Gester Chan, de s. unter Blattwespen. Gesser-Chan, der vornehmste Held einer in mongol. und tibet. Sprache vorliegenden Sage der buddhagläubigen Bewohner Innerasiens. Wie viele seinesgleichen nach ungezählten Seelenwande—⸗ rungen Insasse des Götterhimmels, wird er einmal wieder auf unsere Erde gesandt, um, unter irdischen Bedingungen geboren und ausersehen, das Böse in jeder Gestalt zu bekämpfen und, durch harte Prüfungen bewährt, Selbstherrscher von Tibet zu werden. Die Laufbahn des Gottmenschen beginnt mit einer Art Eulenspiegeleien, zu denen jugendlicher, von üÜberlegenheit eingegebener übermut ihn antreibt, denen aber bald gewaltige Kraftproben und echte Heldenstücke sich anreihen. Seine Großthaten verschaffen ihm bald einen Ruf nach China, dessen tollsinnig gewordenem Herrscher er zum Heile aller Unterthanen verdrießliche, mit Humor gewürzte Streiche spielt. Unterdes zaubert ihm ein zwölfköpfiger Riese auf Anstiften eines G. feindlich gesinnten Oheims eine Krankheit an, und einzige Bedingung der Genesung G.s soll die Entfernung seiner von dem Oheim vergebens umworbenen Gattin 916 Den Wiedergenesenen trägt sein magisches Roß auf den mit Gefahren übersäeten Weg nach der Burg des Riesen, dessen Tötung ihm gelingt. Die edle Aralgo, der Treue ihres G. nicht sicher, will ihn durch Tränke der Vergessenheit für immer an ihre Seite bannen. Bald darauf entsteht aber der blutigste Krieg; denn drei mongol. Stammeshäupter, durch ihre schützenden Genien von der Schönheit einer andern Gattin G.s unterrichtet, wollen diese mit ungeheuerer Heeresmacht für den Sohn des einen von ihnen erobern, während der von Aralgos Tränken gefesselte G. ohne Kunde bleibt, wie Rinaldo auf Armidas Zauberinsel. Die schöne Rogmo wird durch Verräterei den Verbündeten zur Beute, und ihre angestrebte Befreiung kostet fast allen Helden G.s das Leben. Ein von Rogmo an letztern abgeschossener magischer Pfeil befähigt ihn endlich zur Rückkehr, und zwar erscheint er unerkannt, wie der homerische Odysseus, um mit List seiner Heldenstärke den Weg zu bahnen. Mancher Zug der Sage bietet hier mit der griechischen, wie Homer sie erzählt, die überraschendste Ahnlichkeit; auch fehlen nicht Anklänge an finn. Runen. Der endliche Triumph des eingefleischten Gottes über seine Feinde wird ihm eine Zeit lang sehr verleidet, indem die zweimal untreu gewordene Rogmo seine Verwandlung in einen Esel vermittelt. Durch Gegenzauber der Eselshülle wieder ledig, befreit er die Seele seiner vor Gram über diesen Schimpf gestorbenen Mutter nach siegreicher Bekämpfung des Totenrichters und entrückt sie zum Himmel. An das ind. Mutterland des Buddhismus erinnert in der ganzen Gessersage nichts als die mytholog. Einkleidung und mancher den eigentlichen Legenden abgeborgter Zug. Die Menschen, mit denen wir zu thun haben, sind, selbst wenn Götter in ihrer Hülle sich bergen, echte Nomaden und Jäger der Hochlande Innerasiens mit ihrer ganzen Derbheit und Schalkhaftigkeit. Von frommer Ascetik und Selbstpeinigung, von ind. Lebensmüde bleiben Mann und Weib unberührt. Die Charaktere sind mannigfach abgeschattet und jeder bleibt sich gleich bis ans Ende. Den ostmongol. Text der Gesser-Sage ließ J. J. Schmidt in Petersburg im J. 1836 drucken, und 1839 folgte eine deutsche Übersetzung desselben Gelehrten. Eine Abhandlung W. Schotts alüber die Sage von G.⸗Chanv findet sich in den Denkschriften der berliner Akademie der Wissenschaften von 1851, und ein dieselbe betreffender Artikel desselben in Ersch und Grubers «Encyklopädiey.