FeedHartmann
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hartmann (Mor.),deutscher Dichter und Schriftsteller, geb. 15. Okt. 1821 zu Duschnik in Böhmen, von israel. Abkunft, studierte 1838 zu Prag, 1840 in Wien und bereiste dann 1842 Italien, die Schweiz und Süddeutschland. Nach seiner Rückkehr übernahm er eine Erzieherstelle in Wien, verließ aber 1844 Osterreich, um seine erste Gedichtsammlung Kelch und Schwertv (Lpz. 1845; 3. Aufl. 1851) ohne Gefahr veröffentlichen zu können. In derselben gibt er den Freiheitsideen auf kirchlichem und Vum Teil Gebiete voll jugendlicher Leidenschaft, zum Teil auch in wehmütigen Klängen Ausdruck. Nachdem er sich einige Zeit in Belgien und rankreich aufgehalten hatte, veröffentlichte er in eipzig Neuere Gedichte (1846). Als er gegen Ende 1847 wieder nach Ssterreich zurückkehrte, ward er in Kriminaluntersuchung genommen, der jedoch die Märzrevolution ein Ende machte. H. trat nun in Prag an die Spitze der deutschen Partei und wurde vom Wahlbezirk Leitmeritz zur Deutschen Nationalversammlung gewählt, in der er der demokratischen Linken angehörte. Zu Frankfurt gab er die «Reimchronik des Pfaffen Maurizius o E Hefte, Frankf. 1849), im naiven Chronikenstil gehaltene satirische Fresken aus der Paulskirche, heraus. Mit Blum und Fröbel begab er sich im Okt. 1848 nach Wien, von wo er nach der Verhaftung Blums noch glücklich entkam. Nach der Auflösung des Rumpfparlaments in Stuttgart wandte sich H. nach der Schweiz, dann nach England und im Herbst 1850 nach Paris, von wo aus er das südl. Frankreich und die Bretagne durchreiste. Anfang 1854 ging er auf den Kriegsschauplatz nach der Türkei, wo er 18 Monate verweilte. Nachdem er hierauf mehrere Jahre in Paris gelebt, machte er 1860 eine Reise durch Dänemark, Deutschland, die Schweiz und Italien und ließ sich dann in Genf nieder. Daselbst hielt er unter großem Beifall Vorlesungen über deutsche Litteratur und Geschichte an der Akademie. Im J. 1863 siedelte er nach Stuttgart über, wo er Anfang 1865 die Redaction der „Freya übernahm, ging jedoch im Herbst 1868 nach Wien, erhielt dort die Redaction des Feuilletons der RNeuen Freien Pressev, erkrankte aber bald und starb 13. Mai 1872 zu Oberdöbling bei Wien. Seinem auf böhm. Lokalgrunde mit epischer Breite ausgeführten Roman „Der Krieg um den Wald (Frankf. 1850) folgten das idyllische Epos »Adam und Cvas (Lpz. 1851), das reich an anmutigen Partien ist, und &Schatten» (Darmst. 1851), eine Sammlung poetischer Erzählungen. In einer spätern Gedichtsammlung, den Zeitlosenv (Braunschw. 1858), bekundete er das Streben nach plastischer Klarheit und künstlerischem Maß im Gedanken und in der Empfindung. Höchst anziehend schildert er seine eigenen Erlebnisse in dem Tagebuch aus der Provence und Languedocz (2 Bde., Darmst. 1852 53) und den Erzählungen eines Unstäten» (2 Bde., Berl. 1858). Hieran reihen sich die «Erzählungen meiner Freundes (Frankf. 1860), (Bilder und Büsteno (2 Bde., Frankf. 1860), die oMovellenv (3 Bde., Hamb. 1863), die Novellensammlungen Nach der Naturv (3 Bde., Stuttg. 1866) und Von Frühling zu Frühlinge (Verl. 1861), endlich Die letzten Tage eines Königso (Stuttg. 1866; 2. Aufl. 1867). H.s letzte Dichtungen, in denen keineswegs eine Ab⸗ „Mare seiner poetischen Kraft sichtbar wurde, sind: „Märchen nach Perrault neu erzählte (mit Illustrationen von Doré, Stuttg. 1867) und der Roman „Die Diamanten der Baronino (2 Bde., Berl. 1868). Seine „Gesammelten Werker erschienen in 10 Bänden (Stuttg. 1874), seine «Gedichter in Auswahl (Stuttg. 1874). Mit Szarvady übersetzte H. die „Gedichten Petöfis (Darmst. 1851) und mit Pfau bretonische Volkslieder (Köln 1859). Vgl. Ziel, „Moritz H. Ein litterarischer Essayv, in Unsere Zeite (Jahrg. 1872, 2. Hälfte).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 872Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6