FeedAmnesie
HeilkundeBrockhaus 1882

Amnesie (grch., Mangel des Erinnerungsvermögens) wird in doppeltem Sinne gebraucht, für die Unfähigkeit, äußere Eindrücke oder innere, seelische Vorgänge in das Gedächtnis aufzunehmen (Gedächtnisschwäche im engern Sinne, das Nichtfür die Indrüche in in das Gedächtnis aufgenommene Eindrücke in das Bewußtsein zurückzurufen (Erinnerungsschwäche im engern Sinne, das Vergessen «primärer Gedächtnisbildero). Diese Formen sind in Wirklichkeit sehr schwer auseinander1i alten, weil es im gegebenen Falle meist unmögich ist, festzustellen, ob die nichterinnerlichen Erlebnisse u. s. w. überhaupt einen Eindruck auf das Seelenorgan gemacht hatten, oder ob letzterer nur ungewöhnlich rasch wieder ausgeglichen (vergessen) wurde. Die krankhafte Folge manaelhafter Erim engern Sinne ist stets Folge mangelhafter Erregbarkeit der die Wahrnehmungen vermittelnden Gehirnteile und demgemäß Begleiterscheinung sämtsch i Formen von Bewußtseinsstörung. Sie findet sich insbesondere (wie in der Norm bei tiefem traumlosen Schlaf) in Zuständen, wo Bewußtsein, soweit man dies überhaupt beurteilen kann, völlig fehlt (z. B. bei tiefer Wnde oder nur unvollkommen vorhanden ist (Zustände von Bewußtlosigkeit im gerichtlichzmediz. Sinne, wie Fieberdelirien, Gemütsbewegungen Kranten für d tärke u. s. w.). Es kann derartigen Kranken für die ganze Dauer der Bewußtseinsstörung jede Erinnerung völlig fehlen, selbst bezüglich eigener Handlungen, wie Gewaltäkte gegen andere, Selbstmordversuche; oder es wird nur einzelnes erinnert, während das Gedächtnis für die Zeit unmittelbar vor oder nach der Bewußtseinsstörung völlig klar ist. Die Erinnerungsfähigkeit bildet hier innerhalb gewisser Grenzen einen Maßstab für den vorhanden gewesenen Grad von Bewußtseinsstörung und demgemäß auch von Freiheit des Willens. Die Erinnerungsschwäche im engern Sinne, eine häufige Erscheinung im höhern Alter (Amnesia senilis), beruht entweder darauf, daß Gedächtnis. inhalt infolge von Vernichtung der organischen Grundlage im Hirn bleibend verloren gegangen ist, oder darauf, daß irgendwelche Einflüsse die Rückkehr im Gedächtnis noch aufbewahrter Eindrücke ins Bewußtsein hemmen. Letzteres findet sich vorüberbewußt schon bei geringern Störungen des Selbstewußtseins (Angst Verlegenheit), desgleichen bei allen tiefern, welche mit Gedächimsschwäche im engern Sinne einhergehen. Die erstere Form ist Symptom zahlreicher ausgebreiteter Krankheiten des Gehirns, besonders seiner grauen Rindenschicht. Die Erinnerungsschwäche erstreckt —5 in beiden Fällen entweder auf einen Teil der gesammelten Erfahrungen (A. partialis) oder auf alle (A. totalis). Die erstere zeigt sich entweder als Unfähigkeit, einzelne Eindrücke aus allen möglichen geistigen und 3. B.ei Gebieten ins Bewußtsein zurückzurufen (z. B. bei der A. senilis u. a. die Erlebnisse der letzten Jahre, während ältere, besonders Erinnerungen aus ber Jugendzeit, noch fest haften), oder Iehtete r.. df Gedächtni es für einzelne Wissensgebiete, z. B. die Sprache (Verlust des Wortgedächtnisses, s. Sprachstörungen), für ahlen, Melodien, Thatsachen, Personen u. s. w. Die Ursache ist hier die Erkrankung einzelner kleinerer Abschnitte der Großhirnrinde oder angrenzender Teile. Die totale A., welche sich als tiefster Blödsinn darstellt, tritt nur bei Erkrankung des größten Teils der Oberfläche beider oretz, Das Derde ein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 567Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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