FeedGestüte oder Stutereien sind Anstalten
Sport & SpielBrockhaus 1882

Gestüte oder Stutereien sind Anstalten, in welchen die Pferdezucht in größerm Maßstabe und nach bestimmten Grundsätzen betrieben wird. G. werden entweder von den Landesbehörden oder von einzelnen Personen unterhalten. Im erstern Falle bezwecken sie, die Pferdezucht eines Landes insgesamt zu heben, einen den Bedürfnissen desselben entsprechenden Pferdeschlag hervorzubringen und den vorhandenen Pferdeschlag zu verbessern und zu veredeln. Gern Bedan haben entweder den Zweck, einen größern Bedarf, namentlich an edlen Pferden, wie er für die Marställe von Fürsten und Magnaten vorliegt, zu decken (so die vielfach vorlommenden Hofgestüte), oder sie werden von großen Grundbesitzern unterhalten, die damit außer der Deckung des eigenen Bedarfs Zwecke des Pferdehandels verbinden, oder sie stellen sich die Aufgabe, für die Rennbahn 4½1 Pferde zu erziehen (wie die Renngestutej. ie Absicht eines materiellen Gewinns ist in keinem Falle ausgeschlossen. Mit den G. (auch siskalischen) ist häufig ein Rennstall zur Trainierung von Rennpferden verbunden. Die Zucht der Privatgestüte kommt mittelbar auch der Landes-Pferdezucht zugute. Die Gestütezucht bildet den Gegensatz zur landwirtschaftlichen Pferdezucht, bei welcher die Pferde als Nutztiere in den einzelnen Haushaltungen erzogen werden. Letztere allein genügt nur für Länder, die sich bei einem die Pferdezucht pflegenden Großgrundbesitz bereits eines den Zwecken vollkommen entsprechenden und fest begründeten Pferdeschlags erfreuen, andernfalls muß derselben die Gestütezucht zu Hilfe kommen, indem sie geeignete Beschälhengstelsog. Landbeschäler) aufzieht und der Masse der Pferdezüchter zur Verfügung stellt. Die Landbeschäler werden in sog. Landgestüten unterhalten, die in zweckmäßiger Weise über das ganze Landesgebiet verbreitet sind, während die Haupt-oder Staatsgestüte eine konstante vaterländische edle Reinzucht innerhalb der den verschiedenen Bedürfnissen vorzugsweise entsprechenden Hauptrassen (Reitrasse und Wagenrasse) begründen. Die Hauptgestüte müssen danach streben, sich durch sich selbst zu lefern.f und die erforderlichen Hauptbeschäler zu liefern, sowie gute Landbeschäler zu erziehen; nach Bedürfnis werden sie aber auch den Ankauf zur Zucht geeigneter edler Pferde von Privatleuten und im Auslande nicht von der Hand weisen. In den Hauptgestüten werden auf eine geringe Zahl vorzüglicher Beschälhengste oder Hauptbeschäler eine größere Zahl Mutterstuten gehalten und die gewonnenen Fohlen bis zu einem gewissen Alter erzogen, wo sie dann entweder zur Weiterzucht beibehalten werden oder in den Handel kommen. In den Landgestüten werden nur Beschälhengste unterhalten, die während der sog. Tno 80 in den einzelnen Distrikten so verteilt sind, daß selbst jeder kleine Landwirt seine Stute mit einem guten Hengst paaren kann. In Ländern, welche bei geringer Dichte der Bevölkerung eine sehr ausgebildete Pferdezucht haben, und in welchen zugleich große Weideflächen zur Ver-Higang stehen, wie im südl. und östl. Rußland, in ngarn und Rumänien, kommen sog. wilde Gestüte vor. Hier genießen die Pferde in jeder Beziehung der Freiheit, sodaß sich dieselben gegenseitig aaren, ohne daß von seiten des Menschen eine uswahl der Hengste und Stuten zueinander stattfindet. Die Tiere bleiben das ganze Jahr sich selbst überlassen im Freien, werden zwar hierdurch gegen Witterungseinflüsse sehr abgehärtet, leiden aber durch dieselben auch häufig in ihrer Entwickelung, Fehler und Gebrechen erben sich weiter fort und oft wirken ansteckende Krankheiten verheerend auf den Pferdebestand. In den halbwilden Gestüten, welche sich in diesen Ländern ebenfalls finden, werden zur Zeit der Brunft bestimmte Hengste den Stuten zugeteilt und wird dadurch ein gewisser Einfluß auf die Päarung ausgeübt. In den gewöhnlichen G., welche im Gegensatz zu jenen zahme Gestüte heißen und in den eigentlichen Kulturländern ausschließlich vorkommen, findet Stallfütterung und esonderte Sommerweide statt. Die Paarung geschieht nach bestimmter Auswahl und unter menschlicher Unterstützung (Beschälen aus der Hand). Die Einrichtung ist teuerer, als die der wilden und halbwilden G., die Pferde werden weichlicher, aber gewöhnen sich früh an den menschlichen Umgang, während sie in jenen erst gewaltsam eingefangen und oft mit großer Lebensgefahr für die Umgebung gezähmt werden müssen. Die Stuten sind in den zahmen G. weniger fruchtbar, aber es werden hier die größern Erfolge erzielt. In einzelnen Ländern werden Militärgestüte zur Deckung des Bedarfs an Militärpferden unterhalten. In allen zahmen G. werden eingehende Register oder Stammtafeln über die in denselben zur Zucht verwendeten und aufgezogenen Pferde geführt, woraus ihre Abstammung, Alter und besondern Kennzeichen reuben h werden. Das Königreich Preußen hat drei Hauptgestüte: in Trakehnen bei Gumbinnen (325 Halbbluthuten), in Graditz bei Torgau (40 Vollblut⸗, 150 Halbblutstuten) und in Beberbeck bei Hofgeismar, Provinz Hessen-Nassau (100 Halbblutstuten). Das letztgenannte Hauptgestut ist aus dem frühern Friedrich-Wilhelm-Gestüt zu Neustadt a. D. hervorgegangen, wovon es bei Auflösung des letztern zwei Drittel des Bestandes aufnahm, während ein Drittel dem Hauptgestüt zu Graditz überwiesen wurde. Nur Graditz betreibt Vollblutzucht. Das gesamte Gestütswesen steht unter der Gestütsverwaltung im landwirtschaftlichen Ministerium. Durch die Einverleibung des Königreichs Hannover sind noch die srühern königlichen G.in Neuhaus auf dem Solling, Memsen und Hoya unter preuß. Hoheit gekommen. Im Königreich Bayern befinden sich Hauptgestüte zu Bergstetten und Zweibrücken, im Königreich Württemberg königl. Privatgestüte zu Weil, Scharnhausen und Klein-Hohenheim, im Herzogtum Braunschweig ein herzogl. Privatgestüt zu Harzburg, im Fürstentum Lippe, welches srüher das berühmte G. in der Senne besessen, ein Hauptgestüt zu Lopshorn. Osterreich-Ungarn hat fünf sog. Militärgestüte als Zuchtgestüte und zwar in Mezöhegyes bei Arad mit 700 Zuchtstuten, in Kisber-Babolna bei Komorn mit 200 Zuchtstuten, in Radautz (Bukowina) mit 400 Zuchtstuten, in Ossiac (Illyrien) mit 100 Zuchtstuten und in Biber (Steiermark) mit 50—80 Zuchtstuten. In Babolna (s. d.) tragen die Gestütspferde, welche von echt arab. Hengsten abstammen, in hohem Grade den Typus des oriental. Pferdes an sich, übertreffen dasselbe aber wesentlich an Größe und Stärke, was der hier wie überhaupt in den österreichisch-ungarischen G. eingeführten reichlichen Fütterung zuzuschreiben ist. Außerdem bestehen Hofgestüte in Kladrup (Böhmen), Holitsch Mähren) und Lippizza (Illyrien). Das gesamte Staats-Gestütwesen steht unter einem Generalinspektor und ist militärisch organisiert. Rußland hat unter andern die Reichsgestüte Khränowoij und Tschesmenskij im Gouvernement Woronesch, Potschinkow (Nishnij-Nowgorod), die Belawodskischen G. Limarew, Derkull, Nowa-Alexandrows und Strelezk (Charkow), außerdem viele G. der reichen adeligen und fürstlichen Grundbesitzer. Frankreich hat aus dem vorigen Jahrhundert stammende Staatsgestüte in Le Pin, Rosières und Pompadour (letzteres wegen eingewurzelter Krankheiten jetzt aufgehoben); Dänemark Hauptgestüte in Frederiksborg, die Schweiz zu Kloster-Einsiedel und Emmenthal, Italien drei königl. Privatgestüte in Tombolo, Rosson und Veneria. Landgestüte hat Preußen in Rastenburg, Insterburg, Gudwallen (Ostpreußen), Marienwerder (Westpreußen), Prov (Posen), Lindenau bei Neustadt a. D. (für Provinz Sachsen), Neustadt a. D. (für Provinz Brandenburg), Leubus (Niederschlesien), Kosel (Oberschlesien), Labes (Pommern), Warendorf (Westfalen), Wickrath (Rheinprovinz), Dillenburg (Nassau), Celle (Hannover), Traventhal (Schleswig-Holstein). Für die Reichslande ist ein Landgestüt zu Straßburg im Elsaß. Bayern hat vier Landgestüte und das Stammgestüt Achselschwang, Württemberg vier Gestüthöfe und den allgemeinen Landesbeschälerstall zu Stuttgart. Auch in den übrigen deutschen Stgaten ist das Landes-Beschälwesen wohl geregelt. Osterreich-Ungarn hat statt der Landgestüte sog. Remontierungsdepöts. da talien existieren sieben Beschäldepöts mit 300 eckhengsten. Frankreich beabsichtigt zur Verbesserung der Remontierung der Kavallerie die Einrichtung von Fohlenhöfen beim Lager von Chälons, in welchen neu angekaufte junge Pferde bis zur Diensttauglichkeit aufbewahrt werden, ähnlich wie die preuß. Remontedepöts. Litteratur. G. G. Ammon, «Handbuch der gesamten Gestütskunde und Pferdezuchte(Königsb. 1833); J. von Schwartz und Krocker, «Deutsches Gestütsbuch » (Berl. 1872); Hertwig, «Taschenbuch der gesamten Pferdekenntniso (4. Aufl., Berl. 1878); Eugen Guyzot, La France chevaline (Par. 1848 —53). (S. auch Artikel Pferdezucht und die Spezialartikel Graditz rce.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 920Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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