FeedHallucinationen
HeilkundeBrockhaus 1882

Hallucinationen, eine Kategorie der Sinnestäuschungen (Sinnesdelirien), sind scheinbare (ubjektive) Sinnes⸗(Gesichts⸗, Gehörs- u. s. w.) Wahrnehmungen, die nicht unmittelbar durch die Einwirkung entsprechender äußerer Vorgänge (Licht, Schall u. s. w.) auf die betreffenden Sinnesorgane zu Stande kommen, sondern durch lebhaftes Wiederauftauchen (Reproduktion) von früher wirklich Wahrgenommenem in mehr oder weniger phantastischer Kombination im Bewußtsein. Die H. sind ihrem Wesen nach nahe verwandt mit den Traumbildern, unterscheiden sich aber von letztern dadurch, daß sie im wachen Zustande auftreten, sodaß der Hallucinant neben den Trugwahrnehmungen auch die wirkliche Außenwelt gewahr wird. Am häufigsten sind Gehör-Hallucinationen, z. B. das Hören von lauten Worten (E Stimmen v, wie sich die betreffenden Kranken gewöhnlich ausdrücken), ohne daß wirklich jemand spricht, demnächst auch die Gesichts-Hallueinationen (Visionen), die Wahrnehmung von Gestalten (Menschen, Tiere etc.). Seltener sind Geruchs-, Gechmacks⸗ und Gefühls-Hallucinationen. Die H. sind eine der wichtigsten Teilerscheinungen der Geisteskrankheiten, und zwar besonders einzelner Arten (z. B. der epileptischen Geistesstörung, des Wahnsinns etc.); sie bilden auch einen Bestandteil der „Fieberdelirien » etc.; doch überwiegt hier, wie bei den Delirien im engern Sinne, eine andere Form der Sinnestänschun en, die 4Illusioneny (s. d.), d. h. die falsche Wahrnehmung von wirklich äußerlich Vorhandenem. In seltenen Fällen kommen H. auch bei geistig el Kar vor (z. B. Goethes Selbstvision, Spinoza, ei Künstlern mit lebhafter Phantasie). Im allgemeinen begünstigen geistige und körperliche Erschöpfungszustände (z. B. strenge Ascese) ihre Entstehung, welche wohl immer eine abnorm große Erregbarkeit, beziehungsweise Reizung gewiser Gehirnteile voraussetzt. Die H. haben eine große eacne Bedeutung (Mohammed); insofern der Hallucinant in der Regel vollständig überzeugt ist von der Realität seiner Trugwahrnehmungen, handelt er dem entsprechend, wobei es vielfach zu Gewaltthaten (Mord, Selbstmord u. s. w.) kommt. Mit H. behaftete Personen sind deshalb häufig gemeingefährlich.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 739Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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