Haarschwund (Alopekie, Defluvium pilorum), das krankhafte Ausfallen der Haare, befällt am häufigsten das Haupthaar, seltener das Barthaar, die Augenbrauen und die übrigen behaarten Körperstellen, tritt entweder akut nach gewissen schweren Konstitutionskrankheiten (Typhus, Pocken, Gesichtsrose, Syphilis u. a.) auf, in welchem run: gewöhnlich nach der Beseitigung der betrefenden Grundkrankheit auch das Ausfallen der Haare nachläßt und ein mehr oder minder kräftiger Haarwuchs sich wieder einstellt, oder stellt sich von Anbeginn an als ein chronisches, in seinen ersten Anfängen meist unmerkliches und über Jahre und Jahrzehnte sich erstreckendes Leiden dar, wobei nach und nach das neugebildete Haar immer dünner und spärlicher wird und schließlich eine bald umschriebene, bald ausgedehnte Kahlheit (Kahlköpfigkeit oder Glatze) ue sehr In dieser Form ist der chronische e eine sehr häufige Teilerscheinung des Greisenalters (sog. Altershaarschwund), kommt aber auch vielfach bei jüngern Individuen, insbesondere jüngern Männern vor (vorzeitiger Haarschwund). Der Ursachen des frühzeitigen H. gibt es gar viele, insbesondere vermögen alle erschöpfenden Säfteverluste, geschlechtliche Ausschweifungen, anhaltende geistige Anstrengungen, schwere und drückende Sorgen und Gemütsaffekte, chronischer Magenkatarrh und anhaltender nervöser Kopfschmerz vorzeitigen Haarverlust herbeizuführen. Häusig liegt der Krankheit auch eine ausgesprochene erbliche Anlage zu Grunde, in andern Fällen ein örtliches Hautleiden der Kopfschwarte, welches in einer krankhaft vermehrten Absonderung von Hauttalg besteht und mit einer Absetzung zahlloser feiner, — trockener Schuppen einhergeht. (S. Seborrhöe.) 81 wiederum andern Fällen liegen der vorzeitigen ahlköpfigkeit parasitäre Haarpilze zu Grunde. (S. unter Haare, am Ende.) Die Behandlung des vorzeitigen H. muß vor allen Dingen in einer sehr sorgsamen und schonenden Haarpflege (s. unter Haare) bestehen, wobei jedoch alle stark reizenden Einwirkungen, namentlich kalte Douchen und zu häufige Seifenwaschungen von dem Haarboden fernzuhalten sind. Für das erste Stadium des chronischen H., in welchem das ausfallende Haar noch nicht verdünnt, Duneur, nur kürzer als normal erscheint, empfiehlt incus, der sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung der Haarkrankheiten beschäftigt, als beste Heilmethode folgendes einfache Verfahren: 2—4 g doppeltkohlensaures Natron werden in 180 g (12 Eßlöffeln) destillierten Wassers aufgelöst und davon an zwei oder drei aufeinander folgenden Tagen der Woche ein bis zwei Eßlöffel mit einem kleinen Schwamm sorgfältig zwei bis fünf Minuten lang in den Haarboden des Vorder⸗ und ac Wud. eingerieen; am dritten oder vierten Tag wird die Kopfhaut mäßig mit einem milden Öl eingeölt und an den folgenden Tagen in der gewohnten Weise frisiert. Ist die Kopfhaut sehr spröde oder die Schuppenbildung sehr reichlich, so setze man der angegebenen Mischung einen Eßlöffel voll reines Glycerin hinzu. Das Verfahren wird 5 bis 12 bis 18 Monate hindurch in der beschriebenen Weise angewendet, bis die vorgenommene Zählung des ausfallenden Haars ergibt, daß die kurzen Haare ein Fünftel oder ein Viertel des Gesamtausfalls ausmachen; dann wird die Einreibung seltener vorgenommen. Für das zweite Stadium der Krankheit, in welchem das ausfallende Haar nicht bloß kürzer, sondern auch dünner ist, läßt sich keine allgemein gültige Vorschrift erteilen; nur so viel läßt 216 allgemeinen sagen, daß in diesem Stadium Waschungen und Einreibungen mit Sublimat, Jodkalium, Borsäure, Fowlerscher Arseniklöfung, Schwefelmilch und andern Mitteln zu empfehlen sind, deren Dosierung und Anwendungsweise aber in jedem einzelnen Fall vom Arzt genau bestimmt werden müssen. Vor dem Gebrauch der Mingiic Geheimmittel gegen den H. kann nicht eindringlich genug gewarnt werden, da dieselben in den allermeisten Fällen nicht nur völlig nutzlos sind, sondern auch vielfach durch ihren Gehalt an schädlichen Substanzen geradezu direkten Schaden stiften. (S. Geheimmittel.) Vgl. Pincus, «Die Krankheiten des menschlichen Haars und die Haarpfleges (2. Aufl., Berl. 1879).