Gioberti (Vincenzo), ital. Philosoph und Politiker, geb. 5. April 1801 zu Turin, wo er Theologie studierte und sich die geistlichen Weihen erwarb. Nachdem er in seiner Vaterstadt 1825 eine Professur der Philosophie erhalten und sich mit Studien des klassischen Altertums, der Geschichte und der Religionsphilosophie befaßt hatte, wurde er zugleich Kaplan beim Kronprinzen Karl Albert, welche Würde er bis 1833 bekleidete. Von Höflingen der Teilnahme an den Bestrebungen der „(Giovane Italia verdächtigt, wurde er verhaftet und nach viermonatlicher Gefangenschaft verbannt. Ohne die ihm von Karl Albert angebotene Pension anzunehmen, lebte er 1834 in Paris und wurde dann in Brüssel Lehrer an einem Privatinstitut. Hier entfaltete er eine bedeutende litterarische Thätigkeit. Nachdem er 1835 einige 4Opera latinay veröffentlicht hatte, folgten 1838 die &Considerazioni sulle dottrine religiose di Victor Cousino und die «Teorica del sovrannaturale5 (2. Aufl., 2 Bde., Capolago 1850) und dann 1839 —40 sein philos. Hauptwerk: Introduzione allo studio della filosofla o (2. Aufl., 4 Bde., Brüss. 1844), worin er, nach vorausgeschickter Kritik der bisherigen Theorien von Raum und Zeit bei Hobbes, Clarke, Newton, Leibniz, Malebranche und Kant, den Verfall der wahren Theorie dem sog. Psychologismus zur Last legt, welchem Descartes in der Philosophie Bahn gebrochen habe. Diesem Psychologismus, als dem heidnischen und prot. Verfahren, dessen Konsequenz Skeptizismus und Nihilismus seien, setzt er seinen Ontologismus v oder die md lechtala Methode als das einzige katholische und rechtgläubige Verfahren in der Philosophie entgegen, wodurch die Geister durch das Wissen mit der Religion versöhnt und der wissenschaftliche Gott aufgefunden werde. Indem er mit Aufnahme der platonischen Ideenlehre die Lehre von der Offenbarung, vom übernatürlichen und Überbegreiflichen zu vereinigen strebt und die Hegelsche Logik und Dialektik in christl. Offenbarungsmetaphysik umsetzt, tritt er als ital. Scholastiker des 19. Jahrh. hervor, welcher den Satz vertritt, wer nicht Katholik sei, könne nicht vollkommener. Philosoph sein, und jede Philosophie, welche sich vom Glauben losmache, begehe einen Selbstmord. Diesen Standpunkt vertritt er zunächst polemisch gegen Lamennais in der Lettre sur les doctrines philosophiques et religieuses de M. Pabbé Lamennaiso (Brüss. 1840), und nachdem er dazwischen in den Abhandlungen Del belloy (Brüss. 1841) und «Del buonov (Brüss. 1842; beide zusammengedruckt Flor. 1853) seine ästhetischen und ethischen Anschauungen dargelegt hatte, trat er polemisch auch gegen die Lehre seines Landsmanns Rosmini mit dem Werke hervor: Degli errori filosofici di Antonio Rosminio (3 Bde. Brüss. 1841—44: 2. Aufl., 3 Bde., Capolago 1846). Darauf ließ er sein polit. Hauptwerk folgen: »Del primato morale e civile degli Italiani o (3 Bde., Brüss. 1842—43; 2. Aufl., Brüss. 1845), wozu noch die Prolegomeni al primato morale e civile degli Italianio (Brüss. 1845) kamen. Die Idee dieses Werks war die Wiederherstellung der Größe und Macht Italiens durch ein reformiertes Papsttum, Wodunch Italiens nationale Einheit, Unabhängigkeit und bürgerliche Freiheit erfüllt werden sollten. Das Ziel war ein Föderativbund der ital. Staaten unter dem Vorsitze des Papstes und gestützt durch die Waffengewalt des Königreichs Sardinien. Dieses Werk gab durch den lebhaften Ausdruck der nationalen Idee der Zeitbewegung einen gewaltigen Impuls und erwarb dem Papste Pius IX. bei seinen anfänglichen Reformbestrebungen die begeisterte Verehrung der Italiener. Da G. in den Prolegomeniv die Schäden der Kirche berührt und die Jesuiten angegriffen hatte, konnte sich der Pater Francesco Pellico (Bruder des Dichters) nicht enthalten, einige nicht korrekt orthodoxe Stellen im Genua 1845), und der Pater Curci bekämpfte ihn in Fatti ed argomenti in risposta alle molte parole di V. G.» (Neap. 1845). G. antwortete mit seinem Werk: II Gesuita moderno (5 Bde., Lausanne 1846—47 u.öfter; deutsch von Cornet, 3 Bde., Lpz. 1849), einem leidenschaftlichen Angriff, worin er mit großem Aufwand von histor. Kenntnissen, scharfem Urteil und glänzender Beredsamkeit den Jesuitenorden und seine verderblichen Maximen verurteilte und geißelte. Der polit. Aufschwung des J. 1847 führte den Verbannten Anfang 1848 im Triumph in seine Vaterstadt zurück. Er wurde Senator und Mitglied der Deputiertenkammer und stand im Dez. 1848 einige Wochen lang an der Spitze des von ihm, nach dem Sturze des Ministeriums Pinelli-Revel, gebildeten demokratischen Ministeriums. Aber das nächstfolgende Ministerium entfernte ihn Anfang 1849 mit einer Mission nach aris aus Turin. Er blieb dort in freiwilliger elbstverbannung und veröffentlichte sein Werk „Del rinnovamento civile d'Italia (2 Bde., Par. u. Tur. 1851). Er starb zu Paris 26. Okt. 1852. Seine Leiche wurde in Turin beigesetzt. Aus seinem Nachlaß gab G. Massari heraus: Della filosofia della rivelazione (Tur. 1856), ella riforma cattolica della chiesao (Tur. 1856), Della protologiav (Tur. 1857). Der reiche Schatz unvollendeter philos. und histor.⸗polit. Schriften, welchen G. hinterließ, wurde als 4Opere inedité di V. 6.5 (11 Bde., Tur. 1856—63) herausgegeben. Eine Anthologie aus seinen Werken gab Ugolini (Pensieri e giudizi di V. G. sulla letteratura italiana e straniera v, Flor. 1867) heraus; seine kleinern polit. Schriften sind als 40perette politiche di V. G.9c2 Bde., Tur. 1851) erschienen. In seinen nachgelassenen Werken, namentlich in der Protologiav, zeigen sich G.s Anschauungen von der strengen Orthodoxie etwas mehr entfernt und dem absoluten Idealismus der deutschen Philosophie etwas näher gerückt, indem an die Stelle der frühern Ontologie eine Protologie oder erste Philosophie tritt, worin der absteigende Prozeß vom Absoluten durch die Schöpfung zum Dasein und der aufsteigende Prozeß als Rückgang des Daseins Laher entwickelt wird. Außer Massari schlossen sich ornar, De Giovanni, Chiarolanza, Toscano, zum eil auch Mamiani, an G.s Lehre als Schüler an. Vgl. Massari, «Ricordi biografici e carteggio i V. G. v 8 Bde., Tur. 1860 — 63); derselbe, Vita di V. G.» (Flor. 1848); Pisanelli, Elogio di V. 6.» (Tur. 1853); Spaventa, «La filosofia di V. G.v (Neap. 1863); Prisco, G. e lP'ontologismon Neap. 1867); Labanca, «Della mente di V. G.v (Flor. 1871).