FeedGesichtstäuschungen
AllerleiBrockhaus 1882

Gesichtstäuschungen bilden im weitern Sinne einen Teil der Sinnestäuschungen. Während des Schlafs können dieselben in der der u des Traumse, während des Wachens in der der 4Hallucination- und der KIllusiono auftreten. 3 allen mit diesen Namen bezeichneten Zuständen begegnen wir Sinnesthätigkeiten, welche entweder ausschließlich durch subjektive Reize angeregt, scheinbar objektive Gestaltung gewinnen, oder welche, obwohl durch einen äußern, sog. adäquaten Sinnesreiz eingeleitet, zu Empfindungen, Anschauungen und Vorstellungen führen, deren Inhalt der einwirkenden Erregungsform nicht mehr entspricht. Ganz . kann man einen Teil dieser Erscheinungen auch mit dem Namen der „Sinnesdelirieno bezeichnen. Während die genannten Ausdrücke auf alle Sinne in gleichem Maße anwendbar sind, bezieht sich der Begriff der „(Visiono auf gewisse, ausschließlich durch den Gesichtssinn vermittelte Formen der Täuschung. Die Sinne, in deren Sphäre der Prozeß dieser Täuschungen sich abspielt, können an sich in vollkommen gesundem Zustande sein, und nur die an sie appellierenden Erregungen führen unter dem Einfluß alterierter physischer Erregungszustände im Gehirn, der Ursprungsstätte sämtlicher Sinnesnerven, zu einer Form sinnlicher Reaktion, welche, von den physiol. Normen sich wesentlich entfernend, das Truggebilde gebiert. Andererseits kann die Erkrankung des Sinnes das primäre Moment sein, welches bei gewissen krankhaften Dispositionen der nervösen Centralorgane der Sinnestäuschung ihren konkreten Charakter verleiht. Durch Krankheitsvorgänge bedingte Reizungen der Netzhaut unsers Auges erregen z. B. eine von dem Träger der Erkrankung allein wahrgenommene (subjektive) Lichtempfindung. Diese an sich könnte nur im engern Sinne eine Sinnestäuschung genannt werden, denn obwohl ihr nicht, wie gewöhnlich, eine objektive Lichtquelle als adäquater Reiz gegenübersteht, so manifestiert sich in ihr doch die dem Sehnerven spezifische Form der Erregung durchaus normal. Zu einer eigentlichen Täuschung hallucinatorischen, illusorischen oder visionären Charakters erwächst sie erst dann, wenn etwa anomale Erregungszustände des Hirns sich ihrer bemächtigen und sie zu einem bestimmten Wahngebilde umwandeln. So können bei Geisteskranken die durch Krankheitszustände der Sinne ins Leben gerufenen spezisischen Erregungsformen derselben in engste Beziehung zu dem Inhalt der jene beherrschenden Wahnvorstellungen treten. Als G. im engern Sinne sind diejenigen zu bezeichnen, welche innerhalb der Sphäre des Geschtssinns ohne Intervention eines erkrankten oder ungewöhnlich erregten Gehirns entstehen und ablausen. Gewöhnlich zählt man allerlei durch Erkrankungen des Sehsinns oder Anomalien seines optischen Apparats bedingte Erregungsformen hierher. Kongestivzustände innerhalb des Auges führen, ebenso wie elektrische, chem. oder mechan. Reizungen des Sehnerven, zu Farben⸗ und Feuererscheinungen (Chromopsie, Photopsie), d. h. zu Sinneswahrnehmungen, welche gewöhnlich nur durch eine außerhalb des Auges liegende Reizursache veranlaßt und auf eine solche bezogen werden. Zellige Elemente im Glaskörper des Auges können dadurch, daß sie auf seine Netzhaut kleine Schatten werfen, subjektiv zur Wahrnehmung gelangen (entoptisches und den Eindruck machen, als schwebten kleine Körperchen vor dem Auge in der Luft (Mouches volantes, Skotome). Gegenstände von regelmäßiger Form können verzerrt und verbogen erscheinen (Metamorphopsie), wenn die Krümmungsflächen der brechenden Medien anomal sind, oder wenn die percipierenden Elemente der Netzhaut, die Stäbchen und Zapfen, oder ganze Teile der Netzhaut selbst, in ihrer physiol. Anordnung gestört sind. Vertikale und horizontale Striche von gleicher Deutlichkeit erscheinen bei einer gewissen Anomalie der Strahlenbrechung des Auges (s. Astigmatismus) doch ganz ungleichmäßig deutlich. Gewisse plötzlich eintretende Veränderungen in der Accommodationskraft des Auges oder in der Leistungsfähigkeit der die Konvergenzstellung der Augen realisierenden Muskeln führen dazu, daß die Gesichtsobjekte größer oder kleiner als gewöhnlich gesehen werden (Makropie und Mikropie). Gehemmte Thätigkeit eines Augenmuskels (durch Verwundung, Lähmung u. s. w.) kann bewirken, daß die wahrgenommenen Gegenstände an einen Ort versetzt werden, an welchem sie sich nicht befinden, und daß sie, mit beiden Augen angesehen, doppelt erscheinen. Eine außerhalb des Bewußts eins sich vollziehende (automatische) Augenbewegung täuscht eine Scheinbewegung der Objekte vor. Alle diese Täuschungen, deren Zahl eine unbegrenzte ist, beruhen nicht sowohl auf einer anomalen Reaktion des Sehsinns, sondern vielmehr darauf, daß die Bedingungen bei Übertragung des Reizes auf den Sehsinn teils ungewöhnliche, teils pathologisch veränderte sind. Dieser Kategorie von G. gegenüber ist weiter eine andere aufzustellen, deren Zustandekommen nicht ungewöhnliche oder pathologisch veränderte Zustände des Sehsinns voraussetzt, sondern aus der volltom Natur, man kann auch sagen, aus der Unvollkommenheit, welche jener selbst im Normalzustande zeigt, unmittelbar folgt. Sehen wir z. B. den beim Blitzen in einer zickzackförmigen Bahn sich bewegenden elektrischen Funken als eine zickzackförmige Linie, einen im Kreise schnell geschwungenen feurigen Punkt als einen leuchtenden Kreis, so sind diese Formen der Täuschungen durch eine physiol. Ungenauigkeit der Sehperception, dadurch nämlich drücke dieselbe Wirkung auf das Auge machen, wie ein kontinuierlicher Eindruck. Auf diesem Prinzip beruhen so manche hübsche Spielereien, die Stroboskopische Scheibe, das Thaumatrop u. s. w. Die unter dem Namen der Irradiation zusammenzufassenden Erscheinungen gehören zum Teil auch hierher: es scheinen nämlich unter sonst gleichen Bedin-Kuh n helle Flächen größer zu sein als dunkle. uch das Auftreten von Nachbildern nach längerm Anschauen von Gesichtsobjekten bedarf hier der Erwähnung. Es sind jene positive oder gleichfarbige, wenn sie in der dem entschwundenen Gegenstande gleichfarbigen, negative oder komplementäre, wenn sie in seiner Komplementärfarbe erscheinen. Offenbar liegt auch hier eine Unvollkommenheit zu Grunde, insofern die Reizung selbst die Einwirkung des Reizes überdauert und der Inhalt jener dem des letztern nicht mehr gleich ist (negative Nachbilder). Ferner beruhen auf G. das körperliche Sehen im Stereoskop, die scheinbare Verschiebung der sog. Zöllnerschen Muster, die scheinbare den Gesichtsschwindel wirkende Bewegung der eigenen Person beim starren Hinsehen auf eine bewegte Wasserfläche u. s. w. Sind die genannten Phänomene einzelne Beispiele solcher Täuschungen, welche, weil sie aus der physiol. Natur des Gesichtssinnes emanieren, als streng physiologische Gesichtstäuschungen bezeichnet werden können, so stehen ihnen die optischen Täuschungen im engern Sinne als dadurch bedingte gegenüber, daß die rein optischen Gesetze des Tau' benutzt werden, um mittels derselben gewisse Täuschungen hervorzurufen. So erscheinen z. B. alle durch ein Glasprisma gesehenen Objekte infolge der ½%½ welche die durch dasselbe tretenden Lichtstrahlen erfahren, nach Richtung der Prismenkante hin disloziert. Die scheinbare Vergrößerung bei Anwendung der Loupen oder des Mikroskops, die Konstruktion der Fernrohre, das scheinbare Heranrücken der zu sehenden Gegenstände, welches Kurzsichtige durch das Tragen der Konkaygläser, das scheinbare Fernrücken, welches Presbyopen mit Hilfe der Konvergläser erzielen u. s. w., dies alles ½1U im Grunde auf solchen von einem bestimmten Zweck geleiteten und durch sinnreiche Anwendung der optischen Eigenschaften der hierzu benutzten Apparate auf die optischen Gesetze des Auges erreichten Täuschungen. S. 199.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 909Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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