FeedHartmann (Karl Rob. Eduard von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hartmann (Karl Rob. Eduard von), deutscher Philosoph, wurde als Sohn des Generals Robert von H. in Berlin 23. Febr. 1842 geboren und trat nach Absolvierung des Gymnasiums 1858 in das Gardeartillerieregiment ein. Später besuchte er die Vereinigte Artillerie⸗ und Ingenieurschule und wurde 1860 Offizier. Nachdem er durch ein neroöses Knieleiden sich genötigt gesehen hatte, 1865 seinen Abschied zu nehmen, widmete er sich gänzlich und ließ zwei Jahre darauf das Werk erscheinen, welches seinen Ruf begründete: Die Philosophie des Unbewußteno (Berl. 1869; 9. Aufl. in 2 Bdn., Berl. 1882). Aus einer Verschmelzung der Schoenhauerschen Willenslehre mit dem Entwickelungsystem Schellings und Hegels hervorgegangen, suchte dies Werk den Weltprozeß aus dem Antagonismus von Wille und Vorstellung als den beiden Attributen der aunbewußten Substanz zu erklären: die geistvolle, durchsichtige Darstellung, die glückliche Verwendung einer Fülle von naturwissenschaftlichen Kenntnissen und die interessante Ausführung pessimistischer Gedankengänge, die sich leichwohl in letzter Instanz einem «evolutionisti-Hew⸗ Optimismus einfügen sollten, brachten dem Verfasser eine schnelle Popularität und dem Werke eine große Verbreitung. Später erregte H. nicht minder großes Ent u⸗ als er seiner theoretischen Philosophie die Ethik unter dem Titel KPhänomenologie des sittlichen Bewußtseins v (Berl. 1879) und die Religionsphilosophie in zwei Teilen, Das religiöse Bewußtsein der Menschheit im Stufengange seiner Entwickelungo und Die Religion des Geistesd (Berl. 1882) hinzufügte. Als Vorbereitung und Ergänzung für das letztere Werk können Die Selbstzersetzung des Christentums und die Religion der Zukunfto (Berl. 1874) und Die Krisis des Christentums in der modernen Theologies (Berl. 1881) gelten. Neben diesen Hauptwerken sind außerdem folgende Monographien zu nennen: Küber die dialektische Methodey (Berl. 1868), ⸗Schellings positive Philosophie als Einheit von Hegel und Schopenhauer (Berl. 1869), „Das Ding-an-sich und seine Beschaffenheitv (Berl. 1871; 2. Aufl. unter dem Titel Kritische Grundlegung des transscendentalen Realismus», Berl. 1875), Wahrheit und Irrtum im Darwinismusv (Berl. 1875), Zur Reform des höhern Schulwesensy (Berl. 1875), Die polit. Aufgaben und Zustände des Deutschen Reichsoy (Berl. 1881). Üüberhaupt hat H. teils im Interesse der Verbreitung seines Systems, teils in Besprechung von Tagesfragen aller Art eine vielseitige litterarische und publizistische Thätigkeit entwickelt, deren Früchte als Studien und Aufsätze gemeinverständlichen Inhaltso (Berl. 1876) vorliegen. Auch poetisch hat er sich früher versucht, wie seine beiden als „Dramatische Dichtungen von Karl Robertv (Berl. 1871) erschienenen Tragödien Tristan und Isolder und «David und Bathsebap beweisen. Dieser Fruchtbarkeit von His schriftstellerischer Thätigkeit entspricht die Breite der Anregung, welche er teils zu beifälligen, teils zu polemischen Besprechungen gegeben hat. Ein Verzeichnis der auf H. bezüglichen Litteratur hat Plumacher in seiner Schrift Der Kampf ums Unbewußtes (Berl. 1881) gegeben. H. selbst hat zu den verschiedenen Kritiken in mehrern Schriften Stellung genommen: „Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismusp (2. Aufl. 1877), Kirchmanns erkenntnistheoretischer Realismusv (Berl. 187⁵5), „Das Unbewußte vom Standpunkt der Physiologie und Descendenztheoriey (Berl. 1877, als 2. Aufl. einer 1872 anonym von H. herausgegebenen Selbstkritik). Vgl. Köber, 4H.s philosophisches Systemo (Bresl. 1884), 4Lichtstrahlen aus H.s Werkenv (herausg. von Schneidewin, Berl. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 872Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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