Gewebe (tela) nennt man in der Anatomie und Physiologie die aus der Zusammenfügung der einfachsten Formbestandteile eines or anisierten Körpers zunächst hervorgehenden Gebilde, die dann wiederum, indem sie sich auf verschiedene Weise untereinander verbinden, die verschiedenen Organe zusammensetzen. Jene einfachsten Formbestandteile oder Gewebselemente, welche sich sämtlich auf die Zelle (s. d.) zurückführen lassen, sind: Küelchen oder Körnchen, Kerne, Fasern, strukturlose Plattchen, Häute und Schläuche, sämtlich von solcher Kleinheit, daß sie sich nur bei etwa 50— 200facher Vergrößerung mittels zusammengesetzter Mikroskope gehörig erkennen lassen. Diese G. bestehen nun entweder bloß aus einer Art dieser Formbestandteile, wie z. B. die Oberhaut (epidermis), welche die äußere Fläche unsers ganzen Körpers überzieht, nur aus dicht neben⸗ und übereinanderliegenden Hornplättchen zusammengesetzt ist,‚ oder es vereinigen sich mehrere verschiedenartige Formbestandteile zur Bildung eines G., was bei den meisten übrigen G. der Fall ist. Man unterscheidet jetzt gewöhnlich folgende G.: 1) Epithelialgewebe oderOberhautgewebe, welches die freien Flächen des Körpers überzieht und fast alle Höhlen und Kanäle in demselben auskleidet, aus dem aber auch die Nägel und die Haare bestehen; es bildet gefäß-und nervenlose Häute oder Membranen, welche aus dicht gedrängten, innig verbundenen, auf der Oberfläche in solide Schüppchen oder Hornplättchen umgewandelten Zellen bestehen (s. Haut); 2 Bindegewebe oder Zellgewebe, welches die Zwischenräume zwischen den Organen und deren 440 m Teilen ausfüllt, um manche Organe, wie z. B. um die Gefäße und Nerven herum scheidenartige Hüllen bildet, aber auch den Hauptbestandteil und die Grundlage mancher Organe, wie der Sehnen, der Lederhaut, der serösen und der Schleimhäute ausmacht; es besteht in der Hauptsache aus feinen soliden, wellenförmig gebogenen Fäserchen, welche durch eine wasserhelle gleichartige Zwischensubstanz bald mehr, bald weniger innig miteinander verbunden sind, und so ein bald lockeres, gallertartiges, bald festeres hautartiges G. bilden. Abarten des Bindegewebes sind das Fettgewebe, welches aus kleinen runden, prall mit Fett erfüllten Zellen besteht, und das elastische Gewebe, welches von feinen, außerordentlich elastischen Fasern gebildet wird und meist in der Form von elastischen Membranen (in den Wänden der Pulsadern, der Luftwege u. dgl.) auftritt; 3) Knorpelgewebe, welches sich durch große Biegsamkeit, Zähigkeit und Festigkeit auszeichnet und aus rundlichen Zellen (den sog. Knorpelzellen) und einer bald gleichförmigen, bald faserigen Grundsubstanz besteht(s. Knorpe ) 4) Knochen gewebe, welches sich aus einer zelligen „konzentrisch geschichteten, mit Kalksalzen imprägnierten Grundsubstanz und zahllosen kleinsten, sternförmigen, durch zarte Ausläufe miteinander verbundenen Zellen, den sog. Knochenzellen, zusammensetzt (J. Knochen); 50 Muskelgewebe, welches die Hauptmasse des Fleisches ausmacht, besteht aus Bündeln und Bündelchen ganz feiner Fasern, welche unter dem Mikroskop entweder ein glattes Aussehen sunwillkürliche Muskeln) oder ein quergestreiftes Aussehen (willkürliche Muskeln) besitzen und auf Hurrel Reize sich zusammenziehen und so verurzen (s. Muskeln); 6)Nervengewebe besteht unter dem Mikroskop teils aus runden, spindel- und sternförmigen Zellen (s. Ganglien), teils aus sehr feinen langen, markhaltigen oder marklosen Röhrchen, den sog. Nervenfasern (s. Nerven); 7) Drüsengewebe, welches 90 aus kleinen, von Blutgefäßen und Nerven umsponnenen Bläschen oder Schläuchen zusammensetzt, die in ihrem Innern die rundlichen oder cylindrischen, der Absonderung der betreffenden Drüsensekrete dienenden Drüsenzellen pbesiche (S. Drüsen.) Die Blut-Ef äße endlich bestehen nicht aus einem besondern „sondern setzen sich als elastische Röhren aus verschiedenen Gewebselementen, aus Zellen, Bindegewebsfasern, elastischen Fasern, glatten Muskelfasern und einem zarten Epithelium zusammen. Manche Autoren rechnen auch diejenigen Flüssigkeiten, welche organisierte Teile enthalten, wie das Blut und die Lymphe, zu den G. Jedem G. kommt vermöge seiner physik. und chem. Eigenschaften eine bestimmte, fr das Leben des Organismus wichtige Funktion oder physiol. Leistung zu. So beruht 3. B. die Zusammenziehung der Muskeln auf der 5150 des Muskelgewebes, die Absonderung des arns auf der Funktion des G. der Harnkanälchen u. s. Manche G. können sich, wenn sie Verletzungen erlitten haben, wieder ersetzen (regenerieren); bei andern wird die entstandene Lücke nur durch neugebildetes Bindegewebe ausgefüllt. (S. Narbe.) In Krankheiten erleiden die G. mannigfache Veränderungen; es können sich aber durch krankhafte Vorgänge auch neue G. bilden, die mit normalen G. mehr oder weniger Ahnlichkeit haben. Die Wissenschaft, welche die Eigenschaften, das Vorkommen, die Entstehung, das Wachstum und die Methoden zur Untersuchung der G. behandelt nennt man Gewebelehre oder Histologie, auch allgemeine Anatomie, mikroskopische Anatomie. Wenngleich schon im 17. Jahrh. Marcello Malpighi und Anton van Leeuwenhoek Untersuchungen über den feinern Bau der Pflanzen und Tiere anstellten und Anfang des 19. Jahrh. Bichat die erste wissenschaftliche Bearbeitung der Gewebelehre veröffentlichte, in welcher er die G. nicht nur von ihrer morpholog. Seite scharf auffaßte, sondern auch in ihren physiolog. Funktionen und krankhaften Verhältnissen ausführlich erörterte, so datiert doch der erste Aufschwung der Gewebelehre erst von den epochemachenden Untersuchungen Theod. Schwanns, des Begründers der Histogenese oder der Lehre von der Entstehung der G., da er 1839 zuerst den wichtigen Nachweis führte, daß die Zelle (s. d.) der Ausgangspunkt aller tierischen Teile sei und auf welchem Wege aus der Zelle die verschiedenen G. hervorgehen. Seit dieser Zeit ist die Gewebelehre infolge der verbesserten Mikroskope und durch die rastlosen Bemühungen zahlloser begabter Forscher, unter denen die Namen Henle, Kölliker, Gerlach, Reichert, Remak, Mar Schultze, Frey, Waldeyer, Hensen, His, Beale, Carpenter, Ranvier u. a. hervorzuheben sind, zu einer selbständigen, inhalts100 Wissenschaft geworden, welche auf die Entwickelung der gesamten Medizin den nachhaltigsten Einfluß gewonnen hat. Als ein besonderer Zweig hat sich allmählich von der Gewebelehre des normalen Organismus die von Johs. Müller begründete pathologische Histologie, die Lehre von den Umänderungen der G. in krankhaften Zuständen, abgegrenzt, als deren hervorragendste Vertreter Virchow, der Begründer der Cellularpathologie (s. d.), Rindfleisch, Cohnheim, Recklinghausen zu nennen sind. Weitere wichtige Aufschlusse für die wissenschaftliche Erkenntnis des Tierkörpers gewährt die vergleichende Gewebelehre, welche die Entstehung und Verbreitung der einzelnen G. innerhalb der verschiedenen Tierklassen erforscht und welche namentlich von Johs. Müller, von Siebold, Kölliker, Gegenbaur, F. E. Schulze, Leydig, Kupffer u. a. gefördert wurde. Litteratur. Kölliker, Handbuch der Gewebelehre des Menscheno (5. Aufl., Lpz. 1867); Rindfleisch, «Lehrbuch der pathol. Gewebelehrey (3. Aufl., Lpz. 1873); Frey „Handbuch der Histologie und Histochemie des Menschenv (5. Aufl., Lpz. 1876); Stricker, KHandbuch der Lehre von den Geweben (Lpz. 1871); Ranviers «Technisches Lehrbuch der Histologies (deutsch von Nicati und Wyß, Lfg. 1—6, Lpz. 1876—82).