Gloeester, s. Gloucester. Glocke (von glocken, altdeutsch olochon, d. i. klopfen; frz. cloche, engl. bell), ein hohles, gewöhnlich metallenes Gerät in Gestalt eines stumpfen, unten auswärts gebogenen Kegels, mit einem Klöppel versehen, welcher, wenn die G., resp. er selbst bewegt wird, durch Anschlagen einen Schall hervorbringt. Das zu den meisten G. und fast immer zu größern Kirchenglocken benutzte Metall, Glockengut oder Glockenspeise genannt, ist eine Komposition von Kupfer und Zinn (Bronze), wie sie früher vielfach auch zum Geschützguß Verwendung fand, weshalb öfters Geschütze zu G. umgegossen wurden (die Kaiserglocke für den kölner Dom). Da in ältern Zeiten die Meinung verbreitet war, daß durch einen Zusatz von Silber zur Glockenspeise der Klang der G. ein schönerer und reinerer werde, pflegte das gläubige Volk beim Gießen einer Kirchenglocke Silbergegenstände gleichsam als Opfergabe darzubringen. In neuerer Zeit hat man jedoch in England durch Gießen von vier G. aus verschiedenen Legierungen (die erste aus bloßem Glockengut, die andern mit steigendem Silberzusatz) bewiesen, daß das Silber den Ton der G. nicht verbessert, sondern sogar geradezu verschlechtert, indem die am meisten mit Silber versetzte G. am wenigsten rein, diejenige aus bloßem Glockengut am reinsten klang. Da ferner trotz der sorgfältigsten Analysen in alten G. sich kein Silber Ingoelches ließ, ist anzunehmen, daß das Gießloch, in welches die gläubige Menge ihr Silber hineinwarf, gar nicht zu der eigentlichen Schmelzmasse führte. Reines Glockengut hat eine Zusammensetzung von 78 Teilen Kupfer und 22 Teilen Zinn, ist von gelblichgrauer Farbe, feinkörnig im Bruch, schmilzt leicht und wird sehr dünnflüssig, wodurch Verzierungen und Inschriften des Modells im Guß sehr rein und scharf zum Ausdruck kommen. über das Gießen der G. s. unter Metallguß. Jede G. hat oben einen Kreuzhenkel, die sog. Krone, mit welchem sie im Glockenstuhl (s. d.) befestigt wird. Gewöhnlich ist für die zu gießende G. das Gewicht und die Tonhöhe vorgeschrieben und muß bei der Konstruktion des Modells hierauf Rücksicht genommen werden. Die Größe der G. richtet sich nach dem Gewicht, während die Tonhöhe durch die Stärke der Wandungen und namentlich des Schlagrings (desjenigen Teils, an den der Klöppel schlägt) bestimmt wird. Durch die Form der G. wird der Ton nur in geringem Maß beeinflußt. Meist sind auf den Kirchtürmen ganze Geläute, d. h. eine größere Anzahl von G., vorhanden, die untereinander in einem bestimmten Tonverhältnis stehen, sodaß das Geläute aller G. harmonisch zusammenklingt. Falls die fertige G. den geforderten Ton nicht genau hervorbringt, kann man sich durch Abdrehen des Schlagrings sehr 16 doch ist dieses Auskunftsmittel nicht nur sehr kostspielig, sondern auch in-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. folge der Sprödigkeit des Metalls äußerst schwierig. Andererseits hängt das gute Geläute einer G. auch von der richtigen Konstruktion des Klöppels ab. Derselbe besteht aus einem im Innern der G. frei hängenden, unten verdickten Stab aus Schmiedeeisen, der beim Läuten der G. gegen den Schlagring schlägt. Ist der Klöppel zu leicht, so schwingt er mit der G. und schlägt infolge dessen gar nicht oder nur unre Pundet an den Schlagring an. Die in Nordamerika und England nicht ganz seltenen Stahlstabgeläute, die sich durch Wohlfeilheit und Leichtigkeit auszeichnen, haben bisjetzt in Deutschland keinen Eingang gefunden, da ihr Ton zwar angenehm, aber nicht weit genug vernehmbar ist. Dagegen scheinen die in Bochum in neuerer Zeit verfertigten Stahlglocken sich langsam Bahn zu brechen; dieselben haben einen schönen, reinen Klang und sind weit billiger als Bronzeglocken. Freilich sind gesprungene Stahlglocken wertlos, während Bronzeglocken umgegossen werden können. Schon im frühesten Altertum bediente man sich der Cymbeln, Schellen und Handklingeln zu religiösen Gebräuchen. Namentlich weiß man, daß in Agypten das Osirisfest durch Glockenspiel verkündet wurde; bronzene Glöckchen wurden in Assyrien gefunden, solche von Gold trugen Aaron und die Hohenpriester der Juden am Saum des langen seidenen Oberkleides, und in Athen bedienten sich der G. die Cybelepriester bei ihren Opfern. Das klösterliche Gemeinleben der Buddhisten in Indien führte sie schon frühzeitig Hahern zur Zusammenberufung der Gläubigen große metallene Glocken — benuten. Auch die Römer kannten für die Anündigung öffentlicher Versammlungen den Gebrauch von G., man nannte sie tintinnabula, und Sueton berichtet, daß Augustus eine solche vor dem Tempel des Jupiter aufhängen ließ. Für die christl. Kirche lag eine gleiche Verwendung sehr nahe. In der ersten Zeit freilich und solange der Gottesdienst nur im geheimen stattfinden konnte, mußte der Cursor die Gläubigen rufen, und selbst nach dem Siege des Christentums mochte noch geraume Zeit vergehen, bis G. in ausreichender Größe allmählich an die Stelle der mit dem Hammer geschlagenen Holz- oder Metallplatten zu treten begannen. Campanisches Erz, schon bei den Alten in großem Ansehen, wurde hierfür am passendsten gefunden und später nach ihm die G. selbst (eampana) benannt; ob und inwieweit jedoch der heil. Paulinus von Nola in Campanien für die Einführung der G. in den kirchlichen Gebrauch thätig ½ wie man annimmt, muß bei dem dangel jeder Andeutung in seinen Schriften dahingestellt bleiben. Wohl aber werden schon im 6. Jahrh. auch außer Italien G. erwähnt, nämlich in Frankreich durch Gregor von Tours, ebenso auf den brit. Inseln im Leben des Schotten Dagäus; die Kapitularien Karls d. Gr. deuten schon auf die allgemeine Verbreitung der G., wie denn auch in Pontifikalien des 8. Jahrh. sich der Ritus der Glockenweihe bereits ausgebildet vorfindet; in der Mitte des 10. Jahrh. bespricht man schon vielfach die Harmonie des Geläutes. Das Wort cloca kommt zuerst als lat. Wort in der Briefsammlung des Bonifacius aus dem 8. Jahrh. vor; als deutsches loggav, ccloccas, erscheint es nicht vor dem 9. Jahrh. Die berühmten Glockengießerfamilien zu Nürnberg und Augsburg datieren aus dem 14. Jahrh.; im 15. Jahrh. hatte besonders Ghert van Wou aus Kampen in Holland einen Namen, desgleichen die Familie Klinge (Klinghe) in *— Kland dern, welche 0. Die frn im nordwestl. Deutschland thätig waren. Die Engee streng beobachtete Geheimthuerei der Glockengießer hat namentlich dazu beigetragen, daß die Glockengießerei lange Jahrhunderte hindurch keine Fortschritte gemacht und daß jeder — einer G. ein Glücksspiel war, das in vielen Fällen den empirischen Gießer im Stich ließ. Gegenwärtig bietet das Gießen einer G. von genau bestimmtem Tone keine Schwierigkeiten mehr. Sie werden gewöhnlich auf den Kirchtürmen im Glockenstuhl, zum Teil aber auch auf eigens dazu erbauten Glockentürmen aufgehangen. Ersterer wird gewöhnlich aus eichenem 996 gefertigt, darf mit den Mauern des Turms in keiner Verbindung stehen und gehört überhaupt zu den Meisterstücken der Zimmerkunst. Unter die größten G. gehört die des Kreml zu Moskau, 4320 Ctr. schwer, welche beim Brande 1737 herunterfiel und in der Erde lag, bis sie 1836 auf einen Im hohen Granitsockel neben dem „Iwan Welikys genannten Glockenturm gehoben wurde; serner die auf dem Turme Iwan Weliky selbst, 1000 Ctr. schwer und 1819 gegossen; die Kaiserglocke auf dem Kölner Dom, 543 Ctr. (26 250 kg) schwer; die Hauptglocke der Peterskirche zu Rom, 380 Ctr. schwer; die G. auf dem mittlern Domturme zu Olmütz in Mähren, 358 Ctr. schwer; die Josephinische G. auf dem Stephansturm zu Wien, 354 Ctr. schwer; die G. auf Notre-Dame zu Paris, 340 Ctr. schwer; die große G. Maria gloriosa in * 275 Ctr. schwer. gl. Otte, 4Glockenkundes (Lpz. 1858); Zehe, „Histor. Notizen über die Glockengießerkunst des Mittelalterso (Münster 1857), und die Berichte über die Industrieausstellungen in München, Paris, London, Wien und Philadelphia.