FeedGirondisten
Recht & StaatBrockhaus 1882

Girondisten (Girondins) wurde in der Französischen Revolution die Partei der gemäßigten Republikaner genannt. Als im Okt. 1791 die Gesetzgebende Versammlung zusammentrat wählte das Depart. Gironde zu Abgeordneten die Advokaten Vergniaud, Guadet, Gensonne, Grangeneuve und den jungen Kaufmann Ducos, die sämtlich in der Versammlung durch ihr Rednertalent und ihr agitatorisches Auftreten für die republikanische Staatsform großen Einfluß gewannen. Mit ihnen verbanden sich die Partei Brissots und der Anhang Rolands; auch schlossen sich ihnen viele Häupter des Centrums an, wie Condorcet, Fauchet, Barbarour, Lasource, Isnard, Kersaint und Henri Lariviere. Das parlamentarische übergewicht dieser, als Girondins bezeichneten Abgeordneten richtete sich anfangs gegen die royalistische Politik des Hofs, sodaß der König sich genötigt sah, die Gemäßigtern, Roland, Dumouriez, Clavière, zu Ministern zu wählen (April 1792). So schien der Hof mit der Majorität der jKammer ausgesöhnt. Aber die G. wollten die Gewalt nur benutzen, um ihre Macht fester zu begründen. Nachdem sie Osterreich und Preußen den Krieg aufgedrängt und ihren Parteigenossen Servan als Kriegsminister durchgesetzt hatten, revolutionierten sie das Land durch eine Reihe von Dekreten gegen den Klerus, durch die Gründung einer republikanischen Zeitung und andere Maßregeln. Das alles war aber nur Vorspiel zu dem Hauptangriff. Dieser begann mit dem Verratgeschrei gegen das «österreichische Komiteer, d. h. die Königin und deren en sollt welche mit den fremden Mächten konspirieren sollten, setzte sich fort in dem Antrag, das Vaterland in Gefahr zu erklären, dem Verbannungsdekret gegen die eidverweigernden Priester und dem Beschluß, 20000 Kantonsdeputierte zum Schutz der Hauptstadt zusammenzuziehen. Letztere sollten die Nationalgarde in Paris, auf welche sich die jetzt 91s der Feuillants stützten, in Schach halten. Als der Hof den Zwiespalt im Kabinett zur Verdrängung der girondistischen Mitglieder benutzte, provozierte die Partei den Aufstand des pariser Pöbels am 20. Juni. Richt bessern Erfolg hatte der Versuch Lafayettes Ende Juni, die Radikalen in die Schranken zu weisen, vielmehr kam es unter Vergniauds Fuhrung im Juli zu der offenen Forderung nach Abschaffung des Königtums durch einen neuen Nationalkonvent. Der Aufstand vom 10. Aug., welchen die G. mit den Jakobinern gemeinsam vorbereitet hatten, machte dem Königtum ein gewaltsames Ende. Obgleich fortan nominell im Besitz der Regierung, traten die G. jedoch in Wahrheit die Gewalt den Jakobinern ab, von denen Danton als Justizminister ungescheut die Septembermorde vorbereitete. Die G. standen machtlos der entfesselten Wut gegenüber. Zwar wurden sie in den Konvent wiedergewählt, beherrschten die Majorität, erfochten rednerische Triumphe, wagten in verblendetem Selbstvertrauen Angriffe über Angriffe auf die Partei Robespierres, aber unaufhaltsam gelangte die Macht an die auf den anarchischen Pöbel der Hauptstadt gestützten Gegner. Jeder neue radikale Beschluß ward zum Siege derselben über die G., auch der von diesen selbst eingebrachte Antrag, den Prinzen von Orleans zu verhaften, alle Emigranten und Royalisten mit der Todesstrafe zu treffen. Denn ihm folgte unmittelbar der Schlag der Jakobiner gegen den König selbst. Die G., welche den König gestürzt hatten, wagten nicht offen für sein Leben zu kämpfen, sondern stimmten rößtenteils für den Tod, um ihn dann durch eine Appellation ans Volk zu retten. Dieser Appel au peuple, den Vergniaud, nachdem er für den Tod gestimmt, durch eine hinreißende Rede unterstützte, wurde in einer vierten Abstimmung verworfen, und die G. sahen sich nun mit einem Schlage vor allen Parteien bloßgestellt. Dennoch wagten sie im Febr. 1793 Marat mit einer Anklage auf Aufruhrstiftung zu bedrohen. Dieser vereinigte sich hierauf mit den wütendsten Häuptern der Cordeliers und Jakobiner zu einer Verschwörung, welche die Ermordung der ganzen Majorität im Konvent bezweckte. Die Verschworenen benutzten die Unfälle der Nordarmee, den Abfall Dumouriez' und den Aufstand der Royalisten, um die Pariser gegen die G. in Bewegung zu setzen. Am 8. April erschien zum ersten mal eine Deputation der pariser Gemeinde vor der Versammlung und forderte die Reinigung des Konvents von 22 Mitgliedern. Robespierre beschuldigte die Häupter der G. des Verrats; diese legten dagegen die Beweise von Marats Verschwörung vor und erwirkten zwar 13. April dessen Anklage, bereiteten demselben aber durch seine Freisprechung nur einen neuen Triumph. Als Guadet bei den Bestimmungen über Aufruhr die Unterdrückung der revolutionären Municipalität der Hauptstadt verlangte und die G. die Bildung einer Kommission von 12 Mitgliedern durchsetzten, welche fortan die Komplotte der Hauptstadt überwachen sollte, brach der Sturm von neuem los. Die aus G. zusammengesetzte Kommission machte den Anfang mit der Verhaftung Heberts, des fanatischsten Revolutionärs der Gemeinde. Darauf betrieben Marat und Robespierre einen allgemeinen Aufstand der Sektionen, im Einverständnis mit den Häuptern der Commune und mit den Rädelsführern der Sektionen die im bischöfl. Palast ihre Zusammenkünfte hielten. Am 31. Mai, als im Konvente der Tumult aufs höchste gestiegen, trat ein Pöbelhaufe vor die Schranken und forderte die Anklage der G., während Henriot, der Anführer der Sansculotten, den Sitzungspalast mit seinen Kanonen bedrohte. Am 1. Juni versprach der Konvent, den Wohlfahrtsausschuß zu Rate zu ziehen. Am folgenden Tage machte Barere im Namen des Ausschusses den G. den Vorschlag, sich zur Herstellung der Ruhe freiwillig aus der Versammlung auszuschließen, wogegen jedoch Lanzuinais und Barbaroux heftig protestierten. Unterdessen hatte Henriot mit seiner Artillerie den Palast besetzt, und als sich die Deputierten zerstreuen woll—⸗ ten, wurden sie zur Rückkehr in den Saal gezwungen. Couthon setzte nun ein Dekret durch, das 30 G. und die Minister Claviere und Lebrun mit vorläufigem Hausarrest belegte, eine Gewaltthat, gegen welche 73 Mitglieder des Konvents sogleich Protest einlegten. Der größte Teil der G. hatte sich damals schon in die Provinzen gerettet. In den Depart. Eure, Calvados und der frühern Bretagne erhob sich zu ihren Gunsten das Volk, und unter der Leitung des an der Küste von Cherbourg kommandierenden Generals Wimpfen bildete sich eine sog. föderalistische Armee, welche die Republik aus den Händen des pariser Pöbels retten wollte. Die Energie der nunmehrigen Leiter des Konvents, der 9. Juli die aufgestandenen Departements außer dem Gesetz erklärte, verhinderte jedoch den Fortgien der Insurrektion. Am 20. Juli nahm die evolutionsarmee Besitz von Caen, dem Hauptorte der Insurgenten, worauf die Kommissare des Konvents an der Spitze der Sansculotten in die übrigen Städte drangen und blutige Strafgerichte verhängten. * verzögerte der Konvent den Prozeß gegen die gefangenen G., um die Schuld aller Vorgänge auf ihr Haupt wälzen zu können. Erst 3. Okt. mußte Amar als Organ des Wohlfahrtsausschusses darüber Bericht erstatten. Er klagte die G. der Verschwörung gegen die Republik mit Ludwig XVI., mit den Royalisten, mit dem Herzoge von Orléans, mit Lafayette und dem Minister Pitt an und forderte die Achtung der Entiert hal sowie der 73 Deputierten, welche protetiert hatten, und die Anklage der 23 Gefangenen vor dem Revolutionstribunal. Der Konvent bewilligte — 7 Antrag. Das blutige Schauspiel begann 7. Okt. mit der Hinrichtung des geächteten, zu Paris entdeckten Deputierten Gorsas. Am 24. wurde der Prozeß vor dem Tribunal eröffnet. Den langen, glänzenden Plaidoyers der G. machte der Konvent am 30. ein Ende, indem er die Schließung der Untersuchung dekretierte. Noch in der Nacht wurden Brissot, Vergniaud, Gensonné, Ducos, Fonfrede, Lacaze, Lasource, Valaze, Sillery, Fauchet, Carra u. a. zum Tode verurteilt und außer Valazé, der sich bei Anhörung des Urteils erdolchte, guillotiniert. Später wurden noch in Paris Coustard, Manuel, Cussy, Noel, Kersaint, Rabaut-Saint-Ctienne, Bernard und Mazuyer hingerichtet. Zu Bordeaur bestiegen das Schafott Biroteau, Grangeneuve, Guadet, Salles, Barbaroux; zu Brives Lidon und Chambon, zu Periguen Valady; zu Rochelle Dechezeau. Rebecqui ertränkte sich zu Marseille; Petion und Buzot erdolchten und Condorcet vergiftete sich. Roland erstach sich ebenfalls, nachdem seine Frau auf dem Schafott gestorben war. Ein Jahr vier Monate später, nach dem Sturze der Schreckensherrschaft, traten die Geächteten, darunter Lanjuinais, Defermont, Pontéconlant, Louvet, Isnard und Larivière, in den Konvent wieder ein. Einen polit. Tendenzroman, ebenso falsch als glänzend geihrieben, schuf Lamartine in seiner Histoire des Girondinso (8 Bde., Par. 1847; neue Ausg. 1870; deutsch, 8 Bde., Lpz. 1847). Vgl. Guadet, Les Girondinsv 2 Bde., Par. 1861): Vatel, «Recherches historiques sur les Girondinso (2 Bde., Par. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 57Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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