FeedGorod
ErdkundeBrockhaus 1882

Gorod, grad, bedeutet im Russischen Stadt, ursprünglich Burg, ein mit einem Walle umgebener oder durch Benutzung oder Aufschüttung eines Hügels befestigter Ort, an den sich die Bewohner einer Landschaft zum Schutze vor feindlichen Einällen zurückziehen konnten, und wo auch zugleich der Narkt für den örtlichen Handel und wohl auch der Sitz der Stammesältesten war. Eine Anzahl solcher Ortschaften gab es schon vor der Gründung des russ. Reichs, z. B. Nowgorod, Kiew, Tschernigow u. a. Die Fürsten gründeten noch weitere Städte, und setzten in alle Statthalter (possadnik) ein. Hierdurch wurden die Städte Mittelpunkte für die Verwaltung der Landschaften. Man unterschied zwischen der (Mutter⸗-YStadt und den Nebenstädten (prigorod). Die letztern sind Kolonien, welche zum Schutze entfernterer Teile der Landschaft oder hin und wieder zu Handelszwecken gegründet wurden und von der Mutterstadt abhingen. Eine einfache Befestigung zum Schutze der Grenzen nannte man gorodok (Burg). Die Bewohner der Nebenstädte konnten teilnehmen an der Volksversammlung der (Mutter⸗)Stadt, doch gab es hierbei keinerlei geregelte Vertretung. Bei der Zersplitterung Rußlands in Teilfürstentümer erhielten viele Städte dadurch eine besondere Bedeutung, daß sie fürstl. Residenzen, d. h. Verwaltungsmittelpunkte für größere Landschaften wurden. Eine selbständige Bedeutung als Handelsplätze haben nur wenige Städte an der Westgrenze erlangt: Nowgorod, Pleskau (Pskow), Smolensk, Polotzk. Im moskauischen Zartume haben die Städte nur die Bedeutung administrativer Mittelpunkte der einzelnen Kreise (Ujesd, s. d.). Die Stadtbewohner unterschieden beo nur wenig von den Landbewohnern; erst mit dem Ende des 16. Jahrh. beginnen die Bemühungen der Regierung, Handel und Industrie zu heben, und zu Ende des 17. Jahrh. ergriff die Regierung Maßregeln, um die Verwaltung der Städte vor den Bedrückungen der Wojwoden 0 schützen. Peter d. Gr. errichtete eine Centralbehörde, den Hauptmagistrat, deren Außgabe war, den Bürgerstand zu heben und das Au blühen der Städte zu fördern. Als Vorbild für die Organisation der Städte dienten die deutschen Einrichtungen, vornehmlich Rigas. Erst unter Katharina II. kam es zu einer definitiven Organisation in der Städteordnung von 1785, die übrigens einen absträkten schematischen Charakter trug. Eine wirkliche Selbstverwaltung der Städte wurde durch diese Organisation nicht erreicht. Die Verwaltung derselben wurde nach wie vor nach dem Ermessen der Polizeimeister (gorodniczi, etwa Stadtmann, einer, der die Stadt verwaltet) und Gouverneure geführt. Nach verschiedenen mehr oder weniger mißglückten Reorganisationsversuchen in Petersburg 1846, in Moskau 1861 und Odessa 1863 wurde auf Grund des letzten im J. 1870 eine neue Städteordnung erlassen. Diese ließ die bisherige Steuergemeinde und die städtischen Korporationen der Kaufmanns (kupeczestwo), Handwerker (remeslenniki) und Kleinbürger (meszcaane) bestehen, wenn dieselben auch in den meisten Städten nur auf dem Papier bestanden und nur in küche Vedeutune wenigen großen Städten eine wirkliche Bedeutung erhalten hatten, und übertrug die Verwaltung der ökonomischen Angelegenheiten der Stadt einer von den Handel⸗ und Industrietreibenden oder Häuser besitzenden Einwohnern nach drei Steuerklassen gewählten Stadtverordnetenversammlung (gorodskaja duma, d. i. Stadtrat). Diese wählt aus ihrer Mitte das Stadtamt (gorodskaja uprawa), einen Verwaltungsausschuß, dessen Vorsitzender Stadthaupt (gorodskoi golowa) heißt. Diese Organe der Selbstverwaltung ver⸗ — ohne direkte Kontrolle der Regierung über en Stadtsäckel, stellen die städtischen Abgaben fest, Sachen Verordnungen in Peeuleforicteitlache Sachen, haben aber trotzdem keinerlei obrigkeitliche Gewalt, und können der von ihnen bezahlten Poliei keinerlei Vorschriften erteilen; dieselbe steht ausschließlich unter den Regierungsbehörden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 205Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6