FeedGliedschwamm
HeilkundeBrockhaus 1882

Gliedschwamm, weiße Gelenkgeschwulst oder fungöse Gelenkentzündung (EFungus oder Tumor albus articulorum), zuweilen auch, weil am häufigsten das wulser davon ergriffen wird, weiße Kniegeschwulst genannt, heißt eine sehr chronisch verlaufende, von der Synovialschleimhaut ausgehende und allmählich durch üppig wuchernde Granulationen die Gelenkknorpel und die umgebenden Weichteile erweichende Gelenkentzündung, welche alsbald auch die knöchernen Gelenkenden durch Verschwärung zerstört und häufig durch Fieber und Säfteverluste das Leben des Kranken auf das höchste bedroht. Dieses bösartige übel beginnt meist mit einem Gefühl von Schwere und Spannung in dem erkrankten Gelenk, welches nach und nach mit einer unter der Haut liegenden, schwammig anzufühlenden Geschwulst umgeben wird. Dazu gesellen sich heftiger Schmerz und Hitze in der affizierten Stelle, außerdem Allgemeinleiden des Körpers, Fieber und Schwäche. Der unter dem Gelenk liegende Teil magert gewöhnlich beträchtlich ab, die Haut über der Geschwulst wird schließlich rot und blau und die ganze Gelenkgegend schwillt durch Zusammendrückung der das Blut zurückführenden Gefäße wassersüchtig an. Bricht endlich die Geschwulst auf, so ergießt sich Eiter in Menge, der bald durch Eintritt von Luft in die Eiterhöhle zur übelriechenden Jauche wird, und das ganze Knochengelenk nebst den Kapselbändern wird auf diese Weise zerstört. Dabei wird der Kranke durch schleichendes Fieber, Schweiße, Schlaflosigkeit und große Schmerzen auf den höchsten Grad der Ers chöpfung gebracht, bis endlich der Tod, manchmal freilich erst nach langen Leiden, erfolgt. Der G. befällt mehr Frauen als Männer, meist zwischen dem 30. und 60. Jahre, obwohl auch das jugendliche Alter, namentlich Kinder von 2—5 Jahren, nicht davon verschont bleibt. Skrofulöse und gichtische Anlage, syphilitische, tuberkulöse und skorbutische Dyskrasie disponieren vorzüglich zu dieser Krankheit; äußere Beschädigungen (Stoß, Schlag, Fall, Quetschung) oder Erkältungen des Gelenks, sowie Unterdrückungen gewohnter Absonderungen bringen meist das Ubel zum Ausbruch. Selten ist eine Heilung möglich, da der Kranke selbst im Anfang die Krankheit nicht beachtet, und wenn er dann den Arzt zu Rate zieht, bereits die Mittel nicht mehr hinreichen, um das übel zu heben. Das Beste, was sich dann noch erreichen läßt, ist Heilung mit zurückbleibender Gelenksteifigkeit. Im Anfang des Leidens erweisen sich außer einer zweckmäßigen stärkenden Diät absolute Ruhe und Unbeweglichkeit des kranken Gelenks, kräftige Hautreize, energische Anwendung der Kälte, methodische Komvression und die naperbändt der kranken Gelenkenden durch Extensionsverbände nützlich, während in vorgeschrittenen Stadien oft nur noch von der rechtzeitiben Ausschälung (Resektion) des ergriffenen Geenks oder von der Amputation des Gliedes die Erhaltung des Lebens zu erwarten ist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 109Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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