige der häuslichen Gewerbthätigkeit des Schwarzwaldes fördern, wie Uhrmacherei, Strohflechterei, Holz schnitzerei u. s. w. Schon 1863 — 64 ch ein gemeinsam mit dem Oberbaurat von Beckh ein Gutachten über die Gotthardbahn und mit dem Vorstande der württemb. Eisenbahnbaukommission, von Klein, ein Gutachten über das Projekt der Lukmanierbahn ab, und 1869 war er einer der bad. Bevollmächtigten zur internationalen Gotthardkonferenz in Bern. Beauftragt, die Trace für die Verbindung der Kinzigthalbahn Offenburg-Hausach mit dem Bahnstrange Villingen-Donaueschingen-Immendingen aufzustellen, entledigte sich G. dieser Aufgabe mit solchem Geschick, daß diese nach seinem hen un 1868 — 73 ausgeführte Bahn sich den kühnsten und interessantesten urde G bahnen zur Seite stellt. Im J. 1872 wurde G. mit der Oberleitung des Baues der Gotthardbahn betraut und stand diesem Posten vor bis 1875, wo er ihn hauptsächlich infolge von technischen Meinungsverschiedenheiten mit dem Bauunternehmer Favre niederlegte und als Oberbaudirektor die technische Leitung des gesamten bad. Eisenbahnwesens übernahm. G. ist Mitglied des bad. Landtags und seit 1875 des Deutschen Reichstags als Vertreter des bad. Wahlkreises Donaueschingen; er gehört der nationalliberalen Partei an.