FeedHebräer oder Ebräer
ErdkundeBrockhaus 1882

Hebräer oder Ebräer, gewöhnlich als Abkömmlinge des Jenseitslandes (Eber), d. h. des Landes jenseit des Euphrat, gedeutet, scheint zwar ursprünglich die Bezeichnung einer größern aramäisch-arab. Völkersippe gewesen zu sein, haftete aber weiterhin fast ausschließlich an demjenigen Einzelvolke derselben, welches sich selbst Bene-Israel nannte, aber bei andern Völkern den Namen H. führte und im Verkehr mit ihnen sich auch selbst so benannte. Diese Israeliten-H. wollen nach ihren eigenen Vätersagen mit einer etwa 2000 Jahre v. Chr. vor sich gegangenen Völkerschiebung von jenseit des Euphrat nach Palästina gekommen sein und dort in drei durch die Namen Abraham, Isaak und Jakob bezeichneten Stufen aus einent Kreise näher verwandter semit. Völker sich als der eigentliche Kern derselben ausgeschieden haben, weiterhin dann (in der Zeit der Hirtenkönige oder Hyksos, s. d.) nach hr gewandert und dort, in Gosen, der nordöstl. Grenzprovinz Agyptens, zu einem großen, streitbaren Volke herangewachsen sein. Die Bedrückungen, mit welchen die Herrscher des neuen ägypt. Reichs gegen sie vorgingen, regten in ihnen das Bewußtsein ihres eigentümlichen nationalen Wesens mächtig an; der Hauptträger dieses Bewußtseins, der große Prophet und Volksführer Moses, nahm im Namen des Gottes der Väter, des Herrn in den Himmelshöhen, den Kampf gegen die Bedrücker auf und führte siegreich sein Volk aus dem Bereiche der ägypt. Macht hinaus. Diese Befreiung vom ägypt. Joche galt fortan dem Volke als die Geburts⸗ und Weihezeit seiner Volkstümlichkeit und seiner höhern nationalen Religion. Unter Moses' Leitung gelangten die H. an die Südgrenze Kanaans; aber beim ersten Versuche, dort festen Fuß zu fassen, zurückgeschlagen, mußten sie sich vorerst auf das Wüstenleben beschränken, um ein Menschenalter später das Eindringen in Kangan von Osten her mit besserm Erfolge zu versuchen. In die Zeit dieser Wüstenwanderung mit ihren Kämpfen und Nöten fällt die sog. Gesetzgebung am Sinai und die unausgesetzte Bemühung Moses' und seiner Gehilfen, dem Volke die in den Befreiungsthatsachen liegenden Lehren zum Verständnis zu bringen, ihm die Ideen eines über die Heidengötter erhabenen heiligen Gottes (Jahve, Heit des we 191 Reinheit der Person, Rechtschaffenheit des Wandels und Ausschließlichkeit seiner Verehrung verlangt, aufzuschließen und ihm durch einzelne tiefer greifende Einrichtungen seinen Charakter als eines Volks dieses Gottes aufzuprägen. Der strenge geistige Monotheismus, den man in der Prophetenzeit findet, ist zwar erst die Frucht einer längern geschichtlichen Entwickelung, aber die Grundzüge dieses höhern Gotteslaubens und die einfachsten Ordnungen des häusichen, bürgerlichen und sittlichen Lebens sowie des Gottesdienstes müssen auf Moses' Wirken zurückgehen, und von en muß der Anstoß zu jener eigentümlichen religiösen Richtung gegeben sein, in deren Festhaltung und Weiterbildung sich je mehr und mehr die weltgeschichtliche Mission der H. verwirklichte. Die Ausgestaltung dieser Grundzüge aber u der ausführlichen Gesetzescodifikation in den sog. üchern Mosis ist erst das Werk einer spätern Zeit. Die endlich geglückte Eroberung des Ostjordanlandes, wo sich die Stämme Ruben und Gad (späterhin auch ein Teil von Manasse) festsetzten, und danach die erste Niederwerfung der kanaanäischen Macht im Westjordanlande unter Josua gaben zwar der Begeisterung für den Nationalgott neue Nahrung. Aber die einheitliche Zusammenfassung der Volkskraft hielt nicht auf die Dauer vor. Die wirkliche Besitzergreifung des Landes erforderte lange Kämpfe mit den bisherigen Bewohnern, in welchen die Stämme vereinzelt vorgingen. Nur die stärkern, wie Juda im Süden, Ephraim-Manasse in der Mitte des Landes, kamen früher zum Ziele; andere waren minder glücklich und mußten sich länger abmühen. Viele kanaanäische Städte und Bezirke hielten sich unabhängig, besonders an der Küste und im Norden des Landes, oder machten gar israel. Stämme, wie Isaschar und Sebulon, dienstbar. Ebenso machten die Grenznachbarn, wie Moab und Ammon, die Midianiter, zuletzt die Philister, immer wieder Angriffe auf kleinere oder größere Landesteile. In dem ganzen, etwa 300jährigen Zeitraume, welchen man die Richterperiode nennt, dauerten die Kämpfe bald dieser, bald jener Stämme oder Stammesgruppen um Besitz und Unabhängigkeit fort; selbst Bürgerkriege fehlten nicht. Wenn es auch den unterdrückten Landesteilen schließlich immer wieder gelang, unter der Führung tüchtiger Häuptlinge, wie Ehud, Barak und die Prophetin Debora, Gideon, Jephtha, sich ihrer Feinde zu erwehren, so war doch eine nach-Water Hilfe nicht geschafft. Jene Häuptlinge, päter Richter genannt, hatten immer nur lokale Gewalt. Das Centralheiligtum des mächtigen Ephraimstammes in Silo vermochte die auseinander gefallenen Volksteile nicht zu einigen. In den vielen Kriegen verwilderten die Sitten. Auch in Religionssachen lebte man sich mehr und mehr in die kanaanäische Art ein; Jahve wurde vielfach unter dem Bilde des Stiers oder in Gestalt eines Hausgottes (Teraphim) verehrt und neben uen zumal in den Zeiten des Unglücks, auch die alten Landesgottheiten. Diese sinkende Saenehmii in welcher die H. mehr und mehr ihr eigentümliches Wesen zu verlieren drohten, brachte erst die zuneh-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. mende Übermacht der Philister zum Stillstande. Im Kampfe gegen sie scheint schon dem Priester Eli zu Silo die Zusammenfassung größerer Volksteile gelungen zu sein. Aber erst sein Zögling Samuel führte die entscheidende Wendung zum Bessern herbei. In ihm brach wen ersten male wieder seit Moses die religionbildende Prophetie mit Kraft hervor und weckte in weiten Kreisen Sinn und hers Rellaie für die nationale Sache und die höhere Religion; die längst angestrebte Einigung des Volks unter einem König kam wesentlich unter seiner Mitwirkung zu Stande. Mit Saul, dem König aus Benjamin (1075 nach der gewöhnlichen Rechnung, wahrscheinlich aber etwa 40 Jahre später anzusetzen), beginnt die polit. Blütezeit der Nation, welche das Jahrhundert der drei ersten Könige umfaßt. Saul selbst wies die feindlichen Einfälle auf allen Grenzen des Landes mit Kraft zurück und errang durch seine Rettungsthaten sich selbst und dem Königtum überhaupt die allgemeine Anerkennung. Aber das Ende seiner etwa 20jährigen Regierung war unglücklich; er er11. der philistäischen übermacht. Erst dem David gelang es, dieselbe entscheidend zu brechen und durch Niederwerfung der Nachbarvölker ringsum den H. eine bisher nie geahnte Machtstellung und im Innern eine dem heimischen Recht und Glauben entsprechende Ordnung zu schaffen. Sein Sohn und Nachfolger Salomo erhielt, in 40jähriger Regierung, den anererbten Besitz, schuf der Religion im Tempel zu Jerusalem einen glänzenden Mittelpunkt, brachte Handel, Gewerbe und friedliche Finer N Aufblühen, gelangte aber mit übermäßiger Anspannung der Kräfte des Volks für seine Bauten und Heere, mit verschwenderischer Hof⸗ und Haremhaltung, mit streng monarchischem Beamtenregiment und mit seiner Begünstigung der Gottesdienste der unterworfenen Völker allmählich in Bahnen hinein, welche dem einfachen Sinn und dem Freiheitsgefühl der Bürger widerstrebten. Die Unzufriedenheit mit seiner Regierungsweise brach unter seinem Sohne Rehabeam in offene Empörung aus. Der Stamm „Mmucßt der längst über die seit David begründete Obmacht Judas grollte, trennte vom Reiche Judas sich los und riß die meisten übrigen Stämme mit sich fort. An die Spitze des neuen Königreichs trat der ephraimitische Feldherr Jerobeam (975 v. Chr.; besser 937). „Die neue Regierung knüpfte an die alten Traditionen der vordavidischen Zeit wieder an, erneuerte auch, im Gegensatze zu der unter David und Salomo eingeführten Kultusordnung, die alte Verehrung Jahves im Stierbilde an zahtteichen heiligen Stätten. Dagegen behauptete sich in Juda die Davidische Dynastie. Die Trennung des Reichs aber den zwar die polit. Macht des hebr. Volks, aber der not wockte der beiden Reiche und die häufige Kriegsnot weckte zuerst im nördlichen, danach auch im südl. Reiche den Sinn für die idealen Güter der Nation. Das südliche oder judäische Reich, wo wegen der Davidischen Traditionen und der mächtigen Priesterschaft des Centraltempels die heidnischen Gelüste einzelner den lonr und Großen nie auf die Dauer durchdringen konnten, wurde der Sitz einer geläuterten Jahvereligion, wogegen das nördl. Reich seit Ahabs Regierung tiefer in heidnisches Wesen versank. Das Prophetentum (s. Propheten), welches seit Samuels Tagen dem Königtum zur Seite ging, ward in beiden Reichen der eigentliche Träger der religiösen Idee und arbeitete unablässig an Vergeistigung des Gottesbegriffs, an Schärfung und Vertiefung der sittlich-religiösen Forderungen. Auch die Propheten des nördl. Reichs blickten bei der polit. und religiösen Zerrüttung in Ephraim auf das Reich Juda und das And Rer Königshaus als auf den nationalen und theokratischen Mittelpunkt des Volks hin. Inzwischen war durch unglückliche Kriege und sinnlose Politik die äußere Macht beider Reiche immer tiefer gesunken. Das Reich Israel, wo nacheinander 19 Könige aus verschiedenen Geschlechtern oft genug durch Thronrevolutionen und Ermordung ihrer Vorgänger zur Regierung gekommen waren, ward trotz seiner größern Hilfsmittel zuerst eine Beute der assyr. Eroberer. Sargon, der Nachfolger Salmanassars, nahm Samaria, die Hauptstadt Jsraels, und verpflanzte die Aristokratie des Volks in die medischen Berge 720 v. Chr. (assyr. Gefangenschaft). Das politisch schwächere, aber an innerer Kraft stärkere Reich Juda überstand glücklich die auch ihm von Assyrien drohende Gefahr und erhielt seine Unabhängigkeit noch über ein 1e Haule 3. Unter seinen 20 Königen aus Davids Hause zeichneten sich Asa, Josaphat, Usia, Hiskia und Josia durch Regententugenden und Eifer für den nationalen Gottesdienst aus. Indes war es weniger (wie die Propheten es auffaßten) der Abfall anderer Könige von dem wahren Gott und seinem Gesetze als die allgemeine Lage der Dinge, welche auch Juda in die großen Welthändel Vorderasiens mit hineinzog und abwechselnd bald von Agypten, bald von Assyrien und nachmals von Babylon abhängig machte, bis endlich der König von Babylon, Nebukadnezar, 586 v. Chr., Jerusalem eroberte, den Tempel plünderte und verbrannte, den letzten König Zedekia blendete und den Kern des Volks nach Babylon abführte. (S. Babylonisches Exil.) Der Name H. wich allmählich, namentlich seit der sog. Zeit des Exils, dem üblichern Namen Juden (s. d.). * Ewald, «Geschichte des Volks Israelo (3. Aufl., 7 Bde., Gött. 1864 — 68); Hitzig, «Geschichte des Volks JSrael v (Lpz. 1869); A. Köhler, „Lehrbuch der biblischen Geschichte des Alten Testamentso (Erlangen 1875 fg.); Stade, «Geschichte des Volks Jsraelh (Berl. 1881 fg.); von Ranke, «Weltgeschichtes (Bd. 1, Lpz. 1881). Jüdischerseits Jost, „Allgemeine Geschichte des israel. Volks „ (2 Bde., Berl. 1831 — 32); Grätz, «Geschichte der Juden v (Bd. 1—3, Lpz. 1862—75). „Hebräerbrief oder Brief an die Hebräer ist der überlieferte Name einer der wichtigsten Schriften des neutestamentlichen Kanons. Im Morgenlande ziemlich frühzeitig dem Apostel Paulus zugeschrieben, im Abendlande bis zum Ende des 4. Jahrh. BDrier de 2 der Brief seitdem allgemein als 14. Brief des Apostels Paulus in die neutestamentliche Schriftensammlung aufgenommen worden. Seit Luther, der ihn für ein Werk des Apollos hielt, ist die paulinische Abkunft des Briefs von Protestanten bestritten und von der neuern Kritik aus sprachlichen und sachlichen Gründen widerlegt worden. Der wirkliche Verfasser ist ebenso unbekannt wie sein und seiner ursprünglichen Leser Wohnsitz ungewiß. Nach älterer Meinung an die Judenchristen in Palästina (daher der Name «Hebräero) gerichtet, ist er nach einer neuerdings vielverbreiteten, aber nicht minder zweifelhaften Ansicht von einem alexandrinisch gebildeten Verfasser an die jüd.⸗christl. Gemeinde Alexandrias geschrieben. Vieles spricht aber statt für Alexandria für Rom als Bestimmungsort des Briefs. Vereinzelt steht die schon von Tertullian überlieferte, von verschiedenen Neuern wiederaufgenommene Meinung, daß Barnabas der an Keer des Briefs sei. Ungewiß ist auch die Zeit seiner Abfassung. Da der Verfasser so redet, als ob der Tempel zu Jerusalem noch stehe, so haben die meisten an die zweite Hälfte des 7. Jahrzehnts n. Chr. gedacht; doch gibt es erhebliche Gründe für ein mindestens zwei Decennien späteres Datum. Was den Inhalt des Briefs betrifft, so sucht derselbe judenchristl. Leser von der Notwendigkeit der Aufhebung des jüd. Ceremonialgesetzes und Opferkultus im Christentum zu überzeugen, indem er den alten Bund als das schattenhafte Vorbild des neuen, in Christi Blut geschlossenen Bundes betrachten lehrt und im Gegensatz zu dem alttestamentlichen Tempelkultus Christum als das vollkommene Opfer und als den vollkommenen Hohenpriester darstellt, dem gegenüber die alttestamentlichen Opfer und das levitische Priestertum ihre Bedeutung verloren haben. Der Brief, nächst den paulinischen Briefen an die Römer, Galater und Korinther das wichtigste Lehrschreiben des Neuen Testaments, versetzt uns also in eine Zeit, wo das judenchristl. Bewußtsein cbah immer gegen die zuerst durch Paulus angebahnte Erkenntnis von der wesentlichen Neuheit der christl. Religion ankämpft. Er setzt die Lehre des Paulus voraus und scheint sich auch die Form der paulinischen Sendschreiben zum Muster genommen zu haben, ohne daß jedoch hieraus auf eine entschiedene paulinische Richtung des Verfassers geschlossen werden dürfte. Wenigstens der Hauptgedanke des paulinischen Evangeliums, die völlig gleiche Berechtigung der Heiden mit den Juden in der Messiasgemeinde, wird völlig mit Stillschweigen übergangen, und auch sonst finden sich im Lehrbegriff mancherlei Verschiedenheiten von Paulus. Die Lehreigentümlichkeiten des Briefs erklären sich aber sämtlich aus dem Gedankenkreise der alexandrinischen Religionsphilosophie, den der Verfasser zuerst mit den Anschauungen des Urchristentums und paulinischen Ideen zu einem neuen Ganzen verschmolzen hat. Die eingehendste Darstellung des Lehrbegriffs des H. ist von Riehm (Ludwigsb. 1858; 2. Aufl. 1867); Kommentare sind von Bleek (der größere, 2 Abteil., Berl. 1828—40, der kleinere, Elberf. 1869), Tholuck (3. Aufl., Hamb. 1850), Lünemann (4. Aufl., Gött. 1878), De Wette (3. Aufl., bearbeitet von Möller, Lpz. 1867), Delitzsch (Lpz. 1857), Kurtz (Mitau 1869), Hofmann (Nördl. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 944Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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