Gemeingefühl nennt man alle diejenigen Gefühle und Empfindungen, welche uns von unserm eigenen Innern, von dem Zustand und den Veränderungen unsers eigenen Leibes unterrichten, im Gegensatz zu den objektiven Sinneswahrnehmungen, welche durch äußere Objekte und Vorgänge in uns hervorgerufen und deshalb von uns ohne weiteres auf die Außenwelt zurückbezogen werden. Das G. resultiert aus einer Menge von Einzelgefühlen, die vermittelst der sensitiven, sensibeln oder Empfindungsnerven in unserm Gehirn zum Bewußtsein gelangen und die deshalb von jedem Körperteile ausgelöst werden können, welcher überhaupt Empfindungsnerven besitzt, wogegen alle jene Teile, welche keine Empfindungsnerven enthalten, wie die Haare, die Nägel, die Oberhaut, weder Gefühl besitzen, noch irgend eine Empfindung zu erregen im Stande sind. Im gesunden Zustand leiten die Empfindungsnerven nur so schwache Erregungszustände zum Gehirn, daß unsere Aufmerksamkeit gar nicht durch sie in Anspruch genommen wird; jede stärkere Erregung dagegen wird von uns als unangenehme Sensation, als Schmerz (s. d.) empfunden, und gibt uns Kunde, daß irgendwo im Körper eine arte m des normalen Lebensprozesses, eine 1105 deut Abweichung stattfindet. Am lebhaftesten und deutlichsten sind derartige Gefühlsempfindungen in der äußern Haut und den ihr benachbarten Schleimhäuten, die durch ihre lebhafte Schmerzempfindlichkeit gewissermaßen einen wachsamen Hüter gegen alle den Körper von außen bedrohenden Eingriffe und Schädlichkeiten darstellen. Weiterhin geben die Muskeln, und zwar sowohl die willkürlichen als die unwillkürlichen, die Quelle für verschiedenartige und wichtige G. ab, die man gewöhnlich unter dem Namen Muskelg n und oder des Muskels inns zusammenfaßt. An und für sich sind zwar die gesunden Muskeln gegen die gewöhnlichen Reize unempfindlich, sodaß sie bei Operationen ohne besondere Schmerzempfindung durchschnitten, gequetscht und gedehnt werden können, dagegen besitzen sie eine außerordentlich feine Empfindung für das Gefühl der Anstrengung oder anheit sap welches sich bei fortgesetzter Muskelarbeit selbst bis zum Schmerz steigern kann, und uns mit großer Exaktheit den Zeitpunkt angibt, wann der überanstrengte Muskel der Ruhe und der Zufuhr guten sauerstoffhaltigen Blutes bedarf. Ebenso besitzen unsere Muskeln ein außerordentlich feines und sicheres Gefühl dafür, wieviel Kraft wir aufwenden müssen, um einen uns entgegenstehenden Widerstand zu überwinden. Vermittelst dieses eigenartigen Muskelgefühls, welches man als Kraftsinn zu bezeichnen pflegt, sind wir nicht nur befähigt, die für einen bestimmten Zweck aufzuwendende Muskelkraft jederzeit richtig und genau zu bemessen, sondern auch den Unterschied zweier Gewichte unabhängig vom Tastsinn zu bestimmen, ja sogar bei geschlossenen Augen die gegenseitige Lage unserer Glieder richtig der Muskei Von ganz besonderer Wichtigkeit ist der Muskelsinn bei der Bil⸗ +⁷ der Töne und Sprachlaute innerhalb des Kehlkopfes und in der Mundhöhle, beim Singen und Sprechen, insofern er hier zur Schätzung des zur erforderten Muskelaktion nötigen Impulses von den Nerven aus ganz unentbehrlich ist. Weitere G., die zum großen Teil gleichfalls als Muskelgefühle betrachtet werden können, sind die Empfindungen des Hungers, Durstes, der Sättigung, des Stuhl⸗ und Harndranges; an gewissen Körperstellen nimmt das mit den Gefühlsempfindungen verbundene Lust⸗ und Unlustgefühl ganz eigenartige spezifische Gestalten an, wie die Empfindungen des uckens, des Kitzels, der geschlechtlichen Wollust. uch das Gefühl des Schwindels, der Atemnot, der Beängstigung und Bangigkeit bei Erkrankungen der Lungen und Kreislaufsorgane gehört zu den spezifischen G. 193 emeingeist, soviel wie Gemeinsinn.