Spitzhogen, m., frz. are m. aigu, pointu, gothique, arc à Logive, engl. pointed arch, ital. arco acuto, terz2o 3cuto, span. aroo traspuntado, puntiagado, ojival, lat. arcus acutus, augivalis, Bogen, der im Scheitel gebrochen ist; f. d. Art. Bogen E. I. 6 bis 9, 14, 17, 20, 22, 25, 28, 33, 39, 43, 44 2c., sowie d. Art. Eselsrücken, Kielbogen, Ogive etc. I. Manche Freunde der Gothik haben in übel verstandenem Eifer nachzuweisen gesucht, daß der S. schon bei den Alten in Gebrauch gewesen sei. Nun steht allerdings sest, daß S. bereits im hohen Alterthum vorkamen (sdar. d. Art. Aegyptisch, Assyrisch, Pelasgisch, Lykisch etc.), aber diefe S. sind entweder rein konstruktiver Natur und nicht künstlerisch durchgebildet, oder sie sind blos dekorativ und dann meist als Nachahmung irgend einer Holzkonstruktion anzusehen. Von Einführung einer Bogenform in die Architektur kann aber erst dann die Rede sein, wenn siothek Heidelberg ILDFC ieselbe zugleich konstrurtiv und dekorativ verwendet ist, d. h. wenn ihre konstruktive Form ästhetische Durchbildung erfahren hat. Dies tritt in Bezug auf den S. zuerst bei sassanidischen, armenischen und romanischen (bes longobardischen) Bauten einerseits, bei sarazenischen anderseits ein, und zwar bei den Sassaniden um 600 n. Chr., in Armenien um 900, in Georgien um 1000, an islamitischen Bauten in Syrien um 700, in Aegypten um 870, bei christlichen Bauten des Orients um 950 am Thurm S. Zaccaria in Venedig, 971 am St. Lambert zu Lüttich, um 975 zu Memleben, stumpf, gestelzt; 976 am S. Marco zu Venedig und S. Frontin zu Périgueux, sehr stumpf; 981 am S. Scolastica zu Subiaco, 987 in der Kathedrale von Seala bei Amalfi, stumpf, aber gestelzt; vor dem Jahre 1000 zu Loche u. Souillac, um 1010 in der Kathedrale zu Siponto, vor 1012 zu Bamberg, vor 1019 zu Basel, 1020 zu Merseburg, 1060 an dem Gewölbe von S. Agostino in Ravello, 1061 an der Kathedrale zu Traina auf Sizilien, 1053 an der Kathedrale zu Messina. Die ältesten dieser und ähnlicher Beispiele dokumentiren sich als Versuche, theils zu Vermeidung des Seitenschubs, theils zu Schließung schmälerer Bogenöffnungen, die neben breiteren, rundbogig geschlossenen stehen, in gleicher Höhe mit letzteren. Näheres s. in Mothes' „Baukunst des Mittelalters in Italien“ (Jena 1883). II. Nach diesem — zunächst wohl nur als Aeußerung von Versuchen zu betrachtenden — Auftreten findet sich der S. als vollständig berechtigte architektonische Form fast durchgängig in der sarazenischen u. normannischen Bauweise, in belden meist ziemlich stumpf, aber gestelzt, in der Zeit von 1065 an, ferner seit 1150 auch weiter im Norden ziemlich häufig in dem spätromanischen, sog. Uebergangsstil, endlich aber in der Gothik vorwiegend angewandt, u. zwar zunächst als reiner S. Ueber die Konstruktionsweise dieser Bogen, d. h. über die Art, sie aufzureißen, ist so viel geschrieben, gesprochen und gestritten worden, daß schon das Referat über alle diese Meinungen ein Buch füllen würde; es genüge hier zu erwähnen, daß man unter Anderm durch Abwickelung von Cykloiden, durch Abscissen u. Ordinaten unter den manchfachsten Verhältnissen, enjlich durch Auftragen von Kurven nach logarithmisch etc. berechneten Formeln für die Widerstandslinien die alten Spitzbogenformen zu finden glaubte. Abgesehen davon, daß aller Wahrscheinlicheit nach die Werkmeister des 12. Jahrh. die höhere Mathematik, besonders die Logarithmen und Kurvengleichungen, nicht kannten, daher eine solche Berechnung nicht vornehmen konnten, widerspricht auch der Thatbestand einer solchen Annahme. Verfasser dieses hat viele wohlerhaltene (nur solche natürlich eignen sich dazu) S. aus der besten Zeit ausgemessen, und nach diesen Vermessungen besteht ein solcher Bogen aus zwei Zirkelbögen, welche zusammentreffen über der Mitte der Spannweite, wobei die Mittelpunkte bald zwischen den Kämpfern, bald außerhalb der Kämpfer in der Berlüngerung der Kämpferlinie, oft aber auch ein Weniges über oder unter ihr liegen. Dabei ist aber die Lage dieser Mittelpunkte so manchfach, daß man auch der Theorie, welche diese Punkte aus in den Bogen eingezeichneten Polygonen, Dreiecken, Quadraten u. deren Diagonalen etc. bestimmen will, nicht Glauben schenken kann, selbst wenn man darüber hinwegsehen wollte, daß diese Theorie, im Gegensatz zu der vorerwähnten, theils die mathematischen Kenntnisse unserer Vorfahren unterschützt, theils namentlich ihnen einen Hang zu geometrischer Spielerei zutraut, der mit dem hohen, würdigen Ernst dieser Leute nicht vereinbar wäre. Vielmehr geht aus den genauen u. sorgfältigen Beobachtungen, die der Verfasser dieses in Deutschland, Frankreich, Italien u. Spanien angestellt hat, hervor, daß die Baumeister des Mittelalters — wenigstens in der guten Zeit, denn im späteren Mittelalter trat allerdings die erwähnte Spielerei immer mehr und mehr auf — einfach aus der Höhe der Widerlagspfeiler zunächst die Richtung konstruirten oder berechneten, welche die Drucklinie annehmen mußte, um der Stabilität des Pfeilers nicht zu nahe zu treten; durch diese Druckliniendirektion wurde zunächst die Bogenhöhe bestimmt. Weiter ist anzunehmen, daß die Meister bei der weiteren Bestimmung der in Höhe und Weite durch das Vorhergehende bereits festgestellten Kurve selbst nicht mehr künstelten, sondern zu Verbindung der beiden gegebenen Punkte des Widerlagspfeilers und Scheitelpfeilers die stetigste unter allen Kurven, einen Kreisbogen, wählten u. dieselbe um besserer Herableitung der Widerstandslinie willen an die Vertikallinie der Pfeiler tangiren ließen, wenn es irgend anging, denn durchgängig findet sich auch dies nicht vor, da, wie bereits bemerkt, hier u. da der Mittelpunkt unter der Kämpferlinie liegt, anderwärts aber, und zwar augenscheinlich ebenfalls meist aus statischen Gründenlnicht aber inNachahmung sarazenischerFormen, indem es auch in Gegenden vorkommt, wo solche nicht gekannt waren), etwas über der Kämpferlinie, so daß eine hufeisenbogenähnliche Einziehung entsteht. Einige statisch wichtige Resultate waren damit erreicht, z. B. daß der auf hohe Pfeiler gestellte Bogen spitzer, der äuf niederen stumpfer wurde; dabei wollen wir durchaus nicht in Abrede stellen, daß eine Berechnung der Kurve, basirt auf die neuesten Fortschritte der Gewölbtheorie, vielleicht den statischen Vorzug des S.s, die Fähigkeit, bei sehr geringem Widerlager große Lasten zu tragen, noch bei weitem steigern würde; bes. dürfte eine weitere Entwickelung des englischen S.s (s. d. Art. Tudorbogen) hierzu führen. Ueber Anfertigung der Wölbgerüste und Anordnung der Wölbfugen s. Bogenlehre. III. Theils auf das Gesagte, theils auf anderweite eigene Untersuchungen gestützt, lassen wir hier einige Regeln in Beziehung auf die Gestaltung der S., bes. in ästhetischer Rücksicht, folgen. Je niedriger die Pfeiler im Verhältnis zur Oeffnung, desto niedriger mache man auch den Bogen. Ist die Weite größer als die Pfeilerhöhe, so nähere er sich fast dem Halbkreis; enge und niedrige Oeffnungen mit steilem Bogen haben ein beengtes, gequetschtes Ansehen. Enge u. hohe Oeffnungen mit niedrigem Bogen sehen wie von oben her zusammengedrückt aus, breite Oeffnungen mit hohem Bogen sehen wie im ganzen eingesunken aus etc. All dies sind äußere Symptonte, die zusammenhängen mit den Fehlern gegen statische Regeln, die in den erwähnten Anordnungen liegen. Die Ausweitung der Laibung (Breite der Glieder) betrage womöglich weniger als die Hälfte der Lichtenöffnung. Die Glieder lasse man nie vor der umgebenden Mauerfläche vorstehen. Etwaige Baldachinverdachungen dürfen nur mit ihren Konsole unter denKämpfer hinabreichen; Ueberschlaggesimse dürfen nie über dem Kämpfer aufhören; sitzt, wie dies bei Portalen oft geschieht, die Gliederung des Bogens auf einem Baldachin auf, so stelle man diesen mit den durchbrochenen Theilen des Bogenwerkes unter, mit seiner Hauptma sse aber über den Kämpfer, damit in der Fernwirkung die Kämpferlinie markirt sei etc. IV. Ueber die verschiedenen Arten des S.s und dessen Umwandlung in den verschiedenen Stilen s. d. Art. Bogen, Bogenlehre, Anglo-normannisch, Englisch-gothisch, Nranzösisch-gothisch, Gothisch, Italienisch-gothisch, Longobardisch, Rormannisch, Romanisch, Spanisch-gothisch, Venetianisch etc., sowie die zugehörigen Illustrationen. Spitzbogenfenster, n., franz. fonstre ogivale, voütée en Ogive, engl. pointed-arch-headed window, im Spitzbogen eingewölbte Fenster; s. auch Lanzettfenster. Sypitzbugenfries, m., frz. Frange festonnée en ogive, engl. pointed-arched corbel-table, aus Spitzbogen gebildete Reihe, gleicht im übrigen dem Rundbogenfries Spitzbogengewölbe, nu., s. d. Art. Gewölbe.