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ErdkundeBrockhaus 1882

Lyon, die Hauptstadt des Depart. Rhöne, nach Paris die größte und wichtigste Stadt Frankreichs, Sit eines Erzbischofs, eines prot. und eines israel. Konsistoriums, eines Appellhofs, eines Tribunals erster Instanz, eines Handelsgerichts und von sechs Friedensgerichten, einer Handelskammer, eines Gewerberats, einer Filiale der Bank von Frankreich und zweier Militärdivisionen, bedeutendste Fabrikstadt des Reichs in Seidenwaren, liegt am Zusammenfluß des Rhöne und der Saöne malerisch auf der südwärts langgestreckten Halbinsel zwischen beiden Flüssen, auf der rechts liegenden, hügeligen Uferwand, und auf der links liegenden Ebene in einer reizenden, von Gärten, Weinpflanzungen und Landhäusern erfüllten Gegend. Die Stadt zerfällt in 6 Arrondissements mit 27 Parochien und zählte 1881 mit den 6 Vorstädten, von denen Vaise im Westen, La-Croix-Rousse im Norden und La-Guillotiere sowie Les Brotteaux im Osten durch ein Dekret vom 24. März 1852 erst definitiv ihr einverleibt wurden, insgesamt 347 619 E. Die Stadt ist ein Kasernenplatz, Festung ersten Ranges, seit der Revolte von 1834 durch eine Festungslinie im Osten, durch 18 detachierte Forts auf dem rechten Saöne⸗ und dem linken Rhöne-Ufer verteidigt; letztere werden jetzt (1885) durch äußere Forts ersetzt. Die Straßen sind noch meist eng, winkelig, die Häuser zwar massiv, aber oft von übergroßer Höhe, zum Teil bis sieben Stockwerke hoch. Indes hat die Stadt auch mehrere lange, breite und regelmäßige Straßen (z. B. die erst 1855 —56 gebrochene Rue de la République, früher Rue Imperiale und Rue de Lyon, von 22 m Breite und 1200 m Länge), 56 meist schöne Plätze, 28 ausgezeichnete Kais, von denen der Rhönekai St.⸗Clair besonders berühmt ist, 10 Rhöne⸗ und 13 Saönebrücken, 15 städtische Zollstätten und 7 Bahnhöfe. Die Place Bellecour, einer der größten Plätze Europas, von stattlichen Gebäuden umgeben, enthält schöne Kastanienalleen, Gartenanlagen, Bassins, Springbrunnen, zwei Pavillons (seit 1856) und die Reiterstatue Ludwigs XIV. (seit 1825). Sodann sind hervorzuheben die Place des Terreaux, berüchtigt durch die Hinrichtungen in der ersten Revolution, die Place Perrache (früher Louis Napoleon, erst Place de Louis XVIII) früher mit der Reiterstatue Napoleons I., die 1871 zerstört wurde, die Place Sathonay mit Kastanienpflanzungen und der Statue Jacquards, die Place Tholozan mit der Bronzestatue des Marschalls Suchet (seit 1858). Unter den Brücken zeichnet sich aus der Pont de Tilsit oder d'Archeveché, der Pont Lafayette, der Pont de la Guillotière (351 mlang, mit 11 Bogen). Von den sehr zahlreichen Gotteshäusern (darunter 3 prot. Kirchen und eine Synagoge) sind die bedeutendsten: die alte Kathedrale St.⸗Jean, ein 1476 vollendeter Bau in gemischtem byzant.⸗got. Stil, mit vier Türmen, prachtvollem Portal, der größten Glocke Frankreichs (35000 Pfd.), einer merkwürdigen astron. Uhr und vielen Gemälden, welche ihr der Kardinal Fesch als Erzbischof schenkte; die Kirchen Aisnay (auf der Stelle eines röm. Tempels), St.⸗Irönée, St.⸗Nizier, St.⸗Polycarpe (mit der größten Orgel), St.⸗Paul, Notre-Dame. Letztere ist eine uralte Kultusstätte mit einem wunderthätigen Marienbilde auf der Höhe von Fourvieres, die eine großartige Aussicht bis zu den Schneegipfeln des Montblanc bietet. Von den übrigen öffentlichen Gebäuden zeichnen sich besonders aus: das Städthaus, eins der größten Europas (1646 —55 von Simon Maupin erbaut, 1674 durch Feuersbrunst zerstört, 1702 von Mansart und 1868 besser von Desjardins restauriert), seit 1858 Sitz der im Präfekten vereinigten Departemental⸗ und Municipaladministrationen, mit dem Stadtarchiv, den kühnen Bronzegruppen des Rhöne und der Saöne, einem Glockenturm, Kuppeln und einer Reiterstatue Ludwigs XIII. an der Facade; gegenüber das Massif des Terreaux, ein großer, schöner Bau mit den kolossalen Statuen Simon Maupins und Philibert Delormes; der 1883 restaurierte Palast St.⸗Pierre oder der schönen Künste, ursprünglich ein großes Benediktinerkloster von schönem Baustil, mit den Räumen der Kt reichsten Museen der Stadt und zw. der Handels⸗ und Börsenpalast (186 das schönste Gebäude der Stadt mit Facaden; der Justizpalast (früher Pa mit einer Kolonnade von 24 korinth. sind zu erwähnen: das große Thea von Soufflot aufgeführt), neben we 1858 umgebaute Theätre des Celesti weise abgebrannt und neu aufgeführ des Variétés, das Theätre Bellecour bestehen; ferner die Bank, die Taba Hotel der Militärdivision, das Art mehrere der Kasernen, besonders Pe fängnisse und Hospitäler. Eine Wa sitzt die Stadt erst seit 1856. L. ist reich an wissenschaftlichen und Anstalten. Von erstern sind zu nenne mie, bestehend aus der Fakultät der? Wissenschaften, der Litteratur und der schaft, die Fakultät für Mediziner ceuten, ein Lehrstuhl für Handelsre arzneischule, die Artillerieschule, zw Knaben und eins für Mädchen, das gr unstschule, den [Pfarrerseminar, die Taubstummenlehranstalt und dei Bibliotheken, Blindenanstalt, die Schule der schönen Künste, die 60 inauguriert), Acker⸗ und Gartenbauschule, die Gewerbeschule, die zwei prächtigen centrale Handels⸗ und Industrieschule. Sodann lais de Roanne) sind zu bemerken die Stadtbibliothek von über „Säulen. Noch 200000 Bänden und 2400 Handschriften in den ater (1827 — 30alten Räumen des ehemaligen Jesuitenkollegiums, elchem noch das in welchem sich auch das große Lyceum befindet: tins, 1881 teil⸗ die Bibliothek des Palais des Beaux-Arts von rt, das Theätre 160000 Bänden, nebst 40000 Kupferstichen und rund ein Cirkus! Zeichnungen, sowie die zu demselben gehörigen Topographische Lage von Lyon. aksfabrik, das Museen für Gemälde, Skulpturen, Antiquitäten, tilleriearsenal, Naturalien; der botan. Akklimatisationsgarten; die art-Dieu, Ge-Sternwarte; zahlreiche gelehrte und gemeinnühige isserleitung be-Gesellschaften, wie die Akademie der Wissenschaften d wohlthätigen das großartige Hötel-Dieu (schon im 6. Jahrh. von en: die Akade-Childebert gegründet), das Hospice de la Charite Theologie, der (im 16. Jahrh. von dem Deutschen Kleeberger ge⸗ »Rechtswissen-stiftet) und das Krankenhaus Antiquaille auf und Pharma⸗ Fourvieères, sowie unzählige religiöse Asyle. scht, die Tier⸗ Trotz aller Konkurrenz des In⸗ und Auslandes dei Lyceen für nimmt die Vaterstadt Jacquards in der Seidenroße und kleine manufaktur noch immer den ersten Rang auf der Erde ein, hinsichtlich der Ausdehnung sowohl als auch der hohen künstlerischen Entfaltung, namentlich in den gemusterten Stoffen. Zwar bestehen keine eigentlichen Seidenfabriken, aber viele große Unternehmer, auf deren Bestellung die Arbeiten à fagon (stückweise) in kleinen selbständigen Werkstätten, denen man die Seide und die Muster liefert, ausgeführt werden. Man rechnet die Zahl der also beschäftigten Webstühle in der Stadt und ihren weitern Umgebungen innerhalb des Rhöne⸗ und der benachbarten Departements auf 70000, die der dabei beschäftigten Arbeiter auf 140000, wovon die Hälfte auf L. selbst kommen. Der Wert der jährlich erzeugten Fabrikate wird auf 300 Mill. Frs. angeschlagen. An diese Textilindustrie schließen sich 80 Färbereien mit 1500 Arbeitern, die Gold⸗ und Silberwirkerei mit 800 Arbeitern, die Fabrikation von Tacdrien Stühlen und andern zur Weberei gehörigen Utensilien. Außerdem hat L. 80 Werkstätten für die einst blühendere Hutmacherei, die immer noch jährlich 450000 Hüte liefern, 12 große Maschinenbauanstalten, 10 Kesselschmieden, bedeutende Etablissements für Eisenindustrie mit 9000 Arbeitern, Kupfer⸗, Glocken⸗ und Bronzegießereien,‚ zahlreiche Fabriken für Gold⸗ und Silbergeräte, Tressen, Bijouterie⸗ und Quincailleriewaren, für Draht, Knöpfe, Nadeln, künstliche Blumen. Auch bestehen hier nächst Paris die bedeutendsten Buntpapier⸗ und Tapetenfabriken, sowie die angesehensten Buchdruckereien, Buch⸗ und Kunsthandlungen, viele Fabriken für Chemikalien, Liqueure, Ol, Kerzen, Seifen, Parfümerien, Chokolade, Wachstuch, für Kunsttischlerarbeiten, Fayence- und Töpferwaren u. s. w. Man zählt auch 15 Bierbrauereien. Bei so großartiger und vielseitiger Fabrikthätigkeit ist ebenso der Handel von großer Bedeutung. Derselbe wird auch' gefördert dürch die günstige Lage der Stadt an dem Zusammenflusse zweier von Schiffahrt jeder Art belebten Flüsse und im Mittelpunkte wichtiger, sich hier kreuzender Straßen (zwischen dem Mittelmeer, dem Innern Frankreichs, der benachbarten Schweiz und Italien), sowie durch die Linie Paris-Marseille der Paris-L.⸗Mittelmeerbahn, die hier nach Besanzon, Grenoble, Nevers, Roanne, Montbrison und Bourg, sowie mittels Lokalbahnen nach Trévoux, St.⸗Genix d'Aoste abzweigt. L. kauft jährlich für 180 Mill. Frs. Seide aus Frankreich, Italien, der Levante, Indien, China und Japan auf und exportiert für 210—220 Mill. Frs. Seidenstoffe, etwa drei Viertel seiner Produktion. Bedeutend ist auch der Handel mit Wein und Branntwein, den 280 Großhändler betreiben, mit Baumwolle und Schafwolle (5—6 Mill. Kg jährlich), mit Tüchern und Zeugen, Würsten, Stein- und Holzkohlen, Kastanien, Käse, Epicerien und Droguen, Korn, Mehl, Öl, Seife und ital. Strohhüten. Geschichtliches. L. war schon zur Zeit der alten Gallier eine bedeutende Stadt und der große Markt Galliens. Sie lag im Gebiet der Segusianer im lugdunensischen Gallien und wurde Lugdunum genannt. Munatius Plancus führte 43 v. Chr. eine röm. Kolonie dahin, und bald gewann die Stadt unter der röm. Herrschaft Ansehen und große Blüte. Augustus residierte mehrere Jahre daselbst; Knaiser Claudius wurde (wie Germanicus und Caracalla) hier geboren und verschönerte die Stadt. Sie hatte einen prächtigen kaiserl. Palast und eine Münzstätte. Unter Nero brannte L. ab und erhielt nach der Wiederaufbauung den Rang vor allen gallischen Städten. Noch sinden sich aus der Römerzeit die Reste von drei Aquädukten, einer Naumachie, zwei Theatern u. s. w. Das Christentum fand in L. zuerst in Gallien festen Boden. Das Blut vieler Märtyrer floß hier, aber auch die erste christl. Kirche Galliens wurde hier gegründet. In der Völkerwanderung erlitt L. harte Schläge. Stilicho überließ es 407 den Burgundern, die es zu einer der vier Hauptstädte ihres Reichs in Gallien machten. Unter Chlotar I. eroberten es 534 die Franken. Von nun an teilte L. die Schicksale des fränkischen und neuburgund. Reichs und erhob sich während dieser Zeit, trotz der Plünderung durch die Sarazenen im 8. Jahrh., immer mehr, besonders unter Karl d. Gr. Mit der umliegenden Landschaft bildete es die unter eigenen Grafen stehende und zum Arelatischen Reiche gehörende Grafschaft Lyonnais, und unter Kaiser Konrad II. kam es mit Arelat zum Deutschen Reiche. Aus der Gerichtsbarkeit und Gewalt der Grafen kam Stadt und Grafschaft 1173 unter die der Erzbischöfe von L., die von jeher große Macht und Einfluß besessen hatten. Hier wurden 1247 und 1254 zwei wichtige Kirchenversammlungen gehalten. Die Erzbischöfe von L. begaben sich jedoch 1274 unter franz. Schutz, und 1363 wurde Lyonnais förmlich mit dem Königreich Frankreich vereinigt, bei dem es seitdem verblieb. Mehr als jede andere Stadt Frankreichs litt L. in der ersten Revolution. Obschon das Volk 1789 das feste Schloß Pierre-en-Cise zerstörte, bewies sich die Stadt im ganzen doch sehr lau für die Revolution und trat endlich offen gegen das Schreckensregiment auf, indem sie 29. Mai 1793 die Fahne des Aufstandes erhob und die jakobinische Municipalität vertrieb. Doch schon 7. Aug. 1793 begann ein Heer des Konvents die Belagerung der Stadt, die sich 10. Okt. auf Gnade ergeben mußte. Die für schuldig Erachteten wurden zu Hunderten von den Siegern mit Kartätschen niedergeschossen, und der Konvent sprach über die Stadt, die den Namen Commune affranchie erhielt, die Vernichtung aus, deren Vollziehung Collot d'Herbois, Fouché und Couthon übertragen ward. Gegen 6000 Menschen wurden hingeopfert, und fünf Monate lang riß man die schönsten Gebäude nieder. Auch der 9. Thermidor war nicht ohne blutige Reaktionen für L. Nur langsam erholte sich die Stadt von diesen Schlägen. Erst seit 1815 nahm Handel und Seidenfabrikation großen Aufschwung, der aber in neuerer Zeit durch die polit. Revolutionen wieder in Abnahme kam. Außer der Konkurrenz, auf die L. in andern Ländern stieß, schadeten ihr namentlich die drei blutigen Aufstände 1831, 1834 und 1849. Der erste, der 21. Nov. 1831 ausbrach, ging von den Seidenwebern (canuts) in der Vorstadt La-Croir-Rousse aus, und konnte erst durch die Ankunft des Marschalls Soult mit 20000 Mann 3. Dez. unterdrückt werden. Im April 1834 brach ein neuer Aufstand aus. Die Republikaner verbanden sich mit den Arbeitern zum Sturze der Regierung, .und erst nach fünftägigem erbitterten Kampf schlugen die Truppen den Aufstand nieder. Statt des Reepublikanismus gewann hierauf der Ultramontanismus in L. einen Herd. Im Okt. und Nov. 1840 „richteten die überschwemmungen der Saöne unge⸗ ,heuern Schaden an. Der Tumult vom 24. Febr. C1848 auf die Nachricht von der Revolution in Paris hatte keinen erheblichen Erfolg. Dagegen brach 15. Juni 1849 ein Volksaufstand aus, der mit dem pariser Tumult in Verbindung stand und durch den General Magnan niedergeworfen wurde. Vgl. Clerjon, Hlistoire de L.„ (4 Bde., Lyon 1829—35); Beaulieu, Histoire du commerce de L'industrie et des fabriques de L.v (Lyon 1838); Ogier, La France, par cantons et par communeso (Département Rhönes, 3 Bde., Lyon u. Par. 1856);: Monfalcon, Histoire monumentale de L.o (8 Bde., Par. 1866—70); Joanne, «L. et ses environs (3. Aufl., Par. 1876); «Révolution française;: Lyon en 1789 jusqu'au 11 Empirev (9 Bde., Lyon 1881—-85).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 290Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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